Interview

"Wir sind schiller, bunter": Kittel mit klarer Ansage über sein neues Team bei dem Giro d’Italia

Am Freitag startet der Giro d’Italia. In der AZ spricht der einstige Sprint-Superstar Marcel Kittel über die Rundfahrt und seinen neuen Job als Trainer.
von  Ruben Stark
Der ehemalige deutsche Sprint-Superstar: Marcel Kittel.
Der ehemalige deutsche Sprint-Superstar: Marcel Kittel. © IMAGO

AZ: Herr Kittel, Sie trainieren seit diesem Jahr die Sprinter beim jungen niederländischen Team Unibet Rose Rockets, das ab Freitag sein Debüt beim Giro d’Italia gibt. Farblich ist die Mannschaft offenbar gut auf das Rennen um das berühmte Maglia Rosa abgestimmt.
MARCEL KITTEL: (lacht) Ja, stimmt. Wir haben eigentlich alle Giro-Farben mit dabei.

Kittel: "Wir sind eine besondere Mannschaft"

Von Bulgarien – ein ungewöhnlicher Startort – geht es über drei Wochen bis nach Rom. Wie groß wird die Herausforderung für so ein junges Team?
Riesig, das kann man nicht anders sagen. Wir sind quasi gerade über die Phase als Mannschaft hinaus, als wir noch ein bunt zusammengewürfelter Haufen waren. Das ist unsere vierte Saison überhaupt. Jetzt direkt zum Saisonstart eine Grand Tour zu fahren, nachdem wir über den Winter neue Partner mit an Bord bekommen haben, aber auch neues Material, und viel passieren musste – neue Fahrzeuge, noch mehr Rennfahrer, noch mehr Personal –, ist eine enorme Herausforderung. Aber ich glaube, dass wir als Mannschaft auf jeden Fall bereit sind, dass wir da guten Gewissens starten können.

Die Rockets fallen im Auftreten und vom Ansatz her auf. Sind Sie mit der Geschichte vom YouTube-Phänomen zum Profiteam die Paradiesvögel des Pelotons?
Nein, das würde ich nicht sagen. Klar, wir sind eine besondere Mannschaft, sind gerade in der Start-up-Phase als junges Team und auch unsere ganze Entstehungsgeschichte vom YouTube-Influencer-Trio mit Josse (Wester), Bas (Tietema) und Devin (van der Wiel/d.Red.), das bis zum höchstem Profiniveau performen will, ist besonders – und ein riesengroßer Schritt. Auch der Fakt, dass wir ein eigenes Medienhaus haben mit einem riesengroßen Medienteam, die quasi jede Sekunde verfolgen mit ihrer Kamera. Das lässt uns schon auch aus den gestandenen WorldTour-Teams herausstechen.

Ich glaube, dass wir viel neue Energie, frischen Wind, eine andere Perspektive auf den Sport bringen wollen und auch bringen.

Marcel Kittel

Kittel will zu den besten drei ProTeams gehören

Also eher Farbtupfer, weil Sie anders sind, schriller, bunter.
Das auf jeden Fall. Ich glaube, dass wir viel neue Energie, frischen Wind, eine andere Perspektive auf den Sport bringen wollen und auch bringen. Wir haben eine coole Community mit tollen Fans, die uns nicht nur folgen, weil wir riesig erfolgreich waren oder sind, sondern weil wir eine geile Geschichte zeigen und sie hautnah dran sind und in guten, wie in schlechten Zeiten mitfiebern. Darauf können wir stolz sein. Irgendwann kam bei den Gründern der Traum, mit einem eigenen Radsport-Team zur Tour de France zu gehen. Das war vor vier, fünf Jahren völlig utopisch. Aber jetzt stehen wir schon am Start des Giro d’Italia. Man muss sagen, die drei sind nicht zu unterschätzen und was sie da auf die Beine gestellt haben, hat ihnen fast keiner zugetraut.

