Intendant Ulrich Wilhelm verlässt den BR: Größten Umbau der Geschichte hinterlassen

Nach zehn Jahren verlässt Ulrich Wilhelm den Bayerischen Rundfunk als Intendant und hinterlässt den größten Umbau der Sendergeschichte, Unruhe, neues Personal und eine Zukunftsvision.
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Wer zuletzt lacht: Ulrich Wilhelm und Simon Rattle bei der Vertragsunterzeichnung am 3. Januar 2021 in Berlin.
Wer zuletzt lacht: Ulrich Wilhelm und Simon Rattle bei der Vertragsunterzeichnung am 3. Januar 2021 in Berlin. © BR

München - Als Ulrich Wilhelm vor genau zehn Jahren als Intendant des Bayerischen Rundfunks antrat, erzählte ein Mitarbeiter, man könnte im BR-Funkhaus oder auf dem BR-Gelände in Freimann "längst vergessene" Türen öffnen. Hinter denen spielten gut bezahlte Angestellte Karten, läsen Zeitung oder feierten mit Sekt einen der zahlreichen Geburtstage. Und wer nicht zu diesen Lemuren gehörte, saß als Redakteur meist in einer der zig überbesetzten Konferenzen, Meetings oder Besprechungen - um zu sehen, aber vor allem: um gesehen zu werden. Was dann bei der nächsten Postenvergabe von Wichtigkeit sein würde. Die Sendeinhalte selbst mussten ja doch überwiegend die "Freien" liefern, also Mitarbeiter ohne Redakteursvertrag.

Ulrich Wilhelm war Sprecher von Stoiber und der Staatsregierung

Was als ernste Karikatur gemeint war, ist heute bis auf wenige Dinosaurier-Austragsstüberl so nicht mehr möglich. Inzwischen hat den BR ein gigantischer Umbau erfasst, der mit der Ära Ulrich Wilhelm verbunden ist. Am 1. Februar 2011 trat Ulrich Wilhelm seinen Posten an, den er an diesem Sonntag wieder verlässt. Vermutlich noch nie war ein Intendant mit so vielen positiven Erwartungen ins Amt gestartet. "Der BR rollt ihm den roten Teppich aus", hieß es damals.

Ulrich Wilhelm galt zwar als CSU-nah, war sogar bis 2004 Sprecher von Edmund Stoiber und der Bayerischen Staatsregierung gewesen. So gab es 2010 natürlich auch das Befremden, dass einer direkt als Chef des Bundespresseamtes der Regierung Merkel an die Spitze eines öffentlich-rechtlichen Senders wechseln wollte: vielleicht doch etwas zuviel parteipolitische "Staatsnähe". Aber ganz so klar, war es dann doch nicht. Immerhin wählten ihn 40 von 44 Rundfunkräten - also weit mehr als nur "die Schwarzen".

Integer, fleißig und sehr diplomatisch

Wilhelm galt als integer und als Integrator, als wahnsinnig fleißig, sehr diplomatisch - und trotz seiner Nähe zur Union als unabhängig. Schon nach ungefähr einem dreiviertel Jahr der Ära Wilhelm schrieb der "Bayernkurier" einen zornigen Artikel über den "Rot-Grün-Funk" BR. Wilhelm war das vermutlich egal, er stürzte sich in die Arbeit.

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Bereits 2012 wurden Pläne bekannt, das Riesenunternehmen BR, bisher über drei Münchner Standorte verteilt, zusammenzuführen: Alle müssten nach Freimann umziehen. Wilhelms Idee: Die Redaktionen sollten künftig nicht mehr nach Hörfunk, Fernsehen und Online getrennt werden, sondern nach Fachrichtung zusammengefasst. "Dann muss nicht der BR an einem Tag dreimal beim FC Bayern anrufen und fragen, was mit Uli Hoeneß ist", war das einleuchtende Effizienz-Argument: Ein Redakteur oder Freier sollte im Idealfall in Zukunft alle drei Kanäle zu einem Thema bedienen.

