Interview

Windsurflegende Robby Naish: "Ich habe mein Leben einem Fremden in die Hand gegeben"

Wasser ist sein Element: Im AZ-Interview spricht Windsurf-Legende Robby Naish über die Doku "The longest wave", aber auch über Lebenskrisen während des Drehs: "Wollte die dunkle Seite nicht verstecken".
| Thomas Becker
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Meister von Wind und Wellen: Robby Naish hat eine schwere Zeit mit üblen Verletzungen und einer Trennung hinter sich. Auch das ist ein Teil einer Doku über die US-Surf-Legende.
Meister von Wind und Wellen: Robby Naish hat eine schwere Zeit mit üblen Verletzungen und einer Trennung hinter sich. Auch das ist ein Teil einer Doku über die US-Surf-Legende. © imago/Sammy Minkoff

AZ-Interview mit Robby Naish: Die Windsurf-Legende aus Hawaii ist mehrfacher Weltmeister und nimmt auch mit 57 Jahren immer noch an Wettkämpfen teil.

AZ: Aloha, Mister Naish, wie geht's Ihnen? Wie ist das Leben für eine Surf-Ikone derzeit in den Vereinigten Staaten?
ROBBY NAISH: Oh, gut. Abgesehen davon, dass es zur Zeit überall ein bisschen verrückt ist. Aber wenn man schon diesen Shit durchstehen muss, dann ist Hawaii ein ziemlich guter Ort dafür.

Über die Jahrzehnte Ihrer Karriere haben Sie so viele Flugmeilen gesammelt wie wohl nur wenige Menschen auf diesem Planeten. Seit einer Weile ist es mehr oder weniger vorbei mit dem Rumgereise. Wie gehen Sie damit um?
Ich vermisse das in der Tat, und es ist schon seltsam: Mein ganzes Erwachsenenleben war ich praktisch von einem Trip zum nächsten unterwegs, quer über den Erdball. Und jetzt so lange zu Hause! Mein Terminkalender war knallvoll, ich musste so viele Termine absagen - eine irgendwie interessante Erfahrung. Aber zum Glück hatten wir hier den ganzen Sommer über richtig gute Bedingungen für alle Arten von Wassersport und vergleichsweise wenig Einschränkungen wegen Corona. Wir durften ins Wasser gehen, es war kaum etwas los, viel weniger Verkehr, fast gar keine Touristen.

"Fast fünf Jahre hat es gedauert, bis der Film fertig war"

Neu ist "The longest wave", eine Dokumentation über Sie, die eigentlich schon längst im Kino sein sollte.
Es gibt wohl keinen schlechteren Zeitpunkt, um einen Kinofilm zu rauszubringen als im Jahr 2020. Fast fünf Jahre hat es gedauert, bis der Film fertig war - und dann so was! Den ganzen September über wäre ich in Deutschland, Österreich und der Schweiz gewesen, um den Film zu promoten - alles auf 2021 verschoben.

Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis? Sie wollten ja keinen klassischen Action-Surf-Film.
Es ist sicher nicht das, was die Leute erwarten. Es ist kein "Schau, bin ich nicht toll?!"-Film. Das wollte ich wirklich nicht. Als Red Bull vor ein paar Jahren mit der Idee kam, sagte ich: ‚Nein, ich bin noch nicht so weit, um zurückzuschauen." Mit der Zeit habe ich mich mit der Idee angefreundet - solange der Film etwas anders sein könnte. Dann kam Joe Berlinger als Regisseur an Bord. . .

. . .der Oscar-prämierte Dokumentarfilmer.
Er hat so einen ganz anderen Hintergrund, hat noch nie einen Sportfilm gemacht, sondern Dokus über Metallica und völlig andere tiefgründige Themen wie den juristischen Kampf der Ureinwohner im ecuadorianischen Amazonasgebiet gegen Texaco. Da wusste ich: Der wird einen ganz anderen Film machen.

"Es gab einige Herausforderungen, aber am Ende bin ich sehr zufrieden"

Wie lief die Zusammenarbeit?
Ich habe ihm sozusagen die Autoschlüssel in die Hand gedrückt. Es ist sein Film, ich habe nichts mit der Struktur des Films zu tun. Es hat sich alles mit der Zeit entwickelt. Am Anfang wussten wir nicht mal, um welchen Sport es gehen sollte: Windsurfing, Kite, Stand-Up- Paddling. Wir ließen die Idee organisch wachsen. Es gab einige Herausforderungen, aber am Ende bin ich sehr zufrieden. Der Film zeigt eine ziemlich herausfordernde Periode meines Lebens. Es ist eher ein Film über unsere Beziehung zur Zeit: Was passiert, wenn wir älter werden? Wie gehen wir damit um? Es ist ein überraschender Film - genau das, was ich wollte.

