"Anne Will": NDR verteidigt Einladung von Muslimin Nora Illi

Nach dem Auftritt einer muslimischen Frauenbeauftragten in der Talkshow "Anne Will" hagelte es Kritik von allen Seiten. Jetzt äußert sich der Sender dazu.
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Nach dem Auftritt einer muslimischen Frauenbeauftragten in der Talkshow "Anne Will" hagelte es Kritik von allen Seiten. Jetzt äußert sich der verantwortliche Sender dazu.

Hamburg - Die Empörung ist groß: Noch während der Sendung warfen Talkgäste, der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach und der Autor Ahmad Mansour Moderatorin Anne Will vor, sie habe dem radikalen Islam mit dem Auftritt der vollverschleierten Schweizerin Nora Illi eine breite Plattform geboten.

Entscheidung sei sorgfältig abgewogen gewesen

Nun hat der Sender die Einladung der Frau verteidigt. Diese sei sorgfältig abgewogen worden, teilte die verantwortliche NDR-Redakteurin Juliane von Schwerin jetzt mit. "Die umstrittene Haltung von Frau Illi zum Beispiel zur Problematik der Ausreise von Jugendlichen nach Syrien ist deutlich zutage getreten und heftig debattiert worden." Die Zusammensetzung der Diskussionsrunde habe zu einer "angemessenen wie notwendigen Auseinandersetzung" geführt, heißt es weiter. Für die Zuschauer habe die Diskussion zahlreiche Erkenntnisse und Aufklärung zu einem Thema im Spannungsfeld zwischen Religion und freier Werteordnung geboten. Von der Moderatorin selbst gab es bislang keine Stellungnahme.

Im Zentrum der Empörung stand Nora Illi (32) vom Islamischen Zentralrat der Schweiz. Sie war in der Sendung am Sonntagabend mit einem Niqab aufgetreten und sorgte insbesondere mit ihren Thesen zum IS für scharfe Kritik. So warfen Bosbach und Mansour der Frau vor, sie verherrliche den Krieg in Syrien.

Die Talkshow "Anne Will" ist seitdem Thema auf allen medialen Kanälen. Unter den Kommentatoren ist auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber, der den TV-Auftritt der vollverschleierten Muslimin als schweren Fehler der ARD einstuft. Er zog einen Vergleich mit Syriens Machthaber Baschar al-Assad und dessen brutalen und blutigen Bürgerkrieg gegen Rebellen: "Wenn eine Frau mit Niqab in der Sendung einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt als Frauenbeauftragte präsentiert wird, dann habe ich die Sorge, dass man demnächst im deutschen Fernsehen Herrn Assad als Menschenrechtsbeauftragten ankündigt", sagte Tauber in Berlin.

Frauenbeauftragte trägt in der Schweiz den Spitznamen "Niqab-Nora"

In der Schweiz hingegen ist man offenbar daran gewöhnt, dass die 32-Jährige mit ihren Medienauftritten regelmäßig Empörung auslöst: Eher schmunzelnd nimmt man zur Kenntnis, dass "die Niqab-Nora" im Ausland mal wieder Furore macht. Kürzlich im österreichischen Fernsehen und nun in der ARD.

Erst kürzlich hat das Parlament in Bern mit knapper Mehrheit dem Antrag der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) zugestimmt, ein landesweites Burkaverbot gesetzlich zu verankern. Das haben auch Illis TV-Auftritte nicht verhindern können.

Vor einigen Jahren sorgte die vierfache Mutter aus dem Berner Multikulti-Stadtviertel Bümpliz freilich noch für mediale Schockwellen. "Mein Schleier gibt mir ein Gefühl von Freiheit", erklärte sie 2010 in der Talksendung "Club" des Schweizer Fernsehens (SRF) - und löste Proteste von Frauenrechtlerinnen aus.

