Kritik zum Zürich-"Tatort: Züri brännt" – Starke Ermittlerinnen am Abgrund

Der Zürich-Tatort "Züri brännt" zeigt die Schweizer Großstadt fernab von fröhlichem Postkartenidyll. Ein starkes Frauenduo ermittelt in den Abgründen der eigenen Reihen.
| Sven Geißelhardt
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Lassen nicht locker: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, vorne), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler, hinten) beim Verhör eines Verdächtigen.
Lassen nicht locker: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, vorne), Kommissarin Tessa Ott (Carol Schuler, hinten) beim Verhör eines Verdächtigen. © ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek

Achtung, Spoiler! Diese TV-Kritik gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung und das Ende des Züricher "Tatort: Züri brännt". Wenn Sie nichts verraten bekommen wollen, warten Sie mit der Lektüre des Textes, bis Sie den Film gesehen haben (Das Erste, 18.10.2020, 20.15 - 21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek).


Dunkel, kalt und schmuddelig - im neuen "Tatort: Züri brännt" wird eine Seite von Zürich gezeigt, die im krassen Gegensatz steht zum Klischee der malerischen Schweizer Idylle. Mit dem Duo Isabelle Grandjean und Tessa Ott werden von Regisseurin Viviane Andereggen zwei starke Frauen-Charaktere etabliert, die erst gegeneinander arbeiten und dann gemeinsam in den eigenen Reihen ermitteln. Schon wegen der schauspielerischen Qualität des Züricher "Tatort" lohnt sich das Einschalten. Das neue Ermittlerinnen-Duo präsentiert sich als Team, das nicht gegensätzlicher sein könnte. Aber auch die komplexe und düstere Handlung der Drehbuchautoren Lorenz Langenegger und Stefan Brunner überzeugt.

Starkes Ermittler-Duo im Zürich-Tatort: Zwei Frauen raufen sich zusammen

Der erste Arbeitstag von Tessa Ott (Carol Schuler) hat es in sich. Die neue Profilerin muss sich nicht nur mit einer Brandleiche mit Kopfschusswunde, sondern auch mit ihrer abweisenden Kollegin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) herumschlagen. Während die alteingesessene Isabelle sich aus einer Arbeiterfamilie hochgearbeitet hat, profitiert die junge Tessa, die nach Feierabend auch gerne mal einen Joint durchzieht, von den Verbindungen ihrer Politiker-Mutter. Da bleiben gegenseitige Frotzeleien nicht aus. Trotz ihrer Differenzen müssen sich die Frauen zusammenraufen und im Fall des anonymen Opfers ermitteln. Ein buddhistisches Tattoo auf dem Rücken der Leiche und das Visitenkärtchen einer Selbsthilfegruppe bieten dabei nicht viele Anhaltspunkte.

Düsterer Zürich-Tatort: Ein Mord führt in die Jugendunruhen der Achtziger Jahre

Parallel dazu muss das ungleiche Duo an einem weiteren Fall arbeiten. Ihrem Chef wurde der eingeschlagene Schädelknochen einer unbekannten Frau zugesendet. Tessas und Isabelles Suche nach der Idendtität des Opfers bringt sie bis zu den Jugendunruhen der Achtziger Jahre zurück. Schmuddelige Hinterhöfe und alte Fabrikhallen bilden dabei die deprimierende Szenerie, alptraumhafte Rückblenden überraschen mit einer rohen Brutalität. Obwohl der mutmaßliche Mord an der jungen Frau bereits verjährt ist (tatsächlich gilt in der Schweiz bei Mord eine Verjährungsfrist von 30 Jahren), nehmen die Kommissarinnen die Ermittlungen auf. Dabei stoßen sie nicht nur auf Verdächtige in den eigenen Reihen, sondern entdecken eine Verbindung zur Brandleiche.

Obwohl die Charaktere in "Züri brännt" im Vordergrund stehen, verliert die Handlung nicht an Stärke und erinnert eher an einen düsteren Stieg-Larsson-Krimi als an einen "Tatort". Für den Zuschauer gibt es dabei wenig zu lachen. Die ungewohnte Stille überzeugt auf ganzer Linie: Selten kommt Musik zum Einsatz, die Protagonisten sprechen nur das Nötigste. Die Aufklärung der beiden Morde und das überraschende Ende sind spannend und komplex inszeniert - ein gelungener Einstand.

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