Sportserie "Ted Lasso": Hol den Lasso raus!

Die für zwei Golden Globes nominierte Sportserie "Ted Lasso" ist gleichsam witzig wie menschlich.
| Florian Koch
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Ted Lasso (Jason Sudeikis) bearbeitet seinen grummelnden, in der Eistonne sitzenden Football-Kapitän Roy Kent (Brett Goldstein).
Ted Lasso (Jason Sudeikis) bearbeitet seinen grummelnden, in der Eistonne sitzenden Football-Kapitän Roy Kent (Brett Goldstein). © Apple TV

Filme, die ohne große Werbung zum Stadtgespräch werden. Die über Altersgrenzen hinweg die Menschen gleichsam berühren wie unterhalten, ohne dabei ihre Figuren zu verraten. Solch "Ziemlich beste Freunde" trifft man seltener bei geschlossenen Kinos und einem immer unübersichtlicheren Streamingangebot.

Lebensbejahender Optimismus der Serie "Ted Lasso"

Da mag es fast schon zynisch klingen, wenn ausgerechnet einem globalen Konzern wie Apple ein solches Kunststück gelingt. Doch Apples US-Serie "Ted Lasso" hat es trotz wenig Werbung, aber mit positiver Mundpropaganda geschafft, ein weltweiter Publikumsliebling zu werden, dem auch bei den Golden Globes am Sonntag ein Volltreffer (nominiert sind die Serie und ihr Hauptdarsteller) zuzutrauen ist.

Den Erfolg verdankt die Culture-Clash-Komödie sicher auch der Corona-Pandemie. Denn der ansteckend lebensbejahende Optimismus von "Ted Lasso" wirkt wie ein Dopamin freisetzendes Gegengift zu all den negativen Begleiterscheinungen, die mit dem Virus und dem Lockdown verbunden sind. Die von Jason Sudeikis entwickelte Figur des Gute-Laune-Trainers ist Kennern des US-Fernsehens bereits seit 2013 durch kurze Werbeclips für den Sportsender NBCSN vertraut, für die zehnteilige Serie wird der aus Kansas stammende Ted Lasso dann in ein neues Umfeld verfrachtet, nach London.

"Ted Lasso" erscheint zunächst wie eine stereotype Aufsteigergeschichte

Dort soll der amerikanische College-Football-Trainer nicht nur für ihn überraschend die strauchelnde englische Fußball-Mannschaft AFC Richmond trainieren. Warum ein Mann, der weder die Abseitsregel versteht, noch eine Ahnung davon hat, dass es im Fußball nur zwei Halbzeiten gibt, dieser Job anvertraut wird, hat einen Grund: Rebecca Welton (Hannah Waddingham). Nach einer hässlichen Scheidung bekommt die Betrogene per Gerichtsbescheid die Führung des Clubs überschrieben - und will ihn als Rache an ihrem Ex (Anthony Head) mit der Verpflichtung eines ahnungslosen Trainers gleich wieder zerstören.

Die Rechnung hat Rebecca dabei ohne Lasso gemacht, der vielleicht wenig von Fußball versteht, aber mit seiner Freundlichkeit, mit seinem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen ungeahnte Kräfte freisetzt. Zugegeben, auf dem Papier erscheint "Ted Lasso" wie eine stereotype, amerikanische Aufsteigergeschichte. Doch den Serienmachern Bill Lawrence ("Scrubs") und Sudeikis liegt viel daran, Genrekonventionen subversiv zu umschiffen und immer wieder das Zwischenmenschliche zu betonen. So sind die Spielszenen auffallend kurz gehalten, interessieren sich die Macher mehr für die Fouls in der eigenen Kabine als auf dem Platz.

Golden Globe nominierte Serie ist ein Seelenmasseur

Auf der einen Seite steht hier der alternde, miesepetrige, an die irische Fußballlegende Roy Kean angelegte Kapitän Roy Kent (Brett Goldstein), auf der anderen die arrogante, aber brillant aufspielende Ich-AG Jamie Tartt (Phil Dunster), die auch noch ständig umschwärmt wird von der blonden Spielerfrau-Influencerin Keeley Jones (Juno Temple). Hinter all diesen aus dem Umfeld des Profifußballs bekannten Stereotypen verstecken sich wesentlich komplexere Charaktere, die ihre Sehnsüchte, ihre Leidenschaften im harten Geschäft auch aus Selbstschutz lieber verstecken.

Den öffnenden Pass zu ihrer Befreiung aus dem Rollenklischee spielt dann Lasso, der sich aber auch den drängenden Fragen seines eigenen Lebens, der gescheiterten Ehe mit seiner in den USA lebenden Frau Michelle (Andrea Anders), stellen muss. Das Wunder an der Serie ist es dann auch, dass sie selbst der kleinsten Nebenfigur noch Raum für Entwicklung, für den entscheidenden Schritt aus dem Abseits ermöglicht. Und in Ted Lasso einem trotz auffälligem Schnauzbart vordergründig unauffälligen Charakter eine Plattform bietet, der die Schwächen seiner Mitmenschen zwar erkennt, sie aber niemals aus- noch benutzt, sondern stets ihr besseres Ich zum Vorschein bringt. Und auch Apple hat von diesem heiteren wie klugen Seelenmasseur noch nicht genug und gab gleich zwei Folgestaffeln in Auftrag.


Zu sehen ist "Ted Lasso" auf AppleTV+.

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