Marianne Koch: "Man wusste das genau"

Am 19. August feiert Marianne Koch ihren 95. Geburtstag. Ein BR-Film erzählt ihre bewegte Lebensgeschichte mit einem Schwerpunkt auf dem langen Schatten der NS-Zeit.
von  Robert Braunmüller
Marianne Koch in der Reihe „Zeugin der Zeit“.
Marianne Koch in der Reihe „Zeugin der Zeit“. © BR/Michael Maylandt

Menschen im besten Alter kennen sie als Gesundheitsexpertin im "Notizbuch" des BR-Hörfunks. In vielen Wohnungen dürfte "Mein Gesundheitsbuch" im Regal stehen. Westernfans hingegen kennen sie als Filmpartnerin von Clint Eastwood im Klassiker "Eine Handvoll Dollar" von Sergio Leone aus dem Jahr 1964.

Am 19. August feiert die Ärztin, Schauspielerin und Buchautorin Marianne Koch ihren 95. Geburtstag. In dieser Woche erschien ihre Autobiografie "Mutig sein", gleichzeitig stellte der BR den sehenswerten Beitrag "Dr. Marianne Koch – Mehr als ein Leben" der Reihe "Zeugin der Zeit" in die Mediathek.

Marianne Koch in „Was bin ich“.
Marianne Koch in „Was bin ich“. © imago/teutopress

Der knapp einstündige Film ist am Sonntag auf ARD Alpha zu sehen, unverständlicherweise jedoch nicht im BR Fernsehen, das am Montag einen inhaltlich ähnlichen, älteren Beitrag der Reihe "Lebenslinien" wiederholt.

Der Erfinder des modernen Endoskops

In dieser Folge erzählte Marianne Koch erstmals von ihrem jüdischen Vater, dem Arzt Rudolf Schindler. Der gebürtige Berliner praktizierte ab 1924 in München. Mit einem Konstrukteur entwickelte er den ersten beleuchteten "biegsamen Magenspiegel", das in weiterentwickelter Form bis heute verwendete Endoskop.

Schindler wurde nach einer Denunziation 1934 verhaftet. Er emigrierte nach seiner durch Kollegen erwirkten Freilassung aus dem KZ Dachau im Sommer 1934 mit seiner ersten Familie nach Chicago und wurde zu einer der führenden Persönlichkeiten der US-amerikanischen Gastroenterologie.

Der verheiratete Arzt war die "Liebe des Lebens" von Marianne Kochs Mutter, die ihre beiden Kinder in Geiselgasteig alleinerziehend aufzog. Sie war kurze Zeit mit dem Kaufmann Rudolf Koch verheiratet, den Marianne Koch und ihr Bruder Rudolf bis 1945 für ihren leiblichen Vater hielten. Schindler lernte sie erst in der Nachkriegszeit kennen, als sie in Kalifornien drehte. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete der Arzt doch noch Marianne Kochs Mutter und lebte mit ihr noch vier Jahre bis zu seinem Tod im Alter von 80 Jahren zusammen.

Marianne Koch (1965).
Marianne Koch (1965). © imago images/United Archives

Das Vorbild für Marianne Kochs Berufswahl war ein anderer Mediziner: ein verständnisvoller jüdischer Kinderarzt, der in Grünwald praktizierte und im New Yorker Exil Selbstmord beging. "Man wusste das genau", sagt sie zur Judenverfolgung der Nazis. Man habe zwar nicht gewusst, wohin die jüdische Mieterin aus dem Haus ihrer Mutter deportiert worden war, aber es sei allen klar gewesen, dass es sich um ein tödliches Schicksal handeln würde.

Ein Euthanasie-Fall in der Familie

Die Nazi-Verbrechen trafen die Familie Koch auch direkt: Marianne Koch hatte einen pflegebedürftigen Onkel, der unter den Spätfolgen der Spanischen Grippe litt und der von ihrer Oma in Fürstenfeldbruck gepflegt wurde. Als diese ins Krankenhaus musste, wurde ihr Onkel 1943 Opfer des systematischen Massenmords an Menschen mit Behinderungen.

1945 wird das Haus ihrer Mutter in Geiselgasteig ein halbes Jahr lang von den Amerikanern beschlagnahmt. Nach ihrem Abitur am Luisengymnasium studierte Marianne Koch Medizin bis zum Physikum, der Zwischenprüfung. Dann kam der Film dazwischen: In den Semesterferien jobbte sie im Kopierwerk der Bavaria und wurde 1950 zu Probeaufnahmen eingeladen, als der Regisseur Viktor Tourjansky nach einem "herben Backfisch" suchte.

Marianne Koch als Dorothea Geiss mit Curd Jürgens In Helmut Käutners Film „Des Teufels General“ (1954).
Marianne Koch als Dorothea Geiss mit Curd Jürgens In Helmut Käutners Film „Des Teufels General“ (1954). © imago images / United Archives

Schon 1955 bekam Marianne Koch für ihre Rolle in Helmut Käutners "Des Teufels General" das Filmband in Silber als Beste Nebendarstellerin. 20 Jahre lang spielte sie in rund 70 heute oft vergessenen Filmen, darunter aber auch in internationalen Produktionen wie in dem Thriller "Das unsichtbare Netz" mit Gregory Peck.

