Interview

Stephan Zinner: "Man kann "Rosenheim-Cops" und "Himmel, Herrgott, Sakrament" nicht vergleichen"

Franz Xaver Bogners Erfolgsserie geht in die zweite Staffel. Stephan Zinner spricht im Interview über seine Rolle als rebellischer Pfarrer, den Unterschied zu den Rosenheim-Cops und neue Nockherbergpläne.
Adrian Prechtel
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Da muss der hohe Kleriker über seinen Schatten springen: Kardinal Brunnenmayr (Erwin Steinhauer) segnet auf Druck von Pfarrer Reiser (hinen links: Stephan Zinner) die Beziehung seiner Schwester(Sylvia Eisenberger) mit deren Lebensgefährtin (Traute Hoess). Die Freundin des Pfarrers, Lisa (hinten rechts: Anne Schäfer) freut die Liberalisierung.
Da muss der hohe Kleriker über seinen Schatten springen: Kardinal Brunnenmayr (Erwin Steinhauer) segnet auf Druck von Pfarrer Reiser (hinen links: Stephan Zinner) die Beziehung seiner Schwester(Sylvia Eisenberger) mit deren Lebensgefährtin (Traute Hoess). Die Freundin des Pfarrers, Lisa (hinten rechts: Anne Schäfer) freut die Liberalisierung. © Barbara Bauriedl / BR

Die ersten Folgen von "Himmel, Herrgott, Sakrament" legten im Bayerischen Fernsehen den erfolgreichsten Serienstart des jungen Jahrtausends hin – mit Marktanteilen von knapp 30 Prozent im Freistaat und über einer Million Zuschauern. Grund genug für eine zweite Runde. Franz Xaver Bogner führte erneut Regie. Stephan Zinner ist wieder Pfarrer Reiser – eine Figur, angelehnt an den Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler.

AZ: Herr Zinner, werden Sie nach Ihrem Einsatz als Fastenprediger und dem Erfolg von "Himmel, Herrgott, Sakrament" schon mal als Herr Pfarrer oder gar Hochwürden angesprochen?
STEPHAN ZINNER: Grundsätzlich nicht, aber neulich in der Wirtschaft sagt wirklich einer: "Ah, der Herr Pfarrer …". So wie früher am Land.

Sie selbst sind ja interessanterweise lutherisch, wenn auch aus Trostberg bei Traunstein.
Die Mama ist evangelisch, der Vater katholisch – und man hat sich auf evangelisch geeinigt. In der Schule waren wir Evangelischen schon deutlich weniger, aber im Freundeskreis hat sich das alles wieder gemischt. Ich hab’ auch in der Kolpingjugend Gitarre gespielt. Ich kenn’ den Laden, habe aber eine freiere Außensicht, was gut ist, um den Pfarrer Reiser zu spielen. Ich stehe unter keinen Dogmen und muss auch nicht gleich zur Beichte gehen, wenn ich dem Rebellen eine Stimme gebe.

Aufgewachsen bei Traunstein, erhielt der Schauspieler seine Ausbildung an der Schauspielschule Zerboni in München. Er war Ensemblemitglied am Salzburger Landestheater und an den Kammerspielen. Zinner ist dazu auch Autor, Musiker und Kabarettist. In diesem Jahr hielt er auch die Fastenpredigt am Nockherberg.
Aufgewachsen bei Traunstein, erhielt der Schauspieler seine Ausbildung an der Schauspielschule Zerboni in München. Er war Ensemblemitglied am Salzburger Landestheater und an den Kammerspielen. Zinner ist dazu auch Autor, Musiker und Kabarettist. In diesem Jahr hielt er auch die Fastenpredigt am Nockherberg. © IMAGO/Sven Simon

War nach sechs Folgen nicht schon alles gesagt? Herr Bogner hat der AZ erzählt, dass er erst einmal ziemlich blank war, als es plötzlich wegen des großen Erfolgs eine zweite Staffel geben sollte.
Ja, der Franz! Das ist auch ein bisschen professionelle Koketterie von dem alten Fuchs. Der hatte schon noch was im Köcher. Und er hat sich mit dem Pfarrer Schießler unterhalten und daraus dann die Sache weitergesponnen. Mit der Beziehung zu einer Frau und dem Zölibat war ja noch genug Zündstoff drin. Als ich das Drehbuch bekommen habe, habe ich gleich gemerkt: Ja, das ist cool, das geht gut weiter.

