Dietmar Bär: "Der 'Tatort' ist das Flaggschiff und kein Schlauchboot"

Neben seinem Job als "Tatort"-Kommissar liest Dietmar Bär unter anderem Hörbücher - wie "Die trüben Wasser von Triest". Was er an der Hauptfigur Commissario Benussi mag, wie er zu Diäten steht und in welchem Dilemma der "Tatort" steckt, erzählt er im Interview.
| (hub/spot)
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Die 90-jährigen Ursula Cohen liegt tot im Triester Hafenbecken. Wurde die alte Dame ermordet? Commissario Benussi ist wenig begeistert über den Fall - denn Verdächtige gibt es jede Menge. Das Hörbuch zum Roman "Die trüben Wasser von Triest" (Der Audio Verlag, 5 CDs, 19,99 Euro) hat "Tatort"-Kommissar Dietmar Bär (53) gelesen. Was er an dem schrulligen Kommissar Benussi liebt, wie er zu Diäten steht und ob im deutschen Fernsehen mehr gewagt werden muss, erklärt er im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

Das Hörbuch "Die trüben Wasser von Triest" gelesen von Dietmar Bär und Heide Simon können Sie hier bestellen

 

"Die trüben Wasser von Triest" ist ein klassischer Whodunit-Krimi. Sie scheinen auf dieses Genre festgelegt...

 

Dietmar Bär: Ich stehe dem ganzen auch ein bisschen hilflos gegenüber. Die Anfragen stammen tatsächlich meistens aus dieser Richtung. Das kommt wohl wirklich daher, dass ich hauptsächlich als "Tatort"-Kommissar bekannt bin. Ab und zu ist aber Gott sei Dank auch ein schönes Kinder- oder Jugendbuch dabei, das ich einlesen darf.

 

Was ist für Sie das Besondere an dem Hörbuch gewesen?

 

Bär: In "Die trüben Wasser von Triest" gibt es wirklich alles an menschlichen Abgründen, angefangen von den Misshandlungen bis hin zu den Nazi-Gräueltaten. Beim ersten Lesen fühlte ich mich an Agatha Christie erinnert, einfach durch die Vielzahl an Personen, die vor einem stehen. Und mir gefällt auch immer gut, wenn die Helden - in diesem Fall der Kommissar und seine Mitarbeiter - ihre Beschädigungen haben.

 

Dann hat Ihnen Kommissar Benussi mit seinen Ecken und Kanten sicher gut gefallen, oder?

 

Bär: Ich werde meinem Freund Hakan Nesser bestimmt davon erzählen. Nesser hatte eine Reihe von fünf Büchern mit dem Kommissar Gunnar Barbarotti, dessen Stimme ich sein durfte. Als er die Serie einstellte, habe ich dem sehr nachgetrauert. Dafür hat das Schicksal jetzt Kommissar Benussi in mein Leben gebracht.

 

Ein echter Italiener...

 

Bär: Ich muss gestehen, ich weiß von Italien herzlich wenig. Ich war einmal in meinem Leben in Rom und einmal in der Toskana.

 

Benussi ist unter anderem auch deswegen schlecht gelaunt, weil er gerade die Dukan-Diät macht. Haben Sie Erfahrung mit Diäten?

 

Bär: Ich kannte diese Form der Diät gar nicht. Dass er sich damit auch noch herumschlägt, fand ich aber an Benussi sehr bemerkenswert. Solche Sachen sollte man doch lieber außerhalb der Arbeitszeit machen. Für eine Kur ist auf alle Fälle eine Auszeit nötig. Ich habe auch schon einige Diäten ausprobiert, habe aber herausgefunden, dass es für mich am sinnvollsten ist, einmal im Jahr eine Entschlackungskur zu machen. Dafür fahre ich an die Ostsee.

 

Eine Frage, die in dem Buch aufgeworfen wird, ist, ob Menschen von Geburt an böse sein können. Wie stehen Sie dazu?

 

Bär: Das kann man nicht beantworten. Wenn man sich damit beschäftigt, kommt man in Teufels Küche. Vielleicht gibt es diese dunklen Kräfte, ich bin mir da auch nicht schlüssig.

 

Benussi ist zunächst auch nicht besonders nett zu seinen Mitarbeitern, wirft seiner Kollegin unter anderem vor, dass sie zu viele amerikanische TV-Serien schaut. Sehen Sie sich sowas auch an?

 

Bär: Ich schaue quer durch alle Formate. Allerdings hole ich mir bestimmte Serien am liebsten auf Empfehlung gleich in der kompletten DVD-Box. Sehr bemerkenswert fand ich zum Beispiel "24". Und "Sherlock" hat mich auch schwer beeindruckt. Das ist ein Kracher, da wird man auch ein bisschen neidisch...

 

Würden Sie sich wünschen, dass im deutschen TV ein bisschen mehr gewagt wird?

