Das große Nuscheln: Schlechter Ton bei ARD und ZDF

Zahlreiche Fernsehzuschauer ärgern sich über unverständliche Dialoge, abrupte Sprünge zwischen Laut und Leise sowie störende Hintergrundmusik – vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Der Streit um den guten Ton.
| Timo Lokoschat
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Auf der Suche nach der verlorenen Verständlichkeit? Christian Ulmen (l.), Nora Tschirner und Matthias Matschke im Weimarer „Tatort“, der von Zuschauern heftig kritisiert worden ist. Nach einer Ausstrahlung haben sich die Schauspieler für die schlechte Tonqualität sogar entschuldigt.
dpa Auf der Suche nach der verlorenen Verständlichkeit? Christian Ulmen (l.), Nora Tschirner und Matthias Matschke im Weimarer „Tatort“, der von Zuschauern heftig kritisiert worden ist. Nach einer Ausstrahlung haben sich die Schauspieler für die schlechte Tonqualität sogar entschuldigt.

München - "Begierde – Mord im Zeichen des Zen“, heißt der Krimi, der AZ-Leser Markus Dosch aus dem inneren Gleichgewicht reißt. „Durch die totale Unverständlichkeit der Schauspieler werden ältere Menschen aus den Krimis hinausgedrängt“, wettert er per Leserbrief. „Obwohl meine Frau ein Gehör wie ein Luchs hat, blieb auch für sie vieles rätselhaft.“ Seine Konsequenz: „Wir verabschieden uns von diesen Krimiprogrammen.“

Kaum ist der Brief gedruckt, rühren sich weitere Leser, denen es ähnlich geht: „Herr Dosch hat ein Thema aufgegriffen, das zunehmend verärgert“, applaudiert Sigrid Rheinboldt. „Die Tonqualität der Produktionen im Fernsehen, vorzugsweise der Krimis, ist niederschmetternd“, befindet Rudolf Herrmann.

Seit Jahren erreichen uns zu dem Thema immer wieder Leserbriefe – meist am Montag, nach den Fernsehkrimis des Wochenendes. Die Zuschauer beklagen sich über nuschelnde Darsteller, kaum verständliche Dialoge, abrupte Laut-Leise-Sprünge und störende Hintergrundmusik während der Unterhaltungen. Dies sei vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Sendern der Fall.

Das sagt das ZDF: Auf eine AZ-Anfrage bei ARD und ZDF reagieren die Mainzer zuerst. Die „dramaturgisch bewusst eingesetzte Klangdynamik“ sei ein „elementares Gestaltungsmerkmal“, antwortet die Pressestelle schriftlich und etwas gestelzt. „Einzelne Momente oder Passagen unterschiedlicher Lautstärke wird es auch weiterhin geben.“

„Lautstärkesprünge“ gibt es immer seltener, beteuert das ZDF

Seit der Funkausstellung 2012 würden öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender in der Regel in einheitlicher Lautstärke senden. Eine neue Generation von Messgeräten steuere den Ton nach „Lautheit“ aus – das sei die subjektiv empfundene Lautstärke. „Lautstärkesprünge beim Umschalten zwischen den Sendern sowie zwischen den Programmbeiträgen innerhalb eines Senders wurden dadurch deutlich verringert“, so das ZDF. Dies gelte für alle Programmbeiträge, auch für Werbung.

Die „Sprachverständlichkeit bei Musikuntermalung“ werde von den Zuschauern unterschiedlich wahrgenommen, schreibt die Sprecherin. „Sie hängt von vielen subjektiven Faktoren (Hörvermögen, Alter des Fernsehgeräts, Raumakustik usw.) ab; eine technische Lösung für dieses Problem gibt es nicht.“     

Das sagt ein Ton-Fachmann: Professor Ingo Kock (60) ist Dekan der Fakultät Ton an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg. Er zeichnet ein differenziertes Bild und nennt mehrere Ursachen für die Beschwerden – menschliche und (produktions-)technische. „Das abnehmende Hörvermögen der Zuschauer spielt tatsächlich eine Rolle“, erläutert Kock. Altersschwerhörigkeit setze sehr frühzeitig ein, bereits mit 25, 30 Jahren gebe es einen merklichen Hörverlust. Damit allein ließen sich die häufigen Zuschauerklagen jedoch nicht erklären.

Eine Inge Meysel habe selbst ohne Zähne klarer gesprochen

Ein weiterer Faktor sind laut Kock die Fernsehgeräte: Diese werden vom Bild her zwar immer besser, beim Ton jedoch immer schlechter, bilanziert er im Gespräch mit der AZ. Die neuen, flachen Apparate böten ohne externe Boxen dem Ton im wahrsten Sinne des Wortes keinen „Raum“ mehr zur Entfaltung.

Der Eindruck vieler Zuschauer, dass zu Zeiten der klobigen Röhrenfernseher das Klangerlebnis ein besseres gewesen sei, stimme. Aber auch die Schauspieler nimmt Kock in die Pflicht: Selbst bekannte Fernsehdarsteller verstehe man „teilweise wirklich schlecht“. Dies habe damit zu tun, dass sie anders als Theaterschauspieler nicht gelernt hätten, ein großes Publikum anzusprechen.