Illi wurde Symbolfigur der Islam-Debatten

Illi war damals gerade Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) geworden. Rasch stieg sie zur Symbolfigur der Islam-Debatten auf. Eine wortgewandte Frau mit Vollschleier und Schweizer Pass, das hatte es vorher noch nicht gegeben.

Neben ihrem unerschütterlichen Bekenntnis zur konservativen Ausprägung des Islams bewies die Konvertitin gelegentlich auch Humor. Als Illi in einem Online-Chat der Zeitung "Blick" gefragt wurde, ob sie ihren Schleier auch mal ablege und wie sie sich dann fühle, sagte sie: "Nur beim Suppenessen mit Niqab kann es Schwierigkeiten geben."

Wenn sich in der Schweiz kaum noch jemand über Illi aufregt, liegt das auch an der Erkenntnis, dass sie lediglich eine kleine Minderheit muslimischer Frauen vertritt. Der IZRS ist keineswegs eine Art Dachorganisation für die rund 400.000 Muslime in der Schweiz, wie der hochtrabende Name vermuten lassen könnte. Vielmehr handelt es sich um einen radikal-islamischen Verein, der vom Nachrichtendienst beobachtet und vom Mainstream der Muslime gemieden wird.

Immerhin hat der 2009 im Zuge der Schweizer Debatten über das damalige Verbot des Baus von Minaretten gegründete IZRS rund 3.000 Mitglieder. Die meisten sind Schweizer. Der Genfer Islamwissenschaftler Tarik Ramadan spricht von "Sektierern ohne Basis".

Auch der Ehemann ist recht präsent

Warum Massenmedien einer solchen Randgruppe ein Forum bieten, fragt sich mancher in der Schweiz. Auch Nora Illis Ehemann Abdel Azziz Qaasim – er stammt aus Schaffhausen und heißt eigentlich Patric Jerome Illi - ist immer wieder mal medial präsent. Er ist der Sprecher des IZRS. Und wann immer es in Europa einen Terroranschlag gibt, fragen Reporter an, ob sich sein Verein davon distanziert. Das geschah bislang eher zurückhaltend, ja nahezu abweisend: Als vor einem Jahr bei den Anschlägen in Paris weit mehr als 100 Menschen getötet wurden, fragte Illi laut "Wochenzeitung" zurück, "warum er sich distanzieren solle, er selbst habe ja nicht geschossen und zur Gewalt aufgerufen habe er auch nicht".

Vorstellbar ist, dass eine gewisse Faszination für das schwer fassbare Unheimliche das Interesse an schillernden Konvertiten wie den Illis beflügelt. Beide wuchsen in bürgerlichen Verhältnissen auf. Nora – Tochter eines Psychotherapeuten aus Deutschland und Sozialpädagogin – war als Jugendliche in der Punkszene unterwegs, ließ sich als Teenager auf eigenen Wunsch katholisch taufen und wandte sich später zunächst dem Buddhismus zu.

Illi: "Es liegt in der Natur des Mannes, dass er sich irgendwann nach einer anderen Frau sehnt"

Bei einem Urlaub mit dem Vater - die Eltern sind geschieden - soll ein islamischer Geistlicher in Dubai die damals 17-Jährige bekehrt haben. Ihren späteren Mann soll die ausgebildete Drucktechnikerin bei einer Solidaritäts-Aktion für Palästina getroffen haben. "Der Islam ist nicht einfach eine Religion, er ist das ganze Leben", sagte Nora Illi 2011 in einem Zeitungsinterview in Kairo, wo sie Arabisch lernte.

Frauenrechtlerinnen brachte sie damals mit einem Plädoyer für die Mehrehe auf die Palme. "Es liegt in der Natur des Mannes, dass er sich irgendwann nach einer anderen Frau sehnt." Deshalb sei es gut, dass der Koran die Ehe mit mehreren Frauen erlaube, was sie natürlich auch ihrem Mann zugestehen würde.

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