Die Tour-Teilnahme im Jahr 2027 ist keine Illusion mehr.
Unser Teamziel für 2026 ist klar, dass wir zu den drei besten ProTeams (Teams der zweiten Kategorie/d.Red.) gehören wollen. Dann hätten wir eine Einladung bei den größten Rennen inklusive der Tour sicher und deswegen ist die Ambition auf jeden Fall da. Der Giro ist aber nicht weniger wert und hier können wir uns sozusagen schon mal unsere Grand-Tour-Hörner abstoßen und ganz, ganz viel lernen, was wir als Radsportteam in den nächsten Jahren brauchen werden.

Einst erfolgreicher Radfahrer: Marcel Kittel.
Einst erfolgreicher Radfahrer: Marcel Kittel. © IMAGO

Kittel holte sich 14 Etappensiege bei der Tour

Wieso passt es mit Ihnen so gut zusammen?
Ich konnte früher ja auch ein bisschen sprinten. (schmunzelt).

Kann man bei 14 Etappensiegen bei der Tour so sagen.
Deswegen passt schon mal der Teamfokus auf Anfahrer und Sprinter gut zu mir. Dann würde ich behaupten, dass die Sponsoren auch weit über das normale Maß unterstützen und wirkliche Partner des Projektes sind. Der dritte und auch wichtige Punkt ist, dass die Mannschaft als Start-up unterwegs ist. Es erinnert mich extrem viel, auch was die Energie und die Gruppe bei den Rennfahrern betrifft, an meinen eigenen Profi-Start 2011. Was den Sprint angeht, können wir mit den Erfolgen von Dylan Groenewegen auf ein sehr erfolgreiches Frühjahr zurückschauen. Wir haben die Chancen, die wir bekommen haben, extrem gut genutzt.

Kittel: "Der Giro ist so ein Rennen, in dem immer ein paar Überraschungen passieren können"

Vielleicht klappt das ja auch beim Giro. Die erste Etappe ist gleich was für Sprinter und somit für Groenewegen, der zwischen 2017 und 2024 sechs Etappen bei der Tour gewonnen hat. Wie verhält es sich denn beim Trainer Kittel mit dem Nervenkitzel im Vergleich zum früheren Sprinterkönig Kittel?
Der ist bei einer solchen ersten Etappe genauso groß wie früher, weil am Ende die Verantwortung teilweise eben auch bei mir liegt, gemeinsam mit den Rennfahrern einen guten Plan auf die Strecke zu bringen. Irgendwie ist es schon gefühlt derselbe Druck wie damals. Deswegen bin ich voll im Fokus, voll bei der Sache und will das beste Ergebnis holen. Unser Ziel ist, da zu gewinnen.

Wer kann den Gesamtsieg von Jonas Vingegaard verhindern? Der zweimalige Tour-de-France-Champ scheint bei seiner Giro-Premiere unantastbar.
Vingegaard hat eine extrem gute Ausgangslage, was das Feld angeht. Aber der Giro ist so ein Rennen, in dem immer ein paar Überraschungen passieren können – auch im Klassement. Auch junge Fahrer zeigen sich da durchaus, vielleicht Giulio Pellizzari von Red Bull-Bora, der ist in starker Verfassung. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

Kittel: "Die echten Siegfahrer fehlen weiter"

Stichwort Red Bull-Bora: Was fällt Ihnen denn aktuell ein, wenn Sie über den deutschen Radsport nachdenken?
Was man aus deutscher Perspektive sagen kann, ist, dass Red Bull-Bora gefühlsmäßig mehr in der Spur ist – auch mit Remco Evenepoel –, dass sie konstanter liefern als vergangene Saison. Das ist als Leuchtturm-Team mit Florian Lipowitz insgesamt ein großer Punkt. Sonst sehe ich kaum Veränderung, keine riesengroßen Überraschungen oder neue Talente. Die echten Siegfahrer fehlen weiter. So ein Erfolg wie von Georg Zimmermann am 1. Mai in Frankfurt ist aber natürlich toll – oder der Etappensieg von Max Kanter bei Paris-Nizza.

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