Nils wurde jahrelang geschlagen, seine "Freunde" sahen zu - am Mobbing-Trauma leidet er noch heute

Wenn Nils durch seine Heimat schlendert, kommen gemischte Gefühle in ihm auf. Da ist einerseits das wohlige Gefühl von Heimat, andererseits sind da die schmerzhaften Erinnerungen an eine Jugend, die von Mobbing, Gewalt und Ausgrenzung geprägt war. Der heute 34-jährige Finanzbuchhalter hat jahrelang unter den Schikanen seiner Mitschüler gelitten. In der ZDF-Dokumentation "37°Leben Mobbing: Unsichtbare Narben" spricht Nils offen über das Erlebte und darüber, wie sehr die Demütigungen sein Leben bis heute beeinflussen.
Alles beginnt in der siebten Klasse. Nils ist damals 14 Jahre alt und sehnt sich wie viele Jugendliche nach Anerkennung und Zugehörigkeit. "In der Freundesgruppe war es oft so, dass man ausgegrenzt und dann wieder dazu geholt wurde", erinnert sich Nils. Gerade in einem Alter, in dem Freundschaften eine große Rolle spielen, wird das Wechselspiel aus Ablehnung und Akzeptanz für ihn "wie eine Droge". "Man wurde schlecht behandelt, aber man war immer wieder froh, wenn sie einen wieder mitmachen ließen."
"Dann gab es halt auch mal ne Faust"
In der Dokumentation erzählt Nils, wie er damals mit seinen "Freunden" auf dem Bolzplatz kickte. Verliert das Team, in dem er spielt, ist er häufig der Schuldige. "Dann gab es halt auch mal ne Faust. Und ich konnte mich nicht wehren. Ich weiß nicht warum, ich konnte es nicht." Dass Nils sich nicht wehrt, spricht sich offenbar herum. Eines Tages lauern ihm Jugendliche in einem Parkhaus auf. Sie bedrängen ihn, schlagen ihm ins Gesicht und verpassen ihm eine Kopfnuss. Doch damit nicht genug: Die Gewalt wird auch noch öffentlich zur Schau gestellt. "Das Ganze wurde mit einer Kamera aufgenommen und bei YouTube hochgeladen."
Die Angst vor dem nächsten Übergriff wird zum ständigen Begleiter. Irgendwann fürchtet sich Nils vor seinem Alltag und geht nur noch ungern zur Schule. Besonders traumatisch bleibt ihm ein Abend in Erinnerung, an dem er mit seiner "Freundesgruppe" zu einer Hausparty eingeladen ist. Drei Gäste folgen ihm, drängen ihn in eine Ecke und schlagen ihn zusammen. Die Menschen, mit denen er zuvor noch Zeit verbracht hat, greifen nicht ein. Seine "Freunde" sitzen dabei und sehen zu. Das Gefühl von Hilflosigkeit von damals lässt Nils bis heute nicht los.
Doch die Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln. Das zeigt sich Jahre später, als Nils in einem Lokal sitzt und zwei ehemalige Mitschüler hereinkommen. "In mir hat sich sofort alles zusammengezogen", gesteht Nils. Einer der beiden kommt auf ihn zu, boxt ihm auf die Schulter und sagt "Na, kennst du mich noch?". Für Nils fühlt es sich an, als wäre er wieder zurück in seiner Jugend: "Und ich habe mich wieder gefühlt, wie ein kleiner Junge."
Dabei ist Nils zu diesem Zeitpunkt bereits Anfang 30. Trotzdem kann er weder etwas sagen noch sich bewegen. Die Angst versetzt ihn in eine Schockstarre. Mit seinen Eltern hat er über die jahrelangen Demütigungen nie gesprochen. Sein Vater ist inzwischen gestorben, ohne jemals erfahren zu haben, was seinem Sohn widerfahren ist.
Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung
Nils hat all das lange mit sich allein ausgemacht. Die Folgen machen sich schließlich auch körperlich bemerkbar: Auf einem Festival erleidet er seine erste Panikattacke und muss ins Krankenhaus. Von da an hören die Attacken nicht mehr auf. Schließlich muss Nils in eine Klinik. Die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bringt für ihn zumindest eine Erklärung. Er ist erleichtert, weil er nun besser versteht, was mit ihm los ist.
Doch die Erfahrungen aus seiner Jugend wirken weiter nach. Nils fällt es schwer, zwischenmenschliche Beziehungen zuzulassen und anderen Menschen zu vertrauen. Zweifel und Angst begleiten ihn im Alltag und beeinflussen sein Leben bis heute. In der Therapie findet er einen Ort, an dem er offen über alles sprechen kann. Sich seiner Vergangenheit zu stellen, ist für ihn eine Befreiung.
Inzwischen hat Nils tolle Menschen in seinem Leben, die ihm viel bedeuten. Doch seine Geschichte zeigt, wie lange Mobbing nachwirken kann. Selbst dann, wenn die eigentlichen Übergriffe längst vorbei sind. Für Nils steht fest: Es muss sich etwas ändern. Nicht die Betroffenen sollten sich schuldig fühlen müssen, sondern diejenigen, die ihnen das angetan haben.
"37°Leben - Mobbing: Unsichtbare Narben" ist am Sonntag, 18. Oktober, um 09.03 Uhr im ZDF zu sehen und schon jetzt in der ZDF-Mediathek.