Besteht eine Attraktion der Serie darin, dass hier einer die Dogmen und Autorität der katholischen Kirche in Frage stellt?
Ja, sicher. Vor allem, weil es ja noch die wirkliche Figur dahinter gibt. So jemand wie Pfarrer Schießler sieht die Kirche nicht als abgeschlossenes, starres Ding, sondern als eine Kirche mitten in der Gesellschaft und deshalb in Bewegung – und vor allem eine, die niemanden ausschließt. Das ist für ihn ganz natürlich.

Eine Drehbuch–Coautorin hat mir erzählt, dass eine Grundidee war: Jede Folge bekommt einen eigenen Aspekt christlicher Hilfe oder Nächstenliebe.
Das habe ich gar nicht gewusst, aber ja – wenn ich jetzt nachdenke… Ja, es ist eine schöne Idee und wirklich ein guter Faden.

Von links: Hanni Steiger (Barbara Weinzierl), Emil Hurtinger (Oliver Bürgin), Pfarrer Reiser (Stephan Zinner), Luise Drescher (Petra Bernd) und Carla Seitz (Anuschka Tochtermann).
Von links: Hanni Steiger (Barbara Weinzierl), Emil Hurtinger (Oliver Bürgin), Pfarrer Reiser (Stephan Zinner), Luise Drescher (Petra Bernd) und Carla Seitz (Anuschka Tochtermann). © Barbara Bauriedl / BR

Wir leben in zunehmend säkularen Zeiten. Gerade sind die beiden großen christlichen Kirchen zusammen unter die 50–Prozentmarke an kirchlich Gebundenen in der Bevölkerung gefallen. Warum ist dann die Serie "Himmel, Herrgott, Sakrament" so beliebt?
Ich habe dafür keine soziologische Erklärung, außer dass die Geschichte gut erzählt ist und man unsere Spielfreude spürt. Aber vielleicht sind Fragen wie nach dem Zölibat oder der Unfehlbarkeit und Kindheitserinnerungen immer noch wirksam, auch wenn jemand den Laden längst verlassen hat. Da wirken wohl 2000 Jahre Kirchengeschichte nach.
Fast jeder hat ja auch eine Familiengeschichte, in der das Christliche oft schon in einer Generation über einem, noch eine Rolle gespielt hat. Und wenn man das dann nicht nostalgisch verklärend darstellt, hat man beides: Tradition und Kritik – und da kann sich dann ja jeder einordnen.
Eine schöne Analyse des Erfolgs.

Stephan Zinner, Philipp Kreuzer, Franz Xaver Bogner und Marlene Schlegel bei der Überraschungsmatinee zu Franz Xaver Bogners 75. Geburtstag im Kino Ottobrunn.
Stephan Zinner, Philipp Kreuzer, Franz Xaver Bogner und Marlene Schlegel bei der Überraschungsmatinee zu Franz Xaver Bogners 75. Geburtstag im Kino Ottobrunn. © IMAGO/Future Image

Sie haben auch mal bei den "Rosenheim Cops" mitgemacht. Was macht eine Serie attraktiv?
Man kann "Rosenheim Cops" und "Himmel, Herrgott, Sakrament" nicht vergleichen. Aber eine Sache funktioniert, wenn man Figuren vorgestellt bekommt, von denen man denkt: Ah, den kenn’ ich! Das schafft Nähe und Interesse. Und das kann der Bogner sehr gut, auch indem er die Charaktere fürs Fernsehen noch einmal schärft, ohne sie zur Karikatur zu machen. Das ist die Kunst: unterhalten, auch mit Ernstem, ohne flach zu werden.

