"Unser großes Aushängeschild": Welchem DSV-Adler Hannawald bei Olympia am meisten zutraut
AZ: Herr Hannawald, wenn ich Ihnen das Stichwort 0,1 Punkte gebe, was fällt Ihnen dazu ein?
Teamspringen in Salt Lake City – und es hat gereicht.
Zu Olympia-Gold mit der Mannschaft bei den Winterspielen 2002. Ist das Ihr ganz spezieller olympischer Karriere-Moment gewesen?
Ja, absolut. Wenn man aus einer Einzelsportart kommt und dann mit dem Team gemeinsam etwas feiern kann, das ist ja relativ ungewöhnlich. Wenn man dann im Team die Möglichkeit hat, ein paar schöne Feierstunden zu verbringen, dann ist das natürlich toll und bei Olympia umso schöner. Aber wir haben ja unser Teamspringen inzwischen ein bisschen abgespeckt. Es gibt jetzt das Superteam mit zwei Männern und das Mixed Team mit je zwei Männern und Frauen, mein spannendster Wettkampf eigentlich, das finde ich sensationell.
"Einfach zeitgemäß": Klassischer Teamwettbewerb wurde abgeschafft
Können Sie damit leben, dass dieser klassische Teamwettbewerb nicht mehr dabei ist?
Ja, es war am Anfang ein bisschen eine Umgewöhnung, wenn man aus der Zeit kommt, wo das gefühlt immer auf der Tagesordnung stand, dann fragt man sich, wieso, weshalb, warum. Wenn man aber sieht, dass andere Nationen vielleicht auch ein oder zwei gute Springer haben, aber keine Möglichkeit, an solchen Wettkämpfen teilzunehmen, dann ist das einfach zeitgemäß. Und dann bin ich damit fein.
Welche Erkenntnisse hat die Olympia-Generalprobe in Willingen gebracht? Die deutschen Springer zeigten sich formverbessert, obwohl die Windbedingungen nicht gleichmäßig waren.
Der Wind zeigt mir natürlich, dass sie wissen, was zu tun ist, wenn die Jungs etwas unterm Ski spüren – und dann wächst auch automatisch mehr Vertrauen. Ich habe gesehen, dass ein Andreas Wellinger sich in die richtige Richtung verbessert. Das große Fragezeichen ist für mich, wie können sie es jetzt von den Aufwindbedingungen übertragen auf die Rückenwindbedingungen, die in Predazzo sein werden. Aber ich habe die Hoffnung, dass das, was sie gefunden haben, auch bei Rückenwind funktioniert. Und dann werden wir schauen. Olympia hängt viel von der Tagesform ab, es kann auch mal sein, dass einer der unseren der Glücklichere ist und das Ergebnis besser wird als man im Vorfeld gedacht hätte. Ich habe jedenfalls nichts dagegen, dass auch unsere Jungs mal Glück haben.

Keine Aufwindbedingungen in Predazzo
Dass die deutschen Adler gerade noch rechtzeitig den Trend gewendet haben, woran liegt das?
Ich sehe einfach die Schanzen, die hinter uns liegen. Sapporo liegt auf Meereshöhe, da hat man immer viel Druck unterm Ski. Dann kam das Skifliegen mit bis zu 105 km/h im Anlauf. Wenn du da rausspringst, spürst du den Druck auch. Und in Willingen war es mit den Aufwindbedingungen das Gleiche. Über die drei Wettkampfstationen haben sie sich dann auch verbessert, sind näher rangekommen und haben für sich Lösungen gefunden. Jetzt wird alles wieder auf null gesetzt, weil in Predazzo definitiv keine Aufwindbedingungen sein werden, auch weil die Wettkämpfe am Abend sind – für uns teilweise um 20.15 Uhr, also wirklich Prime Time fürs deutsche Fernsehen.
Alles auf null: Bedeutet das auch etwas für Domen Prevc, der bisher alles dominiert hat?
