Kritik zum Hamburg-"Tatort: Macht der Familie": Tolle Figuren, schlechtes Drehbuch
Achtung, Spoiler! Diese TV-Kritik gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung und das Ende dieses Hamburger "Tatort: Macht der Familie". Wenn Sie nichts verraten bekommen wollen, warten Sie mit der Lektüre des Textes, bis Sie den Film gesehen haben (Das Erste, 18.04.2021, 20.15 - 21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek).
Ein sicheres Zeichen dafür, dass ein Drehbuch sehr schlecht ist: Man wünscht sich während des Films immer wieder, man hätte eine Katze. Dann könnte man zwischendurch kurz nachschauen, ob das Katzenklo mal wieder gereinigt werden müsste.
Bei "Macht der Familie" bliebe das Klo zwar sicher ungereinigt, aber vor allem, weil all diese Figuren so großartig sind. Das Drehbuch hingegen will zu viele kleine und große Geschichten in 90 Minuten erzählen. Ganze 20 Minuten lässt sich dieser "Tatort" (Buch und Regie: Niki Stein) aus Hamburg schon Zeit, bis der verdeckte Ermittler der Bundespolizei tot ist - und die eigentliche Handlung beginnen kann: Eine Polizistin soll als Nachfolgerin des verdeckten Ermittlers in den russischen Waffenhändler-Clan eingeschleust werden - das ist nur ausgerechnet ihre eigene Familie, von der sie sich einst abgewendet hat.
Hamburg-"Tatort: Macht der Familie": Alle Sympathien gelten einer Frau
Diese Marija Timofejew (Tatiana Nekrasov) ist ja nun einer der tollsten, unergründlichsten Charaktere der jüngeren "Tatort"-Geschichte! Ist sie gut? Ist sie böse? Erst Polizistin oder doch erst Tochter? Sie geht mit einer solchen Lässigkeit durch diesen "Tatort", dass man ihr absolut alles verzeihen würde.
Alle Sympathie gilt in diesem Film dieser Frau! Allein diese Entspanntheit, als sie immer wieder bemerkt, dass sie misstrauisch von der Polizei - immerhin ihre Kollegen - überwacht wird. Die Beschattung Marijas durch diese beiden Trottel-Polizisten ist ungefähr so unauffällig wie die Beschattung eines Wohnzimmers durch eine sehr laut quietschende Jalousie.

Zu viele Handlungsstränge im Hamburg-"Tatort"
Die übrigen Geschichten hätte man weglassen oder im nächsten Fall miterzählen können: Julia Grosz (Franziska Weisz) wurde gerade befördert, der erste Einsatz unter ihrer Leitung geht schief - was das für Folgen für sie hat, wäre Stoff für einen eigenen "Tatort", wird hier aber nebenbei abgehandelt. Und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) wohnt jetzt wieder allein, weil sein Sohn auszieht. Nebenbei lernt er beim Abschied auch die Freundin seines Sohnes kennen.
Richtig stark wäre dieser Film geworden, hätte man sich ganz auf diese Marija Timofejew konzentriert (und hätte man ihr die unglaubliche und etwas überraschende Tapsigkeit bei ihrer Flucht übers Feld erspart).
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