Schauen Sie selbst viele Serien?
Ich habe auf Streaming–Plattformen auch mal in große, internationale Serien reingeschaut. Aber da spürt man oft so stark die gewollte Machart, wie künstliche Cliffhanger, damit man dranbleibt. Und dann wird ja gerade diskutiert, dass der Plot alle Viertelstunde immer wieder nacherzählt werden muss, weil Leute nebenher andere Sachen machen oder viele die Serie am Handy schauen. Wenn man so etwas aber aufmerksam schaut, ist man genervt. Dagegen ist so eine Serie von Franz Xaver Bogner Old School im besten Sinne und nimmt den Zuschauer ernst.

Dritte Staffel: Man könnte den Reiser zum Kardinal nach Rom wegbefördern 

Wenn die Sache diesmal in Rom endet, ist man ja beim Papst und damit bei der höchsten katholischen Instanz gelandet. Kann man da gegebenenfalls in einer dritten Staffel noch etwas draufsetzen?
Rom ist immer eine Reise wert und ein guter Ort, um große Fragen zu stellen, aber nicht unbedingt, um einfache Antworten zu bekommen. Aber ganz sicher wird der BR eine weitere Staffel aus finanziellen Gründen nicht in Rom spielen lassen.
Aber man könnte Pfarrer Reiser, um ihn ruhig zu stellen, ja zum Kardinal wegbefördern.
Keine Angst, wenn der Franz gefragt wird, fällt dem Bogner schon noch was ein.

Wenn man Ihren Terminkalender und all die Projekte sieht: Wie vermeiden Sie eigentlich die Burn–out–Gefahr?
Ich glaube, es ist der ständige Genre–Wechsel: Kabarett, Schauspiel, die Band, Schreiben. Das bringt immer wieder eine frische Energie. Wenn ich mit einem einzigen Programm monatelang durch Deutschland touren würde, wäre das gefährlicher.

Wenn man Sie auf WhatsApp kontaktieren will, gibt es eine Fehlanzeige. Ist das eine Form der Abschirmung?
Absolut. Mir schadet das überhaupt nicht, wenn ich mal auf einem Kanal nicht erreichbar bin. Ich kann dann immer, wenn’s heißt "Stephan, wir tun dich da in diese WhatsApp–Gruppe rein", sagen, geht Gott sei Dank nicht. Einen gewissen Grundzweifel am Social–Media–Dauerrauschen gibt es bei mir. Und als Nutzer hat man ja auch eine gewisse Marktmacht.

Liebespaar mit Zölibatsproblmen: Lisa (Anne Schäfer) und Hans Reiser (Stephan Zinner).
Liebespaar mit Zölibatsproblmen: Lisa (Anne Schäfer) und Hans Reiser (Stephan Zinner). © Barbara Bauriedl / BR

Sie hatten Ihre Premiere als Fastenprediger. Haben Sie die Kritiken vom Nockherberg gelesen?
Nicht das gesamte Rauschen im Blätterwald. Aber ich mache auch keinen großen Bogen um die Zeitungskästen. Man weiß ja auch seit Jahren, wie das läuft, da muss man Kritik aushalten. Außerdem sieht das jeder ja aus einer anderen politischen Perspektive. Früher war Kritikannahmefähigkeit nicht meine große Stärke, aber ich habe gelernt, dass Kritik einem durchaus helfen kann.

Wissen Sie, ob es mit Ihnen am Nockherberg weitergeht?
Die von Paulaner haben mir jedenfalls nach meinem Auftritt keinen Maßkrug hinterhergeworfen. Wir haben ausgemacht, dass wir im Sommer im Biergarten eine Maß trinken und alles weitere besprechen.

Alle sechs neuen Folgen sind bereits in der ARD Mediathek abrufbar. Ab Freitag 10. April gibt es im BR Fernsehen, 20.15 Uhr, immer freitags eine Doppelfolge.

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