Van Almsick: „Wenks Siegeswille ist legendär“

Schwimm-Queen van Almsick spricht exklusiv in der AZ über die Chancen der Deutschen bei Olympia und outet sich als Fan der Münchnerin Alexandra Wenk. „Auf sie bin ich wahnsinnig gespannt“.
| Simon Stuhlfelner
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Die Münchnerin Alexandra Wenk (21) geht in Rio über die 200 Meter Lagen und die 100 Meter Schmetterling an den Start. „Die Konkurrenz ist groß, aber sie kann sich durchsetzen“, sagt van Almsick.
dpa Die Münchnerin Alexandra Wenk (21) geht in Rio über die 200 Meter Lagen und die 100 Meter Schmetterling an den Start. „Die Konkurrenz ist groß, aber sie kann sich durchsetzen“, sagt van Almsick.

München - Am Freitag beginnen die Olympischen Spiele in Rio. Die AZ hat mit Franziska van Almsick über die Chancen der Deutschen und ihr jetziges Leben als Mutter und TV-Expertin gesprochen. Die 38-Jährige war Deutschlands Schwimm-Queen, die mehrmalige Weltmeisterin und Weltrekordlerin holte bei Olympia drei Mal Silber und sieben Mal Bronze, 2004 beendete sie ihre Karriere. Sie arbeitet jetzt in Rio als Expertin für die ARD.

AZ: Frau van Almsick, heute Nacht beginnen die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Olympia-Teilnahmen?

Franziska van Almsick: Olympia war für mich immer das Nonplusultra, der große Traum, das große Ziel. Es war immer das, was mich angetrieben hat, meinen Sport zu machen. Meine Verbindung zu Olympia war immer eine besondere, es ist für mich ein großes Festival des Sports, bei dem man über den Tellerrand hinausschauen und sich von anderen Sportlern was abschauen kann. Zu sehen, mit welchem Standing, mit welcher Eloquenz beispielsweise ein Basketballer den Speisesaal betritt, das hatte schon was Besonderes. Olympia hatte immer etwas Friedvolles, etwas Verbindendes unter den Athleten.

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Gerade an Sie persönlich waren die Erwartungen im Vorfeld der Spiele ja oft gigantisch. Haben Sie die Spiele trotzdem immer genießen können?

Ich habe einfach versucht, mir den Druck nicht anmerken zu lassen, ihn nicht zuzulassen, obwohl er natürlich trotzdem da war. Ich bin da sehr pragmatisch: Es ist so, wie es ist, und man muss lernen damit umzugehen. Das hat einmal besser geklappt und einmal weniger gut. Gegen Ende meiner Karriere war es natürlich nicht mehr so leicht wie anfangs, als ich noch unbeschwert war.

Heute bekommen die meisten deutschen Schwimmer nicht mehr den Bruchteil der Aufmerksamkeit wie Sie damals. Gibt es im deutschen Schwimmteam Typen, die die Öffentlichkeit wieder begeistern können?

Ich glaube, die ganze Situation hat sich geändert. Zu meiner Zeit ging es noch mehr um Persönlichkeit, um das Auftreten, um die Typen. Heute ist eher wichtig, wie viele Follower man bei Facebook hat, wie groß die Fangemeinde in den sozialen Netzwerken ist. Das ist vielleicht der Grund, warum wir nicht mehr diese einzelnen Typen, diese Charaktere und Persönlichkeiten haben, sondern jeder seine kleine, eingeschworene Fangemeinde hat.

Wie sieht es sportlich aus? Die Spiele 2012 haben für die deutschen Beckenschwimmer ohne jede Medaille geendet. Können wir zuversichtlich sein, dass es jetzt besser läuft?

Ja, ich denke schon. Die Tendenz in den vergangenen Jahren und Monaten ist ganz deutlich positiv, viele Deutsche haben sich in der Weltrangliste in die Top Ten geschoben, so dass wir auf viele Finalteilnahmen hoffen können. Wichtig ist, dass die deutschen Schwimmer von vorneherein angreifen, denn wenn die erhoffte Medaille vielleicht gleich am Anfang eingefahren wird, dann kann sich das Team von der Stimmung tragen lassen.

Lesen Sie hier: Rio: Timo Boll trägt die deutsche Fahne

Welche deutschen Schwimmer kommen für die Medaillenränge in Frage?