Nicht nur Privatpatienten

In "Dr. Marianne Koch – Mehr als ein Leben" berichtet die Schauspielerin und Ärztin nicht nur von der Begegnung mit einem Nilpferd bei Dreharbeiten in Südafrika, sondern auch vom Ärger mit dem Apartheid-Regime, weil das Filmteam die örtlichen Mitarbeiter zum Essen eingeladen hatte. Sie wäre damals fast ausgewiesen worden, erzählt sie.

Marianne Koch mit Clint Eastwood in Sergio Leones Western „Für eine Handvoll Dollar“ (1964).
Marianne Koch mit Clint Eastwood in Sergio Leones Western „Für eine Handvoll Dollar“ (1964). © IMAGO/Capital Pictures

Anfang der 1970er Jahre zog sich Marianne Koch aus dem Filmgeschäft zurück. Sie nahm ihr Medizinstudium wieder auf, legte 1974 das Staatsexamen ab, promovierte und arbeitete bis 1997 als Internistin in einer Haidhauser Gemeinschaftspraxis. Ihre Kassenzulassung musste sie entsprechend der damaligen Regelung mit Vollendung des 68. Lebensjahrs aufgeben.

Marianne Koch hätte danach nur noch Privatpatienten behandeln dürfen, was sie, wie sie im Film sagt, nicht wollte. Daraufhin habe sie Bücher geschrieben, um Laien medizinische Fragen in verständlicher Sprache nahezubringen. Hinzu kam – ab dem Jahr 2000 – das wöchentliche "Gesundheitsgespräch" in der BR-Hörfunksendung "Notizbuch", das sie erst 2025 im Alter von 94 Jahren aufgab.

Marianne Koch während ihrer letzten Sendung im BR-Hörfunk.
Marianne Koch während ihrer letzten Sendung im BR-Hörfunk. © BR/Raphael Kast

Von 1962 bis 1982 gehörte Marianne Koch zur Stammbesetzung des TV-Ratespiels "Was bin ich?" mit Robert Lembke. In dem BR-Film erwähnt sie Lembkes Melancholie, die sie mit der lange verheimlichten jüdischen Herkunft des BR-Journalisten erklärt, der sich vor der drohenden Zwangsarbeit in einem bayerischen Dorf versteckte und dessen Stiefvater wie Marianne Kochs Onkel während der NS-Zeit in einer Pflegeeinrichtung ermordet worden war.

Marianne Koch mit Hans Sachs und Robert Lembke (re.) im Studio der Ratesendung „Was bin ich?“ (1988).
Marianne Koch mit Hans Sachs und Robert Lembke (re.) im Studio der Ratesendung „Was bin ich?“ (1988). © imago stock&people

Eine Nazi-Maler widersprechen

Der stärkste Moment des neuen BR-Films sind Ausschnitte aus der Talkshow "3 nach 9", die Marianne Koch von 1974 bis 1982 neben Wolfgang Menge und Gert von Paczensky moderierte. In der ersten Ausgabe sprach sie mit dem Maler Paul Mathias Padua, von dem das Propagandabild "Der Führer spricht" mit einer Bauernfamilie vor dem Volksempfänger stammt.

Padua behauptet, dass ihn der Charakter eines Porträtierten nie interessiert habe, sondern nur der zu malende Kopf. Dann bringt er die klassische Ausrede: "Gnä’ Frau, ich war ein junger Mann. Was habe ich wissen können?"

Die Schauspielerin, promovierte Ärztin und Medizinjournalistin Marianne Koch.
Die Schauspielerin, promovierte Ärztin und Medizinjournalistin Marianne Koch. © IMAGO/Klaus W. Schmidt

Marianne Koch fragt ihn kühl, wie alt er 1937 gewesen sei. Dann stellt sich heraus: 33 Jahre, kein ganz unwissender junger Mann. "Mich hat geärgert", sagt sie in dem Film rückblickend, "mit welcher Glätte er seine Position im ,Dritten Reich’ vertrat. Man kann nur annehmen, dass er sich nicht schuldig fühlte. Dann lobt sie ihre Mutter, die sie zum Selbstvertrauen erzogen habe. Im Vergleich zu den heutigen, sehr braven Talkshows habe man bei "3 nach 9" austeilen und provozieren dürfen. "Das hat Spaß gemacht", sagt sie rückblickend.

Am besten fühle sie sich, "wenn eine Verbindung zu anderen Menschen entsteht", sagt Marianne Koch. "Was soll von Ihnen bleiben?", lautet die letzte Frage des Films. Die Jubilarin zögert lange. "Dass meine Urenkel sagen: Ich habe sie nicht mehr richtig kennengelernt, aber angeblich war sie ganz prima", lautet ihre Antwort.

"Dr. Marianne Koch - Mehr als ein Leben" am 19. August um 20.15 auf ARD alpha, das Buch "Mutig sein" bei dtv (144 S, 22 €)

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.