Aufteilung nach Themen: Umbau im Bayerischen Rundfunk

Das Vorhaben klang plausibel, widersprach aber radikal dem Selbstverständnis der Radio- oder eben Fernsehmitarbeiter und komplett der bisherigen Organisation des riesigen Bayerischen Rundfunks mit rund 3.400 Festangestellten und 1700 "Freien" Mitarbeitern und einer Milliarde Jahresetat. Trotz dieser Summe stand der Umbau im Widerspruch zum Spardiktat, das beim BR seit Jahren über allem schwebte, so nach dem Motto: "Wir verhandeln wegen jedem 50-Euro-Honorar für einen Beitrag und die da oben wollen da draußen in Freimann eine Riesenhütte hinbauen?"

Die Widerstände waren groß, und Wilhelms bekanntes Robert-Redford-Lächeln wurde angestrengter. Es ging ja nicht nur um den äußeren Umbau und den Umzug an den Stadtrand. Es war vor allem ein innerer Umbau, den Wilhelm und seine Direktoren den Mitarbeitern abverlangten: "Trimedialität mit allen Mitteln, alles andere ist zweitrangig", lautete ein weiteres Zitat aus dieser Zeit.

Trimedialität im Bayerischen Rundfunk: Neue Webradios

Dabei war die angesprochene "Trimedialität" noch weit untertrieben. Denn der BR baute zusätzlich noch seine Ausspielwege derart aus, dass den Mitarbeitern Hören und Sehen verging: Aus fünf Hörfunkwellen wurden acht, auch ins digitale Netz ausgelagerte mit Schlagern, Volksmusik und Jugendkanal. Und das Online-Angebot wurde - zum Ärger der privatwirtschaftlichen Zeitungsverlage mit ihren eigenen Onlineangeboten - vom Anhängsel zur Großbühne. Dazu kamen reine Youtube- und Instagram-Formate sowie tägliche Podcasts.

Dabei blieb es nicht. Auch inhaltlich stellte sich der BR immer breiter auf. Das Korrespondentennetz in Bayern wurde massiv ausgebaut - um den Preis, dass Neulinge anfangs für BR-Verhältnisse unverschämt schlecht bezahlt wurden. Ein neues "Aktualitätencenter" wurde geschaffen, dass täglich in großer Zahl selbst recherchierte Geschichten ausspuckt - für Funk, Fernsehen, Online und so weiter. Da die Rundfunkbeiträge (von 2013 auf 2015) sogar gekürzt wurden und seitdem an ihnen noch die leichte Inflation nagt, konnte das alles gar nicht anders funktionieren als mit Arbeitsverdichtung.

Wilhelms Gehalt: Knapp 400.000 Euro im Jahr

Aber manche der fest- und gut bezahlten Chefs in einzelnen Redaktionen machten einfach weiter wie bisher. Und die freien Mitarbeiter vermuteten oft zurecht bei angekündigten "Veränderungen" vor allem Mehrarbeit für die gleiche Bezahlung für Sendebeiträge und Dienste in der Redaktion. Die Direktoren des BR äußerten für alle Verständnis - und drehten die Schrauben weiter an, wunderten sich aber über ungewohnten Widerspruch und Widerstand. Und auch Ulrich Wilhelm selbst hörte sich geduldig alle Sorgen an, nahm sie vermutlich jedesmal auch ernst - und setzte den Kurs fort. Manchmal konnte man es kaum glauben, wie sich Wilhelm freiwillig derart zwischen alle Fronten begeben konnte - bei allerdings sehr gutem Gehalt von knapp 400.000 Euro im Jahr.

