Dahoam is Dahoam: Von Corona rausgeschrieben?

Noch ruhen die Dreharbeiten, aber wenn die Produktionen wieder starten, könnte dies ohne ältere Schauspieler geschehen. Das Beispiel "Dahoam is Dahoam".
| Guido Verstegen
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Gerd Lohmeyer (rechts) als Michael Gerstl und der im Januar gestorbene Ferdinand Schmidt-Modrow als Pfarrer Simon Brandl in „Dahoam is Dahoam“.
BR Gerd Lohmeyer (rechts) als Michael Gerstl und der im Januar gestorbene Ferdinand Schmidt-Modrow als Pfarrer Simon Brandl in „Dahoam is Dahoam“.

Schauspieler zu sein und sich vom "schönsten Beruf der Welt" (Heinz Rühmann) zu ernähren, ist in diesen Tagen der Corona-Krise nicht leicht. Castings, Aufführungen, Proben, Drehs werden abgesagt oder verschoben, in Sachen Soforthilfe waren Solo-Selbstständige in Bayern anfangs nicht antragsberechtigt, weil sie eben keine Betriebskosten und kein Atelier gemietet haben oder Leasingraten für ein Auto zahlen müssen.

Jetzt tut sich im Zuge der sich lockernden Ausgangsbeschränkungen auch noch so etwas wie eine Zwei-Klassen-Gesellschaft am Set auf. Gerd Lohmeyer spielt in der Kult-Serie "Dahoam is Dahoam" im Bayerischen Fernsehen seit August 2009 den Kioskbesitzer Michael Gerstl. Der 75-Jährige ist derzeit wie wir alle in erster Linie – dahoam.

Auch das TV-Dorf Lansing in Dachau ist seit 20. März stillgelegt, die Produktionsfirma Constantin Television kann noch bis Anfang Mai bereits abgedrehte Folgen liefern. Trotz Coronavirus will sie möglichst schnell wieder drehen, damit die Serie ohne Unterbrechung weiterlaufen kann.

Dahoam is Dahoam: Drehen ohne Corona-Risikogruppe

"Ab 28. April wird es in möglichst kleinen Teams am Set weitergehen, aber nicht für alle, denn die über 70-Jährigen bleiben als sogenannte Risikogruppe bis mindestens Anfang Juni außen vor", berichtet Lohmeyer. "Das ist diskriminierend, das verträgt sich nach meiner Ansicht nicht mit dem Grundgesetz."

Es sei durchaus nicht gesichert, dass die Ansteckungsgefahr nachlasse, was wiederum bedeute, dass eine ganze Schauspielergeneration vor dem Aus stehe. "Ich bin pumperlgsund und damit selbst nicht ansteckender als jeder gesunde Andere und möchte dann Schutz, wenn ich danach verlange. Ich plädiere für Eigenverantwortung."

Daniela Boehm, sie ist seit dem Start der Serie 2007 Redaktionsleiterin, hatte zuletzt davon gesprochen, dass "mit Einschränkungen" und "einem gewissen Maßnahmenkatalog" zu rechnen sei, wenn es mit der Serie weitergeht, auch die Drehbücher müssten umgeschrieben werden. Und: "Selbstverständlich müssen die älteren Darsteller, wir haben ja sehr viele Ältere, geschützt werden."

Lohmeyer unterstützt Aktion #60plusselbstbestimmt

Auf die Fragen, wie das Prozedere am Set konkret aussehen soll, wie man ältere Darsteller konkret schützen möchte, "gibt es noch keine spruchreifen Antworten", ließ Christian Dück von der BR-Presseabteilung die AZ wissen.

Gerd Lohmeyer unterstützt mit ganzem Herzen die Aktion #60plusselbstbestimmt der Schauspielagentur 60plus in Meerbusch/Nordrhein-Westfalen. "Eine Entmündigung und Ausgrenzung der älteren Schauspieler ist ungerecht, und wir fordern daher eine offene Kommunikation und eine gelebte Solidarität der Generationen", heißt es in einem entsprechenden Aufruf der Agentur, den bisher rund 100 Schauspieler namentlich mittragen, wie die Agenturchefin Ulrike Boldt der AZ sagte.

Corona-Krise: Werden ältere Schauspieler nun benachteiligt?

Unterzeichnet haben bei der Kampagne auch die Münchnerinnen Barbara Weinzierl (61) und Ricci Hohlt (75). "Ältere Schauspieler haben es ohnehin nicht leicht, sich über Wasser zu halten. Die können nicht eben mal schnell einen anderen Job machen – wie zum Beispiel ein 25-Jähriger, der sich als Fahrradkurier verdingt", sagt die Schauspielerin ("Watzmann ermittelt") und Kabarettistin Weinzierl (61). "Wenn sie das bei 'Dahoam is Dahoam' so umsetzen, dann bezahlen sie hoffentlich die älteren Schauspieler auch in der Zeit, in der sie nicht am Set sind."

Hohlt, sie ist Schauspielerin, Sprecherin und Sängerin, findet es "einfach nur absurd, die Alten wegzusperren". Im Aufruf auf der Website der Agentur steht: "Nachdem manche Produktionen langsam wieder in die Drehplanung einsteigen, erreichen uns Berichte, dass Rollen für ältere Schauspieler nun aus den geschriebenen und geplanten Drehbüchern gestrichen werden sollen. Auch gibt es Absagen für schon besetzte ältere Schauspieler und Schauspielerinnen mit der Begründung, dass man aktuell nur noch Jüngere besetzen wolle, da die Älteren über 60 Jahre in die Corona-Risikogruppe fallen."

Vor einer Woche habe sie den Eindruck gehabt, dass sich da ein echter Trend abzeichne, so Ulrike Boldt, und sie sei froh, dass dem offensichtlich nicht so sei: "Nach Rücksprache mit dem Bundesverband Schauspiel gab es bisher keine weiteren Absagen für ältere Schauspieler. Dennoch ist es mir wichtig, alle Beteiligten für das Thema zu sensibilisieren und zur Achtsamkeit aufzurufen. Noch hängen die Produktionen in der Warteschleife, aber irgendwann geht es ja weiter."

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