Weitspringerin Malaika Mihambo: Habe viel über mich gelernt

Weitspringerin Malaika Mihambo ist in der Form ihres Lebens und gilt bei der WM als Favoritin. Im AZ-Interview spricht sie über ihre Erwartungen und erklärt, warum sie Meditation so stark macht.
| Simon Stuhlfelner
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"Wenn ich auf diese Saison zurückblicke, denke ich einfach nur: ‘Wow! Was ist da alles passiert!‘", sagt Weitspringerin Malaika Mihambo, die die große Goldfavoritin bei der Leichtathletik-WM ist.
imago images / Beautiful Sports "Wenn ich auf diese Saison zurückblicke, denke ich einfach nur: ‘Wow! Was ist da alles passiert!‘", sagt Weitspringerin Malaika Mihambo, die die große Goldfavoritin bei der Leichtathletik-WM ist.

Malaika Mihambo (25) führt mit 7,16 Meter die Weltjahresbestenliste im Weitspringen an und ist bei der WM die Top- Favoritin auf Gold. Im vergangenen Jahr wurde sie Europameisterin.

AZ: Frau Mihambo, bei unserem Interview im Februar stand Ihre Bestleistung bei 6,99 Meter, mittlerweile haben Sie sechs Mal die sieben Meter geknackt. Nur zwei deutsche Springerinnen, Heike Drechsler und Helga Radtke, sprangen je weiter als Ihre 7,16 Meter. Was bedeutet Ihnen all das?
MALAIKA MIHAMBO: Wenn ich auf diese Saison zurückblicke, denke ich einfach nur: "Wow! Was ist da alles passiert!" Das macht mich schon stolz und glücklich. Aber natürlich versuche ich das jetzt zurückzustellen. Nach der Saison bleibt genug Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen.

Sehen Sie sich als Favoritin für die WM? Sie sind mit Abstand die Weltjahresbeste...
Meine Erwartung ist, dass ich mein Bestes gebe, so wie bei jedem Wettkampf. Nur dann kann ich darauf hoffen, eine Medaille zu bekommen oder die Beste zu sein.

Aber eigentlich muss doch Gold das Ziel sein.
Meine beste Platzierung bei einem Großereignis war bisher Platz 4 bei den Olympischen Spielen 2016. So gesehen wäre eine Medaille eine Verbesserung. Das ist das Basisziel, alles andere kommt on top. Ich muss meine Leistung bringen, dann kann ich sehen, was sie in Relation zu den Anderen wert ist.

Mihambo: "Habe versucht, mich selbst zu ergründen"

Wie kann man Ihre Leistungssteigerung erklären?
Das Positive ist, dass ich einfach mal durchtrainieren konnte. Die beiden Jahre zuvor hatte ich ständig mit Verletzungen zu kämpfen, meine Beine konnte ich teilweise gar nicht trainieren. Dieses Defizit habe ich aufgearbeitet. Wir haben im Training einen starken Fokus auf die Anlaufschnelligkeit gelegt. Die große Kunst ist es, die Geschwindigkeit in den Sprung zu übertragen. Auch das klappt jetzt immer besser. Auch mental habe ich mich sehr stark weiterentwickelt.

Inwiefern?
Ich habe sehr viel Meditation gemacht und versucht, mich selbst zu ergründen. Ich habe wirklich viel Zeit aufgewandt, um in mich zu gehen und die Fragen zu beantworten: Was ist meine Motivation? Wie ist mein Selbstbild? Passt das alles zu der Rolle, die ich einnehmen möchte? Dabei habe ich viel über mich gelernt. Und ich habe den Mut gehabt, Dinge anzupacken, die ich ändern wollte. Mittlerweile kann ich während eines Wettkampfes reflektieren: "Wie fühle ich mich gerade? Was brauche ich, um noch besser zu sein?" Auch die Erfahrung spielt eine Rolle.

Ein Anstoß, sich mit sich selbst zu beschäftigen, waren Ihre beiden Indien-Reisen.
Auf solchen Reisen lernt man neue Kulturen kennen und begegnet anderen Denkweisen. Das regt dazu an, neu über sich selbst nachzudenken, andere Perspektiven einzunehmen, und bringt einen selbst weiter.

Was fasziniert Sie an Indien?
Es ist ein unglaublich kulturreiches Land, das verschiedenste Einflüsse vereint. Architektonisch, kulturell und historisch ist es ein sehr reiches Land. Dann die Landschaft: Gefühlt sind in Indien alle Klimazonen dieser Welt vertreten, vom Hochgebirge bis zum Inselparadies mit Strand und Palmen. Von der Wüste bis zum Dschungel gibt es alles.

Mihambo will an Sprintwettkämpfen teilnehmen

Von dort haben Sie auch die Anregung zur Meditation mitgebracht?
Ich habe mich vorher schon damit beschäftigt. Meine Mutter war im selben Alter wie ich, mit 24, in Indien und hat Vieles von dort mitgebracht, deshalb kannte ich das von Kindheitstagen an. In Indien habe ich einen Intensiv-Meditationskurs belegt. Mittlerweile meditiere ich täglich und mache ab und an Yoga. Der Schwerpunkt liegt aber auf der geistigen Arbeit, in der Meditation.

Bei aller Weltoffenheit sind Sie sehr heimatverbunden, trainieren immer noch in Ihrem Heimatverein TSV Oftersheim bei dem Trainer, der Sie seit Kindheitstagen betreut. Was bedeutet Heimat für Sie?
Für mich ist Heimat viel verbunden mit Menschen. Es bedeutet für mich, dass man immer ankommen kann bei seinen Liebsten. Und natürlich verbindet man auch mit dem Ort, in dem man schon seine Kindheit verbracht hat, viele schöne Erinnerungen.

Sie haben viele weitere Hobbys: Sie spielen Klavier, nähen, engagieren sich in sozialen Projekten wie dem Starkmacher e.V., studieren Umweltwissenschaften. Ist all das der nötige Ausgleich zum Sport?
Ja, genau, das ist mir vor allem 2017 klar geworden, als ich diese schwere Verletzung hatte (ein Knochenödem am Fuß, d.Red.) und auf Krücken gehen musste. Ich habe nicht mal gewusst, ob ich überhaupt wieder Leistungssport würde machen können. Damals habe ich gemerkt, dass mir der Sport sehr viel wert und ein großer Teil meines Lebens ist, wie wichtig mir aber auch andere Dinge sind. Ich genieße es jetzt, alles zu machen, was mir gefällt, und diesen ganzheitlichen Ansatz weiter zu verfolgen.

Sie haben die 100 Meter für sich entdeckt. Haben Sie im Sprint Ambitionen?
Dieses Jahr war es ein Beiprodukt des Weitsprungtrainings. Es war erstaunlich, dass es so gut lief. Das hat mich motiviert, mehr darin zu investieren. Mein Trainer und ich planen für 2020 mit Sprintwettkämpfen.

Lesen Sie auch das AZ-Interview mit den Munich Cheer Allstars, die sagen:

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