Auch Wilhelms Personalentscheidungen waren nicht immer nachvollziehbar. Einerseits scheute er sich nicht, auch Mitarbeiter auf hohen Posten zu entmachten, holte aber auch wiederum einzelne Leute ins Haus, deren Autoritätsverständnis schlecht ins Heute passte. Wilhelm selbst ließ nie eine Nähe zur Staatspartei CSU erkennen, gleichzeitig machte er aber in der zweiten Amtsperiode einen Mann zum neuen Chefredakteur, der mit der Bayerischen Staatsregierung offensichtlich sehr schonend umgeht, was bei den Fernsehzuschauern das alte Vorurteil vom "Staatsfunk" wieder aufleben ließ, das eigentlich überwunden geglaubt war.

Wilhelm geriet in die aktuelle Rundfunkbeitrags-Debatte

Ganz gegen Ende seiner Amtszeit geriet Wilhelm auch noch in die aktuelle Rundfunkbeitrags-Debatte, die bis in alle Länderparlamente hineinspielte. Die KEF, die unabhängige Kommission zur Ermittlung der Rundfunkgebühr, ist bereits ein relativ strenger Anwalt der Beitragszahler. Aber Ministerpräsidenten wissen, dass es gut bei vielen Wählern ankommt, wenn man die Schrauben bei den öffentlich-rechtlichen Sendern noch stärker anzieht, vor allem, wenn populistisch von Rechts gegen sie Stimmung gemacht wird. So kann die Gefahr für ein Prozent mehr für die AfD in einem einzigen ostdeutschen Bundesland jahrelange finanzielle Planungen wie Kartenhäuser zusammenstürzen lassen. Die Jamaika-Koalition in Sachsen-Anhalt hat sich zwar gerettet, aber die erste Gebührenerhöhung für ARD und ZDF (um 86 Cent) seit zwölf Jahren wurde gekippt.

Wilhelm selbst ist vielleicht froh, dass er die erneute Sparzwang-Suppe nun nicht mehr auslöffeln muss und am Schluss hat Ulrich Wilhelm noch einen richtigen Coup gelandet: Das BR-Symphonierorchester hat Sir Simon Rattle als Chef an die Isar geholt, und einen der renommiertesten Dirigenten der Welt verpflichtet. Also ein Paukenschlag zum Abschied des Intendanten nach zehn Jahren, in denen Wilhelms verbindliches Lächeln, mit dem er eigentlich jedem Problem entgegentritt, zeitweise immer angestrengter wirkte. Und in denen einigen Mitarbeitern beim BR zwischendurch das Lachen auch mal ganz vergangen ist.

Erfolgsgeschichte des BR: Umbau zu mehr Synergien und Modernität

Zum Abschied aber, gab es noch einmal Realsatire: Die Sondersendung zum Intendantenabschied "BR-extra". Der trimediale Chefredakteur fürs "Aktuelle" interviewte Ulrich Wilhelm derart unkritisch und devot, dass sich die Berliner "taz" zu einer Glosse veranlasst sah und Ulrich Wilhelm zu seinem "für die hohen Festtage reservierte Stufe vier seines Ulrich-Wilhelm-Lächelns". Eine vergebene, kleine Chance, den BR von ganz oben zu beleuchten.

Zweifellos ist der Umbau zu mehr Synergien und Modernität jetzt schon eine Erfolgsgeschichte für das Haus und die ARD als Vorbild. Aber war der Preis, den er seinen gesamten Mitarbeitern dafür zugemutet hat, nicht zu hoch? Spätestens beim endgültigen Umzug 2024 nach Freimann kann man dann Bilanz ziehen. Warum aber hat sich Ulrich Wilhelm nach zehn Jahren verabschiedet, anstatt sein Werk zu vollenden? Vielleicht weil er einfach erschöpft ist und noch einmal ein neues, freiere Leben führen will?

Viele vermuten eher, dass er für sich eine weitere Aufgabe auf europäischer Ebene sieht. Denn schließlich ist Bewegung in die Initiative geraten, eine europäische "Werteplattform" als Antwort auf Google, Facebook und Co zu gründen. Schwierig allemal. Aber seit den BR-Jahren weiß man, dass Wilhelm der Freundliche, der Verbindliche, der Fleißige, der manchmal Eisenharte ist. Und mit und hinter seinem Lächeln ist alles möglich.

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