Vor Boxkampf Arthur Abraham gegen Chris Eubank: Axel Schulz im Interview

Am Samstag geht es für Ex-Weltmeister Arthir Abraham in London gegen den IBO-Champion Chris Eubank. "Wie steht es um das Kämpferherz von Arthur? Das ist die Frage aller Fragen", sagt Experte Axel Schulz.
| Interview: Matthias Kerber
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Axel Schulz
Axel Schulz

Axel Schulz (48) boxte drei Mal um die WM im Schwergewicht, verlor aber jeweils. Zusammen mit Henry Maske war er in den 90er Jahren für den Box-Boom in Deutschland verantwortlich. Hier spricht er über den Kampf von Arthur Abraham am Samstagabend.

Herr Schulz, am Samstag geht es für Ex-Champion Arthur Abraham um alles. Er kämpft in London gegen den Briten Chris Eubank jr. um die IBO-Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht. Was trauen Sie Abraham mit seinen 37 Jahren überhaupt noch zu?

AXEL SCHULZ: Man muss nicht drumherum reden, das ist jetzt wirklich die allerletzte Chance für Arthur, sich noch einmal in der Weltspitze zu etablieren. Wenn er diesen Kampf verliert, dann war es das, dann sind zwar noch lukrative Kämpfe drin – etwa gegen Jürgen Brähmer, gegen Vincent Feugenbutz oder Tyron Zeuge –, aber dann wird er den anderen Boxern zum Fraß vorgeworfen, damit die in ihrem Kampfrekord einen guten Namen vorweisen können. Arthur muss wirklich alles geben, um gegen Eubank bestehen zu können, der ist eine ganz harte Nuss für einen Kämpfer wie Arthur.

Weil Eubank ein ausgezeichneter Boxer ist? Damit hat Abraham in seiner Karriere immer große Probleme gehabt. Bestes Beispiel war Arthurs Demontage in Las Vegas vor gut einem Jahr durch den Mexikaner Gilberto Ramirez.

Das war eine klägliche Vorstellung für einen Weltmeister wie Arthur es war. Er hat nicht eine einzige Runde gewonnen und das Urteil war auch so vollkommen in Ordnung. Arthur ist – und war es immer – in seinen boxerischen Möglichkeiten und Mitteln sehr limitiert. Das ist ähnlich wie bei Marco Huck. Beide müssen über das Kämpferherz, die Schlaghärte kommen, um ihre Gegner zu besiegen. Ausboxen werden sie ihre Kontrahenten nicht.

Aber hat Arthur dieses Kämpferherz noch? In einigen seiner letzten Kämpfe wirkte er fast lethargisch, wobei sein letzter Fight gegen Robin Krasniqi eher wieder überzeugend war.

Das ist die Frage aller Fragen. Wie steht es um das Kämpferherz von Arthur? Ich denke, das ist eine Frage, die er im Moment nicht einmal selber beantworten kann. Zu Krasniqi: Der lag Arthur, der hat seinen Fight gekämpft, wollte mitschlagen. Das Problem für Abraham ist, dass ihm jetzt mit Eubank ein Gegner gegenübersteht, dem das Boxen in die Wiege gelegt wurde, der ausgezeichnet ausgebildet ist, der im Kampf sehr gut und klug agiert. Ich fürchte, dass ihm Eubank fast genauso wenig liegen wird, wie es Ramirez tat.

Siehe den Kampf Wladimir Klitschko gegen Tyson Fury, als der Brite Klitschko wie einen verängstigten Kämpfer aussehen ließ.

Genau. Wladimir war für Fury perfekt, wie maßgeschneidert. Und umgekehrt wird Klitschko immer Probleme mit diesem Stil, dieser Art von Fury haben. Es gibt Kämpfer, die einfach nicht zusammenpassen. Ich habe das selber mit Henry Akinwande in meiner Karriere erlebt. Da siehste einfach aus wie ein blutiger Anfänger.

Sie sprachen an, dass Eubank das Boxen in die Wiege gelegt wurde, sein Vater – Chris Eubank sr. – war selber Weltmeister und dazu ein Boxer, der extrem polarisiert hat.

Ich habe ihn 1994 live gesehen, als er gegen Graciano Rocchigiani geboxt hat, das war der Knaller. Vater Eubank war ein grandioser Techniker, der mit seiner Art, seiner Show, seinen Mätzchen die Gegner auch aus der Ruhe gebracht hat. Und der Sohn hat vom Vater sehr viel gelernt, nicht nur im Ring.

Vor einem Jahr fiel Nick Blackwell nach dem Kampf gegen Eubank ins Koma. Er erwachte einige Tage später ohne bleibende Schäden wieder. Kann ein Boxer so etwas total ausblenden, wenn er mit seinen Fäusten den Gegner an den Rande des Todes gebracht hat?

Es mag hart klingen, aber er muss das ausblenden und vollkommen verarbeitet haben, sonst muss er die Boxhandschuhe an den Nagel hängen. Wenn du das immer im Hinterkopf hast, dann bist du nicht locker, dann zögerst du und dann wird es gefährlich für dich selber. Als Boxer denkst du in der Vorbereitung auf einen Fight nie daran, dass du jemanden ernstlich verletzen kannst – oder, dass du selber Schäden davontragen könntest. Diese Gedanken hat man dann vielleicht nach einem Kampf.

Axel Schulz
Axel Schulz
Axel Schulz (hier als Gast bei einer Boxveranstaltung im Herbst 2015). Foto: dpa

Sie mussten sich damit auseinandersetzen, 1999 bei Ihrem Kampf gegen Wladimir Klitschko haben Sie so schwere Schläge genommen, dass Sie danach einen Scan des Gehirnes machen ließen. 2006 nach ihrem Comeback-Kampf gegen Brian Minto hatten Sie sogar eine leichte Gehirnblutung.

Ja, ich muss zugeben, dass mir etwa das Schicksal von Eduard Gutknecht, der Ende letzten Jahres in London gegen George Groves schwere Blutungen im Gehirn hatte und ins Koma fiel und seitdem ein Pflegefall ist, sehr, sehr nahe geht. Das nimmt mich sehr mit, denn eines ist mir schon sehr bewusst: Das hätte auch ich sein können, auch ich hätte irreparable Schäden erleiden können.

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