Es ist aus seiner Sicht genial, weil er einen Vorsprung hat, das gibt es hin und wieder mal. Eigentlich hat er sich vom Springen her nicht verändert. Dadurch, dass bei anderen jetzt die größere Anzugsfläche wegfällt, müssen die Ski an sich genutzt werden, und da müssen sich viele erstmal umstellen. Domen hat lockerer gebundene Schuhe, das gibt ihm auch in der Luft Möglichkeiten, dass es den Anzug von der Fläche her so verschiebt, dass er aggressiver und aktiver fliegen kann. Die anderen Springer können jetzt nicht anfangen, ihre Schuhe auf einmal locker zu binden, sonst haben die jedes Mal das Gefühl, wenn sie rausspringen, dass der Ski sich verabschiedet, inklusive Schuh. Und den Vorteil genießt er, weil er das schon immer so macht, der bindet seine Schuhe wie Sneaker, das hat er mir schon 2016 erzählt. Wenn er einigermaßen seine Grundtechnik solide abrufen kann, dann ist er aus meiner Sicht unschlagbar, da kommt keiner ran. Bei Olympia ist er für mich speziell auf der Großschanze der Top-Favorit. Auf der Kleinen geht es nicht so wirklich ums Fliegen, sondern da geht es auch um Absprungkraft.
Im Extremfall könnte ein Geschwisterpaar sämtliche Wettkämpfe dominieren, seine Schwester Nika Prevc ist bei den Frauen vorn.
Genau, das liegt natürlich auf der Hand. Aber auch Nika wird nichts geschenkt. Andere kommen ran oder kommen näher, wenn sie Fehler macht. Eigentlich ist alles angerichtet, aber am Ende müssen die beiden trotzdem auch technisch so sauber wie möglich springen.
Wem aus der deutschen Mannschaft trauen Sie am meisten zu?
Wenn ich die Ergebnisse über die Saison hernehme, dann Felix Hoffmann, weil er speziell auch in Engelberg, wo viel Rückenwind war, am besten zurechtkam. Philipp Raimund ist auch gewachsen, bei Rückenwind ist er mir öfter mal einen Tick zu aggressiv. Aber Felix Hoffmann sollte unser großes Aushängeschild sein. Wir müssen das auf uns zukommen lassen, die anderen Nationen schlafen auch nicht.

Hannawald über Wellinger: "Fällt ihm eventuell leichter, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren"
Andreas Wellinger ist auch im Kommen und hat 2018 auf der Normalschanze Olympia-Gold gewonnen. Kann er vorne anklopfen?
Es ist nicht nur die Sprungkraft, sondern es sind auch die körperlichen Hebel. Auf der kleineren Schanze wirkt sich die körperliche Größe nicht so aus. Der Weg im Hang ist kürzer, da hast du natürlich dann schon auch ein bisschen mehr Punch dabei und etwas weniger das Fliegen. Wenn sein System funktioniert, dann ist er auch derjenige, der Routine hat wegen seiner Erfolge bei Olympia und dann ein bisschen ruhiger ist als andere. Es fällt ihm eventuell leichter, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.
Bei den Alpinen gab es den Fall Luis Voigt, der in Kitzbühel Achter wurde, aber nicht zu Olympia darf, weil das Ergebnis zu spät kam. Das Äquivalent im Skispringen ist Karl Geiger. Sollte man generell nicht die Möglichkeit haben, mehr auf Form und Zeitpunkt der Form einzugehen bei der Nominierung?
Ich glaube, dass man alle Themen auch der Zeit anpassen sollte. Was sich grundlegend geändert hat zu früher, ist, dass natürlich die Konkurrenz dichter zusammen ist. Es kommt auf kleinste Details an. Deshalb muss man auch diese Qualifikationskriterien heute flexibler gestalten. Ich weiß, dass es eine gewisse Vorarbeit für Olympia braucht, aber es muss in unserer digitalen Welt auch kurzfristiger gehen. Bei diesen beiden Beispielen ist es wirklich schade, aber es ist eben so. Aber man muss dann spätestens für die nächsten Olympischen Spiele das Prozedere verändern, das muss möglich sein.
