"Half Man": Schockierende neue Serie des "Rentierbaby"-Machers

Eine ausgelassene Hochzeitsfeier irgendwo in Schottland. An einem herrlichen Sommertag tanzen die Gäste - viele der Männer in Schottenröcken - und freuen sich ihres Lebens, als ein mysteriöser, schwarz gekleideter Mann auf einem schwarzen Motorrad ankommt. Kurze Zeit später steht er oberkörperfrei in einer Scheune fernab der anderen Hochzeitsgäste dem Bräutigam gegenüber - und schlägt ihm brutal ins Gesicht...
Was hier eigentlich passiert, wird den Zuschauerinnen und Zuschauern von "Half Man" nicht sofort klar. Die Handlung der neuen Serie von "Rentierbaby"-Schöpfer Richard Gadd (36), der hier auch den schwarzgekleideten Motorradfahrer Ruben verkörpert, erschließt sich in Rückblenden. Verkörpern in der Gegenwart noch Gadd und "Billy Elliot"-Star Jamie Bell (40) die nicht-blutsverwandten Brüder Ruben und Niall, sind es in der Vergangenheit der ausklingenden 1980er Jahre die Jungschauspieler Stuart Campbell (27) und Mitchell Robertson.
So ganz vermag "Half Man" jedoch nicht an das Niveau der mit ganzen sechs Emmys prämierten Vorgängerserie "Rentierbaby" heranzukommen. Doch erzählt auch die neue Produktion der britischen BBC und des US-amerikanischen Premiumkabelkanals HBO eine Geschichte, die wohl etliche unter den Zuschauerinnen und Zuschauern fesseln wird.
Darum geht es in "Half Man"
Niall und Ruben sind zu Brüdern geworden, als ihre jeweiligen Mütter eine Beziehung miteinander begannen. Doch bei aller Verbundenheit könnten die beiden Heranwachsenden auch unterschiedlicher nicht sein: Ruben kommt gerade aus dem Jugendknast, ist aufbrausend, gewalttätig und toxisch.
Im Gegensatz zu seinem destruktiven Bruder kommt der intelligente Niall einfühlsam und in den Augen vieler seiner Mitmenschen zu verweichlicht herüber. Für Niall ist Ruben ein wichtiger Bezugspunkt, der ihm schon durch einige schwierige Situationen in seinem Leben geholfen hat - obwohl sein Leben zugleich wohl auch ein wenig besser und unfallfreier verlaufen würde, wenn er sich von ihm lossagen würde. Eine wahrlich toxische Beziehung, die von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt ist.
Kommt nicht ganz an "Rentierbaby" heran
Richard Gadd, der Schöpfer, Autor und Hauptdarsteller von "Rentierbaby", das sollte gleich gesagt sein, stellt auch in seinem nächsten Projekt "Half Man" einmal mehr unter Beweis, dass er auf meisterhafte Weise heftige, schockierende und packende Szenen en masse für sein Publikum auf Lager hat. So bietet die zeitlich verschachtelte, nur teilweise chronologisch erzählte Geschichte zweier ungleicher Männer, die sich ein Leben lang verbunden bleiben, immer wieder einzelne Momente, die Zuschauerinnen und Zuschauern wohl noch lange in Erinnerung bleiben werden.
In der Coming-of-Age-Serie "Half Man" erzählt Gadd von toxischer, "harter" Männlichkeit, einer komplizierten Freundschaft zwischen zwei Männern sowie den Schwierigkeiten des Heranwachsens. Während es in "Rentierbaby" etwa noch um Stalking ging, steht etwa am Anfang von "Half Man" Mobbing im Mittelpunkt der Handlung.
Richard Gadd kaum wiederzuerkennen
Selbst hat Gadd, der bei "Half Man" einmal mehr als Serienschöpfer, Autor und einer der Hauptdarsteller fungiert, für seine neue Rolle ordentlich an Muskelmasse zugelegt. Er spielt den älteren Ruben mit einem potthässlichen Undercut, einem struppigen Bart und grimmigem Blick.
Doch bleibt "Half Man" bei allen offensichtlichen Stärken auch ein wenig hinter "Rentierbaby" zurück. Obwohl exzellent inszeniert und gespielt, passiert schlicht oft zu wenig in den längeren Passagen zwischen den zugegebenermaßen herausragenden einzelnen schockierenden Szenen der Dramaserie. Es gibt Längen, der Drive fehlt gelegentlich und die Handlung hängt durch. So wird "Half Man" wohl eher nicht zu einem ähnlichen popkulturellen Phänomen werden wie sein Serienvorgänger.