 

Bär: Das ist ein klassisches Dilemma. Beim "Tatort" geht es immer um die Ambivalenz, dass man das erfolgreichste TV-Format gestaltet, das soll aber so preiswert wie möglich passieren. Wobei es schon weh tut, wenn man sieht, wie viel das Fernsehen für Sport und Unterhaltungsshows ausgibt. Wir sind das Flaggschiff unseres Senders und das soll ja kein Schlauchboot sein.

 

Benussis Teenager-Tochter ist auch in den Fall verwickelt. Dass das Privatleben der Ermittler zu sehr im Mittelpunkt steht, ist beim "Tatort" auch oft ein Kritikpunkt.

 

Bär: Ich glaube, das darf man nicht pauschalisieren. Ich finde es schön, wenn die Helden nicht so farblos sind wie in den klassischen Krimis, beispielsweise "Derrick". Einer meiner Lieblingskommissare war Hansjörg Felmy als Haferkamp im Essener "Tatort". Der hockte immer mit seiner geschiedenen Frau zusammen, weil er von ihr nicht loskam. Das war in den 1970ern ein spannendes gesellschaftskritisches Thema. Das letzte Beispiel, in dem horizontal etwas erzählt worden ist, waren die ersten Folgen der Dortmunder Kollegen. Erst in der vierten Folge kam raus, was mit Kommissar Faber geschehen ist. Qualitativ hochwertiges Fernsehen soll keine einfache Ware sein.

 

Was macht Ballauf und Schenk so beliebt?

 

Bär: Das hat sicher etwas mit der Konstellation zu tun und wie authentisch man rüberkommt. Mich hat überrascht, dass bei einer Umfrage zu den beliebtesten TV-Ermittlern zu Jahresbeginn trotz des ganzen frischen Blutes der letzten Jahre die "alten Säcke" ganz vorne lagen. Auch bei den jungen Leuten sind die etablierten "Tatort"-Kommissare offenbar sehr beliebt.

 

Die drei letzten Kölner "Tatorte" wirkten recht düster.

 

Bär: Finden Sie? Der nächste, der im September läuft, ist für mich ein sehr poetischer Film in einer anderen Farbe mit einem sehr großen Thema. Er heißt "Wahre Liebe", wobei man das "h" in Klammern hätte setzen können. Das ist sicher mit ein Grund, warum der "Tatort" schon so lange erfolgreich läuft, auch mit so vielen Ermittler-Teams. In dem großen "Tatort"-Haus wohnen so viele verschiedene Kommissare, von Münster bis Hamburg gibt es so viele Farben. Und daran kann man sich natürlich herrlich reiben und es bleibt immer spannend.

 

Sie haben gerade eine neue "Tatort"-Episode gedreht, in der nach 13 Jahren auch Armin Rohde wieder dabei ist...

 

Bär: Ja, das hat ganz großen Spaß gemacht. Armin war vor 13 Jahren beim "Tatort: Bestien" dabei. Ich habe mit ihm aber schon vor 30 Jahren auf der Bühne gestanden, damals war ich noch Schüler und er Anfänger. Und ich hatte auch schon in Armins ZDF-Reihe "Nachtschicht" einen Gastauftritt. Das ist das Schöne an unserem Beruf: Wir treffen uns alle immer Klub-artig wieder.

 

Mit Patrick Abozen hat der Kölner "Tatort" auch wieder einen festen neuen Assistenten.

 

Bär: Er bringt nach Franziska eine neue Farbe ins Revier. Da ist viel Platz, um etwas zu erzählen. Auch diese Biografie kann sich entfalten.

 

Ulrike Folkerts feiert jetzt ihr 25-jähriges Dienstjubiläum als "Tatort"-Kommissarin. Sie sind seit 17 Jahren dabei. Denkt man da mal ans Aufhören?

 

Bär: Damit muss man sich beschäftigen, solche Dinge sind immer endlich. Das hat alleine das vergangene Jahr gezeigt mit jähen und unglücklichen Verabschiedungen. Im Moment funktioniert das Format mit meinem Freund Klaus großartig. Aber wenn der Zeitpunkt kommt, kommt er.

 

In "Die trüben Wasser von Triest" träumt Benussi davon, neben seinem Job ein Buch zu schreiben. Gibt es ein Projekt, das Sie noch gerne verwirklichen würden?

 

Bär: Bis jetzt nicht. Das Schreiben ist mir auch nicht in die Wiege gelegt. Und im Moment genieße ich einfach, dass ich Arbeit und Freizeit gut aufteilen kann und keinen "Nine to Five"-Job habe. Mein Vater war Metzger und hat von früh Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags gearbeitet.

 

Und Sie engagieren sich nebenbei auch noch unter anderem für philippinische Straßenkinder.

 

Bär: Ja, mittlerweile sind auch Projekte in Deutschland dazugekommen. Für mich ist es wichtig, dass ich die Prominenz, die ich habe, nutze und ein Stück Verantwortung übernehme. In den 16 Jahren, die wir das jetzt machen, hat sich viel getan.

 

Wo verbringen Sie Ihren Sommerurlaub?

 

Bär: Meine Frau und ich gehen auf eine schöne Cabrio-Tour durch Österreich und fahren mit dem Fahrrad durch Gotland.

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