Das ist natürlich Marco Koch als Weltmeister über 200 Meter Brust, dann Paul Biedermann über 200 Meter Freistil, da ist es besonders eng in diesem Jahr, auf ihn bin ich sehr gespannt. Die 4 x 200 Meter-Freistilstaffel der Männer ist top besetzt, und mit Franziska Hentke ist über 200 Meter Schmetterling auf jeden Fall zu rechnen.

Als Münchner interessiert uns natürlich vor allem Alexandra Wenk. Was trauen Sie ihr zu?

Auf sie bin ich wahnsinnig gespannt. Sie hat sich super entwickelt in den letzten Jahren und kann auf die Erfahrungswerte von 2012 zurückgreifen, als sie mit 17 zum ersten Mal bei Olympia war. Sie ist vom Erscheinungsbild her eine absolute Type, mit ihrem Auftreten und ihrer Einstellung kann sie so etwas wie die Teamleaderin sein. Auf ihren Strecken, 200 Meter Lagen und 100 Meter Schmetterling, ist die Konkurrenz sehr groß. Aber sie ist motiviert, sie kann sich durchsetzen.

Kann sie ein Liebling der Massen werden, so wie Sie früher?

Ich traue ihr das zu. Sie ist ja recht extrovertiert, sie sagt ihre Meinung. Und sie kann auch Leute mitreißen. Am Ende entscheidet natürlich die Leistung, aber sie ist auf einem guten Weg. Ihr Siegeswille ist jetzt schon legendär.

Paul Biedermann hat noch nie eine Olympia-Medaille gewonnen, er wird seine Karriere beenden. Glauben Sie, dass der Druck für ihn dadurch größer wird, oder geht er eher befreit in die Wettkämpfe?

Ich denke, das wird sich die Waage halten. Ich glaube schon, dass er entspannt ist, weil er alles nochmal genießen will. Auf der anderen Seite möchte er natürlich unbedingt eine olympische Medaille, das würde seine Karriere krönen und das hätte er auch verdient. Ich bin der Meinung, dass er es packen kann.

Sie selbst haben 2004 Ihre Karriere beendet, sind jetzt zweifache Mutter. Wie hat sich Ihre Sichtweise aufs Leben, auch und gerade durch die Kinder, verändert?

Meine Sichtweise hat sich absolut verändert. Ich bin dankbar für meine sportliche Karriere. Ich bin die, die ich bin, weil ich viel erlebt habe. Höhen, Niederlagen – gerade die Niederlagen haben mich zu der Persönlichkeit gemacht, die ich bin. Aber als Mutter mit zwei Kindern zählt das alles nichts. Ich führe heute ein völlig anderes Leben, bin ausgefüllt, ausgeglichen, ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich liebe mein Leben. Ein Familienleben führen zu können und trotzdem bei den Olympischen Spielen dabei sein zu können (als TV-Expertin für die ARD, d. Red.), vielleicht an der ein oder anderen Stelle als Motivator oder Kritiker aufzutreten, das ist schön. Ich bin im Moment an einem sehr schönen Punkt in meinem Leben angelangt.

Neben Ihrer Rolle als Mutter und Ihrem Job als TV-Expertin haben Sie auch sonst viele Jobs und ehrenamtliche Aufgaben, außerdem machen Sie das Abitur nach. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?

Manchmal besser und manchmal weniger gut. Das geht sicherlich vielen Familien und Frauen so, die Kinder haben. Das Schöne an meinem Leben ist, dass ich mir meine Jobs aussuchen kann. Das ist vielleicht bei dem ein oder anderen sonst nicht der Fall. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich mein Leben so gestaltet hat.

Bereuen Sie es denn, dass Sie damals Ihre Schulausbildung zugunsten der sportlichen Karriere abgebrochen haben?

Bereuen ist das falsche Wort. Ich habe damals alles gegeben. Ich muss ganz klar sagen, dass ich Schule und Sport parallel nicht mehr geschafft habe. Mich damals für den Sport entschieden zu haben, war richtig. Heute bin ich 38, heute könnte ich nicht mehr anfangen zu schwimmen. Aber für das Abitur habe ich noch ein bisschen Zeit, und das werde ich irgendwann in meiner Tasche haben.

 

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