Grenzüberschreitungen: Hans-Christian Schmid über "Das Verschwinden"

Auch in Deutschland können herausragende Serien entstehen. Den Beweis dafür liefert Hans-Christian Schmid mit "Das Verschwinden". Der Regisseur im AZ-Interview.
| Adrian Prechtel
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Hans-Christian Schmid
Hans-Christian Schmid

München - Als „Das Verschwinden“ beim Filmfest München Premiere hatte, war die Begeisterung groß: Endlich eine deutsche Serie, die mit gefeierten Produktionen aus USA oder Dänemark mithalten kann! Hans-Christian Schmid erzählt von einer Enddreißigerin im Bayerischen Wald, deren Tochter nach einer durchfeierten Nacht verschwunden ist. Da die Polizei nur zögerlich ermittelt, macht sich die Mutter selbst auf die Suche. „Das Verschwinden“ wird in vier 90-minütigen Doppelfolgen in der ARD ausgestrahlt.

Hans-Christian Schmid wurde 1965 in Altötting geboren. Der Regisseur wurde 1995 mit "Nach fünf im Urwald" bekannt. Danach drehte er Filme wie "Lichter" oder "Requiem"

AZ: Herr Schmid, Sie haben acht Teile kunstvoll verflochten. Wie geht man das an?

HANS-CHRISTAN SCHMID: Ich war nicht allein, sondern habe mit Co-Autor Bernd Lange gearbeitet. Zu zweit lässt sich der Überblick leichter behalten. Wir mussten gar nicht mit immer neue Ideen entwickeln, um die sechs Stunden zu füllen, sondern haben versucht, das vorhandene Material Schritt für Schritt zu verdichten. Wir haben zum ersten Mal eine Serie konzipiert, aber es gab einen Anhaltspunkt: Mein Film "Lichter" von 2003 hat auch eine Reihe oft nur lose miteinander verknüpfter Episoden, innerhalb von 100 Minuten. Bei "Das Verschwinden" konnten wir entsprechend tiefer erzählen.

Ein "Muss" ist der "Cliffhanger": Am Ende jeder Episode muss Spannung aufgebaut werden, wie's weiter geht.
Klar, das ist beim Kinofilm anders. Aber letztlich hat auch ein Film "Kapitel", für die man Spannungsbögen finden muss. Wichtig ist, dass die "Cliffhanger" nicht aufgesetzt wirken. Wenn etwa am Ende von Folge eins Janine verschwindet, ergibt sich ganz natürlich, dass man dann auf eine andere Familie schaut, von der der Zuschauer glaubt, sie habe mehr mit dem Fall zu tun. Auch einen Milieuwechsel bringt das Ende der Folge mit sich: Von der Mutter der Mittelschicht ins Großbürgerliche. Später kommt noch eine dritte junge Frau aus dem Kleinbürgermilieu ins Spiel, die ihre kranke Mutter pflegt.

Drei Mädchen halten die Geschichte zusammen. Ist das politisch korrekter, als wenn man Jungs genommen hätte?
Nein, so denke ich nicht. Es gab einen tatsächlichen Fall einer verschwundenen jungen Frau vor vielen Jahren hier. Und vielleicht ist es auch für die Geschichte besser, dass man sich um Mädchen - vielleicht ungerechterweise - einfach mehr Sorgen macht.

Hans-Christian Schmid
Hans-Christian Schmid
Hans-Christian Schmid. Foto: dpa

Die Serie zeichnet ein Abbild der deutschen Gesellschaft.
Ja, wir haben versucht, einen Querschnitt einer deutschen Kleinstadt zu erzählen. Und es ist wirklich so, dass Figuren ein Eigenleben beim Schreiben entwickeln, wie etwa Laura, eine Freundin Janines, die sich durch die vier Treatmentfassungen, die wir geschrieben haben, immer weiter nach vorne drängte, weil es mehr über sie zu erzählen gab, als wir ursprünglich dachten. Und damit wuchs auch ihre Familie mit.

"Das Verschwinden" ist auch eine Grenzlandgeschichte. Ist das nur der Möglichkeit geschuldet, in eine andere Welt übergehen zu können?
Ich selbst komme aus Burghausen. Aber die Grenze zu Österreich ist natürlich nicht so spürbar. In Cham, im Bayerischen Wald, ist das mit Tschechien anders. Die Grenze macht etwas mit den Leuten dort, in diesem Randgebiet: Sie können sie überschreiten, um die Nachbarn kennenzulernen, oder sie wenden ihr den Rücken zu. Aber natürlich kann auch das Fremde über die Grenze zu ihnen kommen.

Kleinstadt kann Hölle oder Idylle sein. Warum geht die Tendenz oft Richtung "Problemzone"?
Eine Kleinstadt ist für mich weder das eine noch das andere. Aber wenn man über Familienlügen über Generationen hinweg erzählen will, fühlt es sich zunehmend falsch an, die leichten, heiteren Seiten zu betonen. Als wir angefangen haben zu schreiben, habe ich eine Abiklasse in Cham besucht, da waren viele, die fest vorhatten, nach dem Studium in den Bayerischen Wald zurückzukehren. Aber auch welche, die gesagt haben: nichts wie weg! Natürlich ist mir wichtig, dass Menschen aus dieser Gegend sagen, ja so wie in der Serie kann sich das hier anfühlen, auch wenn es nur eine Seite ist.

Warum setzt man dann nicht stärker den Dialekt ein?
Wenn wir den Dialekt ernst genommen hätten, hätten wir auf Suche nach Schauspielern gehen müssen, die des Oberpfälzischen mächtig sind. Das hätte die Auswahl eingegrenzt. Jetzt sorgen vereinzelte Rollen zwar für ein wenig Sprachkolorit, es überwiegt aber Hochdeutsch. Somit ist "Das Verschwinden" auch bundesweit verständlich.

Sie haben bis 1992 an der Münchner HFF studiert.
Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich mit meiner Ausbildung nicht zufrieden war und mit Professoren nicht klar gekommen bin. Es war eine kleine Hochschule, es gab noch nicht mal eine Drehbuchabteilung. Wenn wenigstens alles etwas spielerischer gewesen wäre, aber viel Mut zum Experimentieren hat man uns nicht gemacht. Heute sind die Ansprüche höher und der Lehrbetrieb ist professioneller. Den Studierenden wird viel mehr geboten.


ARD, Sonntag, 22. Oktober 21.45 Uhr
weitere Folgen am 29., 30. und 31.10.

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