Wie Daten die Leistung im Fußball pushen

Brighton & Hove Albion, Royale Union Saint-Gilloise, Como 1907 oder der 1. FC Nürnberg: Sie alle performen aktuell ausgezeichnet. Das hängt auch mit dem speziellen Scouting zusammen.
von  Martin Moravec, dpa
Die Fans des 1. FC Nürnberg erleben in dieser Saison endlich wieder ein Hoch. (Archivbild)
Die Fans des 1. FC Nürnberg erleben in dieser Saison endlich wieder ein Hoch. (Archivbild) © Jens Niering/dpa

Auf dem Flug in die USA schaute sich Joti Chatzialexiou noch einmal "Die Kunst zu gewinnen - Moneyball" an. In dem Hollywood-Drama, das auf wahren Begebenheiten beruht, formt der General Manager des Baseball-Teams Oakland A's, Billy Beane, zusammen mit einem Wirtschaftsanalysten eine günstige und erfolgreiche Mannschaft. Grundlage ist ein Statistikverfahren, das dabei hilft, unterbewertete Spieler zu entdecken.

Knapp zehn Jahre ist die Reise im Rahmen eines Leadership-Programms von Chatzialexiou her, der damals noch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) für die Professionalisierung der Nationalmannschaften zuständig war. An einem Vormittag in den USA lernte der heutige Sportvorstand des 1. FC Nürnberg auch Beane kennen, der im Sportfilm von Superstar Brad Pitt verkörpert wird.

Baseball als Vorreiter

"Für mich war das total abgefahren, weil ich zwar jemand bin, der Daten gerne nutzt, ich war aber kein Daten-Nerd. Es war hochspannend, ihn und seinen Kollegen kennenzulernen, weil sie die Vorreiter der Datenanalyse im Baseball sind. US-Amerikaner nutzen im Baseball noch viel mehr Daten, als wir das im Fußball gewohnt sind, um in die Spielerakquise zu gehen", erzählte Chatzialexiou der Deutschen Presse-Agentur. "Es war atemberaubend, wie viele Daten und wie detailgetreu diese dort analysiert werden. Das war Welten von dem entfernt, was im Fußball passiert."

Chatzialexiou hat dieses ausgesprochene Faible für Daten. Sein Verein, der am Mittwoch in der zweiten Runde des DFB-Pokals die Überraschung bei Bayer Leverkusen schaffen will, gehört als Zweiter mittlerweile zur Spitzengruppe der 2. Fußball-Bundesliga. So weit nach oben wären die Franken aber vielleicht nicht gekommen, wenn es da nicht eine Partnerschaft mit einer besonderen Datenanalyse- und Scouting-Firma gäbe.

Seit Juni 2025 arbeitet der 1. FC Nürnberg exklusiv auf dem deutschen Markt mit Jamestown Analytics (JTA) zusammen. Weitere Partner sind etwa Brighton & Hove Albion in England, Royale Union Saint-Gilloise in Belgien, Como 1907 in Italien oder Heart of Midlothian FC in Schottland. Sie alle nutzen die Datenbanken von JTA als Grundlage für Transfers. Und sie alle performen aktuell stark.

Das Erfolgsgeheimnis der Eidechse

"Ich habe eine große Datenaffinität und wollte einen sehr guten Datenanbieter. Ich wusste, dass Jamestown in diesem Bereich extrem gut ist. Über mein Netzwerk bin ich an das Unternehmen herangetreten, und wir hatten dann einige Gespräche", berichtete Chatzialexiou. "Am Ende war das mit unser bester Draft, den wir zu Beginn getätigt haben, weil sie uns in den jeweiligen Transferfenstern gut unterstützt und bei der Spielerakquise geholfen haben."

Die Funktionsweise des Algorithmus von Jamestown Analytics ist das Erfolgsrezept - und wird wie ein Schatz gehütet. Hervorgegangen ist JTA aus Starlizard, einer auf die Ermittlung von Gewinnchancen bei Sportwetten spezialisierten Firma des Mathematikers und Pokerspielers Tony Bloom. Der Brite, der wegen seiner Kaltblütigkeit am Pokertisch den Spitznamen "Lizard" (Eidechse) verpasst bekam, ist auch Mehrheitseigner bei Brighton.

Bloom verfüge über eine klare Struktur und habe die richtigen Leute unter sich, befand der frühere Manager des FC Southampton, Nathan Jones. "Sie treffen vernünftige Entscheidungen bei den Trainern. Sie treffen vernünftige Entscheidungen bei den Spielern, sie holen sie frühzeitig und fördern sie. So kann ein Fußballverein geführt werden."

Ob nun die Engländer oder die Nürnberger: Aufgrund der Datenstärke haben diese Vereine Spieler für sich entdeckt, die ihnen nicht nur sportlich weiterhalfen, sondern auch ein dickes Verkaufsplus verschafften. Nationalspieler Deniz Undav zum Beispiel wurde 2020 beim SV Meppen entdeckt, ehe er über Saint-Gilloise und Brighton schließlich beim VfB Stuttgart landete und seinen Transferwert verzigfachte. Oder der aktuell verletzte Mohamed Ali Zoma, den Nürnberg 2025 in der dritten italienischen Liga aufspürte. "Momo" gehört mittlerweile zu den Topstürmern der 2. Bundesliga.

Erst die Daten, dann der Charaktertest

Ausschließlich auf Daten will sich Chatzialexiou aber nicht verlassen. "Es gibt viele Vereine, die grundsätzlich so arbeiten. Daten können aber keinen Charakter darstellen, und das ist ein Faktor, der für uns auch Relevanz hat. Aber rein auf sportlicher Ebene geben sie uns sehr fundierte Erkenntnisse, die wir im Nachgang in einem Charaktertest bestätigen", sagte Chatzialexiou.

Es gehe am Ende um Menschen, "deswegen würden wir auch nie nur aufgrund von Daten einen Spieler verpflichten. Die Kabine ist uns einfach sehr wichtig", betonte der Nürnberger Sportvorstand. "Da kann jemand sportlich noch so gut sein, wenn er aber gewisse Charaktereigenschaften nicht mitbringt, dann passt er auch nicht zu unserer DNA."

Der Faktor Mut

Die Kooperation mit der Datenanalyse-Firma Jamestown Analytics ist auch Ausdruck für den Mut und Innovationsdrang, den die Vereine um Nürnberg oder Como haben - und das wird derzeit belohnt.

"Wir spielen zwar nicht oben in der Champions League mit, sie können aber mit uns gemeinsam etwas aufbauen. Das war, glaube ich, für das Unternehmen interessant", erzählte Chatzialexiou von den Anfängen. "Ich habe zumindest gehört, dass einige Vereine in Deutschland sehr zurückhaltend waren. Wir hingegen waren mutig und haben gesagt: Wir machen das aus Überzeugung. Heute sind wir dankbar und glücklich darüber, dass wir so ein gutes Verhältnis zu den Kollegen haben, die uns da unterstützen."

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