"Der Tod ist unser ganzes Leben": AZ-Interview mit "Tatort"-Regisseur Koch

"Tatort"-Regisseur Philip Koch spricht im AZ-Interview über die Folge "Der Tod ist unser ganzes Leben" und das Sonntags-Krimi-Ritual.
| Carolina Zimmermann
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Die Münchner Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic ermitteln in einem komplizierten Liebesgeflecht.
Handout/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Hendrik Heiden/BR/dpa 3 Die Münchner Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic ermitteln in einem komplizierten Liebesgeflecht.
Meret Becker (l) als Nina Rubin und Mark Waschke als Robert Karow.
dpa 3 Meret Becker (l) als Nina Rubin und Mark Waschke als Robert Karow.
Franz Xaver Kroetz ist mit seinem Drehbuch-Entwurf für einen Tatort gescheitert.
dpa/Das Erste 3 Franz Xaver Kroetz ist mit seinem Drehbuch-Entwurf für einen Tatort gescheitert.

München -  Der Münchner "Tatort" "Die Wahrheit" von Sebastian Marka endete 2016 ungewöhnlicherweise mit einem nicht aufgeklärten Fall - der Mörder konnte nicht gefasst werden. Am Sonntag werden die Ermittler Batic und Leitmayr noch einmal mit diesem Gespenst aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. Philip Koch führte bei "Der Tod ist unser ganzes Leben" Regie.

AZ: Herr Koch, sehen Sie regelmäßig den "Tatort"?
PHILIP KOCH: Ich versuche, regelmäßig reinzuschauen. Aber jeden schaffe ich nicht. Und ich schaue auch nicht unbedingt immer dogmatisch bis zum Ende. Je nach Qualität.

Das Angebot, einen "Tatort" zu inszenieren, gilt als Auszeichnung für einen deutschen Regisseur.
Ich habe mich sehr gefreut, nicht nur, weil es der "Tatort" ist, sondern auch weil ich den Produzenten, Michael Polle von X Filme, schon seit Studienzeiten kenne. Ich war also sofort Feuer und Flamme. Auch, weil die Geschichte nicht so ein 0815-"Wo waren Sie gestern um 17 Uhr"-Krimi ist. Dieser Film geht wirklich an die Substanz dieser beiden tollen Ermittlerfiguren Leitmayr und Batic. Und das sind meine Lieblings-"Tatorte", die das Format als Spielwiese benutzen, um anders zu erzählen.

Wie fanden es Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, dass ihre Figuren so nackt gezeigt wurden?
Die hatten große Freude daran. Und diese Arbeit ging wirklich ans Eingemachte. Ich weiß nicht, ob man Batic jemals weinen gesehen hat. Am Anfang musste ich sie schon immer wieder aus ihrer Komfortzone rausholen, aber sobald sie Vertrauen gefunden hatten, haben sie sich wirklich reingestürzt.

"Der Tod ist unser ganzes Leben" knüpft an die Folge "Die Wahrheit" an, wird aber nicht als Fortsetzung behandelt. Was ist es dann?
Die Filme wurden schon so konzipiert, dass sie aneinander anknüpfen, aber sie funktionieren eben auch unabhängig voneinander. So dass auch Zuschauer, die "Die Wahrheit" nicht gesehen haben, der Handlung folgen können. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Es war uns aber allen wichtig, dass diese Folgen nicht im Stil einer horizontalen Serie geschrieben wurden. Vielmehr sollte eine ganz eigene Erzählvision dahinterstehen, die mit dem ersten Film formal, künstlerisch oder ästhetisch nichts zu tun haben muss. Es gibt lediglich diesen Fall, den Leitmayr und Batic in "Die Wahrheit" nicht lösen konnten. Und der wird nach längerer Zeit wieder aufgerollt.

Rückblenden gibt es trotzdem – stellten die eine Herausforderung für Ihre Arbeit dar?
Wir mussten im Drehbuch sdarauf achten, dass wir den Fall aus "Die Wahrheit" nicht veränderten und wir haben versucht, den Zuschauern die Opferfamilie von damals wieder ins Gedächtnis zu rufen. Aber dadurch, dass wir ja den Täter nie konkret kennengelernt haben, hatten wir mit seiner Figur eigentlich alle Freiheiten.

Letzte Woche wurde "Der Tod ist unser ganzes Leben" an der Hochschule für Fernsehen und Film gezeigt – wo Sie studiert haben. Wie war das für Sie?
Super! Da ich noch in Giesing abgeschlossen habe, bin ich nie in den Genuss gekommen, als Student diesen Prachtbau an der Gabelsberger Straße zu erleben. Deswegen war es sozusagen eine Rückkehr und trotzdem auch etwas Neues, meinen Film im HFF-Kino zu sehen. Es war schön, den Film zum ersten Mal auf der großen Leinwand zu sehen und dann noch in so einem nostalgischen Setting – ein ganz tolles Erlebnis.

Der "Tatort" spricht als Format mehrere Generationen an. Was glauben Sie, mit welcher Haltung sehen jüngere Menschen ihn?
Sehr unterschiedlich, glaube ich. Ich war überrascht, wie viele meiner Freunde ihren "Tatort" am Sonntag fast als heiliges Ritual betrachten. Ich bin mit dem amerikanischen Independent-Kino großgeworden und hab’ den "Tatort" erst gegen Ende meines Studiums schätzen gelernt. Aber durch dieses junge Publikum ist eben ein Experimentieren wie mit "Im Schmerz geboren" möglich. Auch wenn das durchaus kontrovers ist. Es gibt genug Fernsehzuschauer, die das klassische Erzählen super finden und keine Lust auf Experimente haben. Und das ist ja auch absolut in Ordnung.

Durch die Social-Media-Begleitung richtet sich das Ganze noch gezielter an ein jüngeres Publikum.
Ja – und macht es oft noch unterhaltsamer. Die Parallelbegleitung auf Twitter ist manchmal so amüsant, dass sie auch schwächere Folgen sehenswert machen.

Der "Tatort" hat feste Strukturen. Kann man als Regisseur in dieser Reihe seiner Arbeit trotzdem eine eigene Handschrift verleihen?
Ja, das geht schon. Ich habe nicht das Gefühl, dass dieser Tatort sich sehr von meinen anderen Arbeiten unterscheidet. Man muss aber mit Bedacht die Drehbücher wählen, die man umsetzt. Es darf nicht völlig beliebig sein, sonst ist es schwierig, sich treu zu bleiben. Aber in dem Fall hatte ich wirklich ein gutes Gefühl, weil die Geschichte so besonders war und auch wegen der Radikalität nicht nur in der Form sondern auch im Inhalt der Erzählung. Ich wusste, ich würde meine Handschrift nicht kompromittieren müssen, im Gegenteil.

Kommt bald wieder ein "Tatort" von Ihnen?
Ich hab gerade den nächsten mit den beiden Münchner Kommissaren Batic und Leitmayr gedreht. Der ist jetzt im Schnitt und wird im Herbst ausgestrahlt.

Die Folge wird am Sonntag, 20.15 Uhr, in der ARD ausgestrahlt.

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