Ein Tontechniker, der namentlich nicht genannt werden will, formuliert es auf AZ-Anfrage noch drastischer: Eine Inge Meysel, jahrzehntelang auf deutschen Theaterbühnen präsent, habe selbst ohne Zähne deutlicher und klarer gesprochen als einige der heutigen Nuschler-Generation.

Lieber einen Film weniger machen, dafür aber mit ordentlichem Ton

Professor Kock verweist zudem auf die Produktionsbedingungen: „Regisseure wollen den Originalton vom Drehort verwenden. Um Störgeräusche von Baustellen oder Autos zu maskieren, wird oft Atmo und Musik draufgelegt“, berichtet er. Dies gehe zu Lasten des vielleicht ohnehin etwas schlecht gesprochenen Textes.

Straßen für die Aufnahmen abzusperren, sei nicht immer möglich oder zu aufwendig. Eine Nachsynchronisation im Studio (wie sie bei den amerikanischen Serien der Privaten gezwungenermaßen stattfindet) ist den Sendern zu teuer oder zu umständlich, erläutert der Professor. Zeit- und Kostendruck bei der Postproduktion spiele ebenfalls eine Rolle. Ingo Kocks salopper Rat an die Sender: „Lieber einen Film weniger machen, ihn aber dafür mit einem ordentlichen Ton versehen.“

Das sagt die ARD:Das Erste hat sich in der Vergangenheit sehr eingehend mit der Tonmischung seiner Sendungen auseinandergesetzt“, antwortet Sprecher Lars Jacob. Wie das ZDF verweist er auf die neuen Richtlinien zur „Lautheit“. Seitdem hätten die Beschwerden deutlich abgenommen.

„Die Reaktionen der Zuschauer offenbaren eine außerordentlich große Bandbreite individueller Hör-Eindrücke, die von vielen Faktoren abhängen und von den persönlichen Gehöreigenschaften über die technische Ausstattung bis hin zu den akustischen Gegebenheiten des Raums reichen, in dem ferngesehen wird“, formuliert der ARD-Mann.

Er verweist auf dramaturgische Aspekte: „Wenn Regisseure wie im Theater sprechen lassen, sind die Dialoge zwar verständlicher, dafür leidet unter Umständen die Glaubwürdigkeit der Inszenierung.“

Das sagen Wissenschaftler: „Sprachverständlichkeit im Fernsehen“, heißt die Diplom-Abschlussarbeit von Elisabeth Hildebrandt, 2014 vorgelegt an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sie widmet sich vor allem ARD, ZDF und ORF und hat 209 Beschwerden analysiert: 60 Prozent beklagen darin die „zu laut unter die Sprache gemischte Musik“, knapp 20 Prozent monieren die „undeutlich sprechenden Schauspieler“.

Regisseure und Produzenten müssten für das Problem sensibilisiert werden, fordert Hildebrandt. „Oft ist den Regisseuren oder Redakteuren einer Sendung nicht bewusst, welche Auswirkungen manche unkonventionelle Ideen auf den Ton haben können“, sagt sie.

Nicht vergessen werden dürfe das hohe Durchschnittsalter der Zuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Forscherin Hildebrandt: „Ist es ausschließlich der Ton, der mit seinen lautmalerischen Effekten jüngeres Publikum anzieht oder sollte eventuell erst einmal der Inhalt der Sendungen hinterfragt werden, bevor in Sounddesign investiert wird?“

„Setzt ältere Tonmeister an die Mischpulte!“

Natürlich solle nicht ausschließlich für ein hörvermindertes Publikum gemischt werden, „aber dennoch kann weit in die Mischung eingegriffen werden, damit das Hörerlebnis für zum Beispiel Altersschwerhörige verbessert wird, ohne dass sich das jüngere Publikum beschwert“.

Dieser Auffassung ist auch Professor Ingo Kock von der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg. Zwei seiner Studenten hätten den Ton einer Folge von „Polizeiruf 110“ (ARD) abgemischt. Dabei hätten sie auf eine Technik des Münchner Fraunhofer-Instituts zurückgegriffen, die das Hören älterer Menschen simuliert. Das Ergebnis sei ein perfekt verstehbarer Krimi gewesen.

Leider habe die ARD das Projekt nicht weiterverfolgt. Kock fordert, halb im Scherz, halb ernst gemeint: „Setzt ältere Tonmeister an die Mischpulte – dann verstehen alle mehr.“

Das sagt das Ausland: Das Problem gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. So beschweren sich zum Beispiel immer mehr Dänen über ihre Filme und Fernsehsendungen. Die Schauspieler nuscheln offenbar so sehr, dass selbst Einheimische nicht mehr verstehen, was gesagt wird. Die Mimen verteidigen sich; das sei eben Realismus.

Ein großer Lokalsender hat sich inzwischen dazu entschlossen, Filme und Serien nur noch mit Untertiteln zu zeigen. Ein Beispiel, das Schule machen könnte: Die „Gesellschaft Dänischer Filmemacher“ will die Untertitel am liebsten flächendeckend einführen.

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