Wie war es, erstmals den fertigen Film zu sehen?
Beängstigend. Ich war nie im Schneideraum, wusste nicht, welche Musik gewählt wurde, ich wusste gar nichts. Ich habe mein Leben praktisch einem Fremden in die Hand gegeben. Auch wenn es jemand ist, von dem ich wusste, dass er sehr gut ist in dem, was er tut.

Kurz vor Beginn der Dreharbeiten hatten Sie bei einem Foto-Shooting im Mai 2016 auf dem Brett diesen fürchterlichen offenen Beckenbruch, an dem Sie fast verblutet wären…
Wir wollten mit der Filmcrew gerade los zu einem Trip nach Namibia, als das passiert ist. Der Umgang mit der Verletzung, die Reha: All das ist im Film. Es war die erste Verletzung in meiner ganzen Karriere - interessant, das im Film nochmal zu erleben. Und danach gleich noch eine Verletzung: ein gebrochener Fuß, genau ein Jahr später. Sieben Monate konnte ich nicht aufs Wasser! Länger als nach dem Beckenbruch.

Auch als Geschäftsmann ging es Ihnen in dieser Zeit nicht gut, dazu die Scheidung von Ihrer zweiten Frau - als wollte Ihnen ein gemeiner Drehbuchschreiber das Leben schwer machen.
Oh Mann, in der Zeit war wirklich was los! Es wird viele überraschen, dass wir ausgerechnet in dieser Zeit den Film gedreht haben! Aber so ist das Leben, so ist mein Leben: nicht immer perfekt. Ich wollte die dunklen Seiten nicht verstecken. Der Film zeigt, wie ich schlimm zugerichtet werde - und wie ich da wieder raus kam, zu neuen hundert Prozent, in und außerhalb des Wassers.

Bild aus glücklicheren Tagen: Robby Naish und seine Ex-Frau Kathy.
Bild aus glücklicheren Tagen: Robby Naish und seine Ex-Frau Kathy. © imago images/Jan Huebner

"Wasser ist nachsichtig. Du fällst, stehst wieder auf und probierst es nochmal"

Wie war eigentlich die Rückkehr aufs Wasser nach dem Beckenbruch? Waren Sie Ihrem Lieblingselement nicht ein bisschen böse?
Wasser ist so nachsichtig, so versöhnlich. Wenn du dich verletzt, tust du das selbst. Ich habe sehr lange unheimlich viel Glück gehabt. Hätte ich mir irgendeinen anderen Sport ausgesucht, mein Körper wäre schon längst völlig zerstört. Stürze auf Eis, Schnee, Beton oder Erde! Sogar Tennis oder Golf: Schultern und Ellbogen sind irgendwann hinüber! Wasser dagegen ist nachsichtig. Du fällst, stehst wieder auf und probierst es nochmal.

Kein Gedanke daran zumindest mal die Wettkämpfe bleiben zu lassen?
In meinem Kopf habe ich die Wettkämpfe schon immer nur gegen mich selbst bestritten. In meinem Sport geht es nicht darum, einen anderen Typen zu besiegen. Das ist wie, wenn man von einer Verletzung zurückkommt: ‚Ich schaffe das! Ich komme zurück auf mein Level!' Es ist nicht so, dass ich mein Karriereende herbeisehne, um Zeit für etwas anderes zu haben - Fischen gehen oder Gärtner werden. Es gibt keine verborgene Leidenschaft, die nach außen drängt. Ich will immer noch auf dem Wasser sein.

Es gibt kein Alterslimit auf dem Brett?
Freunde von mir stehen mit 70 oder 80 immer noch auf dem Brett und genießen Wind und Wellen.

Sie haben allerdings jeden Morgen die große Qual der Wahl: Kite, Windsurfing oder SUP.
Es kommt immer auf die Bedingungen an - und auf den Zeitplan der Entwicklungen und den Produktzyklus. Ich bin ständig am testen. Es ist ein Nonstop-Mix. Und es gilt immer der Satz: Du bist nie zu alt, um Spaß zu haben!

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