Abendzeitung, die Größe einer Idee

"Eine Zeitung für die Großstadt - hat das noch Zukunft?" - Arno Makowsky, Chefredakteur der Abendzeitung, äußert sich in der AZ-Meinung über die größte Zäsur in der Geschichte der AZ.
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Die AZ im Wandel: Abendzeitung-Chefredakteur Arno Makowsky in der AZ-Meinung.
dpa Die AZ im Wandel: Abendzeitung-Chefredakteur Arno Makowsky in der AZ-Meinung.

"Eine Zeitung für die Großstadt - hat das noch Zukunft?" - Arno Makowsky, Chefredakteur der Abendzeitung München, äußert sich in der AZ-Meinung über die größte Zäsur in der Geschichte der AZ.

München - Sie hängt in meinem Büro an der Wand, ist ein bisschen vergilbt, aber alles ist noch gut zu lesen: Die erste Titelseite der Abendzeitung vom Mittwoch, dem 16. Juni 1948. Ihre Schlagzeile hat wenig gemein mit dem, was man allgemein unter „Boulevard“ versteht: „Zweizonenrat als provisorische West-Regierung“. Immerhin zeigt aber das Foto einen dramatischen Schiffsuntergang, und auch eine positive Meldung hat es ganz nach vorne geschafft: „Amerikanischer Tabak für die Doppel-Zone“.

66 Jahre ist das her. Wer diese Ausgabe heute betrachtet, versteht sofort die geniale Idee des AZ-Gründers Werner Friedmann, eine Idee, die bis heute fortbesteht. Sie heißt: Anspruchsvoller Boulevard. Eine Zeitung, die Spaß machen darf, aber trotzdem Niveau hat.

Wo muss man die Tiefe verstecken? An der Oberfläche!

Was die Männer und Frauen im eisigen Keller des Verlagsgebäudes in der Sendlinger Straße in den Nachkriegsjahren geschafft haben, war ihren Nachfolgern in all den Jahrzehnten immer Verpflichtung: Eine Abendzeitung mit Esprit und Witz, mit einem frechen Feuilleton, einem kritischen Politikteil, einem lebendigen Sport und einer lokalen Berichterstattung, die das brodelnde Großstadtleben spiegelt.

Boulevard ist nach dieser Lesart keine fade Prominenten-Anbetung oder bloßes Nacherzählen von wilden Sex-and-Crime-Geschichten. Es ist ein Abbild der Wirklichkeit, das auch ernsten Themen mit Leichtigkeit begegnet. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal hat meinen Lieblingssatz zu dieser Art des Journalismus geschrieben: „Man muss die Tiefe verstecken. Wo? An der Oberfläche.

Natürlich funktioniert dieses Prinzip immer noch – genauso wie eine gut gemachte Münchner Boulevardzeitung auch heute ihre Berechtigung hat. Warum, so fragen sich viele, ist die AZ trotzdem immer weiter in die roten Zahlen gerutscht, bis sie schließlich im vergangenen März Insolvenz anmelden musste? Sicher, da gibt es die grundsätzlichen Probleme in der Branche: Alle Printmedien stehen unter Druck, die Werbeerlöse gehen zurück, viele Leser bevorzugen das Internet – oder verzichten ganz auf Nachrichten.

Eine Zeitung für die Großstadt - hat das noch Zukunft?

Man muss an dieser Stelle aber einräumen: Es wurden bei der AZ in den vergangenen zwanzig Jahren viele Fehler gemacht, manche redaktionelle, viele kaufmännische. Es fehlte auch eine verlegerische Idee jenseits von immer neuen Sparkonzepten, die das Blatt in eine Abwärtsspirale führten.

Heute, nach 66 Jahren, steht die Münchner Abendzeitung vor der größten Zäsur ihrer Geschichte. Die Gründerfamilie Friedmann gibt das Blatt nicht länger heraus, die Mediengruppe Straubinger Tagblatt/ Landshuter Zeitung hat die AZ gekauft. Vom kommenden Dienstag an wird die Zeitung etwas anders aussehen, eine andere Struktur aufweisen. Manches Gewohnte wird fehlen, Neues hinzukommen. Das kann spannend werden. Ich wünsche den Kollegen, dass die Leser diese neue AZ annehmen.

Viele bisherige Mitarbeiter der Zeitung sind dann nicht mehr dabei. Auch ich räume gerade mein Büro aus. Die erste Ausgabe der AZ vom 16. Juni 1948 nehme ich mit.

 

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