Weltmeister-Trainer zum DHB-Triumph: "Wunderbares Wunder"

Vlado Stenzel, der Weltmeister-Trainer der deutschen Handballer von 1978, gratuliert exklusiv in der AZ den Europameistern: „Dieser Erfolg ist Wahnsinn, ich bin im siebten Himmel!“
| Matthias Kerber
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"Dagur Sigurdsson hat die Mission Europameisterschaft hochintelligent angegangen", sagt Vlado Stenzel, Weltmeister-Trainer von 1978.
dpa "Dagur Sigurdsson hat die Mission Europameisterschaft hochintelligent angegangen", sagt Vlado Stenzel, Weltmeister-Trainer von 1978.

Der jetzt 81-Jährige Vlado Stenzel führte die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1978 als Bundestrainer sensationell zum WM-Titel, sein Branchenname lautet "der Magier". In der Az spricht er über den EM-Titel der jungen DHB-Auswahl.

AZ: Herr Stenzel, was sagt der Magier, der Weltmeister-Trainer von 1978, zu den magischen Wochen der deutschen Handballer, die ihnen am Ende sensationell den EM-Titel bescherten?

VLADO STENZEL: Chapeau! Ich ziehe alle Hüte vor den Jungs. Ich muss zugeben, auch ich war vor dieser EM nicht sicher, zu was die deutsche Mannschaft bei dieser Europameisterschaft im Stande wäre, denn man muss ja auch nicht drumherum reden: Das, was in den letzten Jahren abgeliefert wurde, war Vieles, aber sicher nicht berauschend.

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Als ich dann aber gesehen habe, wie der Torwart Andreas Wolff in der ersten Partie gleich wie eine Wand fast alles gehalten hat, war ich schon optimistisch. Ich habe dann nur um Beistand gefleht, dass den Spielern über so ein langes Turnier nicht irgendwann die Kondition ausgeht. Aber das ist nicht passiert und was dann folgte, waren Sternstunden, ein wunderbares Wunder. Diese Jungs haben grandios gespielt. Ich bin im siebten Himmel. Das ist gut für Deutschland, für den Handball in Deutschland, aber auch den Handballsport an sich.

Was war für Sie der Schlüssel zum Erfolg?

Man muss Bundestrainer Dagur Sigurdsson ein ganz großes Kompliment machen. Er ist die Mission Europameisterschaft von der ersten Sekunde an hochintelligent angegangen. Das begann schon bei der Zusammenstellung der Mannschaft. Wie er auf junge, wirklich hungrige Spieler gesetzt hat, ihnen das Vertrauen geschenkt hat. Ein Trainer kann sehr viel bewirken, das meiste davon findet im mentalen Bereich statt.

Er hat in den Spielern dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, diese Musketier-mentalität installiert und er hat die Spieler auch in den Partien perfekt eingestellt. Man kann ihm nur gratulieren, ich war immer ein Fan seiner Arbeit – schon bevor er Bundestrainer wurde – und er hat bewiesen, warum. Ich kann nur herzlichst gratulieren.

Der Magier, so Ihr Branchenname, sieht also in dem Professor, so Sigurdssons Ehrenbezeichnung, seinen legitimen Erben.

Absolut. Wenn man allein gesehen hat, wie intelligent und unaufgeregt er auf der Torhüterposition die richtige Entscheidung getroffen hat, er Silvio Heinevetter daheim gelassen hat, der sich sicher nicht nur als Nummer-3-Torhüter sieht, das war sehr stark. Eine Mannschaft ist so ein sensibles Gebilde, das von Stimmungen und Strömungen abhängig ist, dass man auf jede Personalie achten muss. Und Wolff war ein echter Hexer. Wenn ein Torhüter immer mindestens fünf Würfe mehr hält als der Keeper des Gegners, dann ist ein großer Schritt Richtung Sieg getan.

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Wichtig war auch die Mentalität, die herrschte. Wirklich jeder Angreifer war auch Abwehrspieler, es gab keinen, der sich für Defensivaufgaben zu schade war. Damit gewinnt man Schlachten. Es gab keine Starallüren, diese Bescheidenheit war sehr wichtig. Das hat etwa den Spaniern im Finale das Genick gebrochen. Die sagten sich: Die Deutschen sind gut, aber wir, wir sind die Spanier, eine ganz andere Liga. Als dann Wolff gleich mal Einiges abgewehrt hat, waren die schockiert. Deutschland war dann so überlegen, dass man fast das Gefühl hatte, die Spanier wollten nur Silber, nicht Gold. Das sah aber nur so aus, weil die Deutschen ihnen im Spiel die Luft zum Atmen abschnürten.

Was trauen Sie dieser deutschen Mannschaft noch zu. Etwa bei Olympia im Sommer. Sie sind jung, einige Stars fehlten sogar verletzungsbedingt.

Ganz offen? Für mich war das erst der Anfang, diese Mannschaft kann noch sehr viel erreichen und es sollte – ohne überheblich klingen zu wollen – auch der Anspruch der Deutschen sein, eigentlich immer ganz oben, am Platz an der Sonne dabei zu sein. Sie stellen ja den größten Handballverband der Welt.

Wie haben Sie selber eigentlich den EM-Titel gefeiert?

Nicht so sehr, denn ich bin zur Zeit im Krankenhaus, da ich eine Hautentzündung am Bein habe und Antibiotika nehmen muss. Ich habe mir aber hier am Krankenbett alle Spiele im Fernsehen angeschaut, das Finale habe ich mit meiner Frau angesehen. Das war schon wirklich mitreißend. Ich habe da schon laut gejubelt. Und wenn ich wieder draußen bin, werde ich mit einem Glas Rotwein auf die Handballer und ihren EM-Triumph anstoßen.

Dann wünschen wir Ihnen vor allem gute Besserung.

Dankeschön, das wird schon, keine Sorge. Und der Erfolg der Deutschen war ja eh das allerbeste Heilmittel, das es gibt. Wie gesagt, ein wunderbares Wunder!

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