Sven Hannawald traut Selina Freitag eine Medaille im ersten Wettkampf zu
Wie wahrscheinlich ist es denn, dass die erste deutsche Medaille eine aus dem Skispringen wird? Vielleicht Selina Freitag am Samstag.
Die Chance ist da. Sie hat sich über die ganze Weltcupsaison immer wieder auf dem Podest gezeigt und deswegen hoffe ich natürlich, dass sie das Selbstvertrauen hat, dass sie nicht unruhig wird. Sie braucht nur ihre Sachen abzurufen und dann sollte es eigentlich funktionieren. Und klar, ich würde mich natürlich freuen, frühe Medaillen beruhigen das ganze Team. Wenn es da nicht klappt, dann kommt Unruhe, man muss etwas wettmachen. Das bedeutet aber auch, diesen gesunden Fluss zu verlassen, mehr Gewalt mit in den Sprung reinzunehmen, das funktioniert dann auch wieder nicht. Also es würde schon auch vielen im Umfeld Balsam auf die Seele geben, wenn es relativ schnell mit einer Medaille klappt. Auch Agnes Reisch hat gezeigt, dass sie mit dabei ist.
Wenn Sie eine Prognose abgeben: Wie viele deutsche Medaillen wird es auf den Schanzen geben?
Bei den Frauen sehe ich im Einzel schon zwei mögliche in den beiden Wettkämpfen. Bei den Männern spekuliere ich eher auf das Mixed Team und auf eine im Superteam mit Hoffmann und Raimund. Ich gehe davon aus, dass die beiden dort starten werden. Mit ganz, ganz viel Glück könnte auch eine Einzelmedaille bei den Männern kommen, aber daran glaube ich eher nicht.
"Komm lieber mit einem halben Zentimeter Luft zur Kontrolle – und nicht Spitz auf Knopf"
In Sachen Anzüge scheint sich die anfängliche Aufregung gelegt zu haben. Die Kontrollen scheinen in den Bahnen zu sein, wo man sie hinbringen wollte, oder?
Wir haben endlich mal einen Kontrolleur, der es rigoros durchzieht, aber auch mit den Nationen spricht. Der Matthias Hafele spricht offen mit ihnen, er sagt klipp und klar, das geht und das geht nicht und dann wissen alle Bescheid und wenn sie es wieder falsch machen, dann sind sie draußen. Aber es hat gedauert, wir hatten den Skandal in Peking vor vier Jahren, dieser Knall hatte sich über die Saison angekündigt. Und letztes Jahr dieser Betrug war das i-Tüpfelchen von den Norwegern oder von den zwei Superspezialisten. Aber das musste sein, jetzt sind, glaube ich, alle wachsam. Wir haben ja auch das Thema Nachwuchs, die müssen diese Grundphilosophie im Reglement kennen und von klein auf da reinkommen. Beim Fußball wird in Barcelona auch im Jugendbereich das gleiche System gespielt wie bei den Profis in der Champions League. Nur so kann ein junger Springer dann auch reinwachsen und hat dann nicht den großen Bruch, wenn er auf einmal bei den Männern dabei ist. Das strikte Durchziehen des Reglements ist für viele Facetten wichtig. Und auch diese Ausrede, dass es ja Stoff ist, der sich dehnt, das lasse ich nicht mehr gelten. Komm lieber mit einem halben Zentimeter Luft zur Kontrolle – und nicht Spitz auf Knopf. Das kann nicht sein. Fertig, aus. Es ist wie bei kleinen Kindern. Wenn du den kleinen Finger gibst, reißen sie dir den Arm raus, spielen mit dir und somit musst du anders sein. Und Hafele ist so.
Wie sehen Sie denn die Perspektive Olympischer Winterspiele?
Wir sind alle dafür verantwortlich, wie lange es die noch gibt. Am Ende sieht man eine klare Tendenz. Ich bin schon mal froh, dass sie jetzt erstmal nicht in Länder vergeben werden, die mit dem Winter gar nichts zu tun haben, wo es offensichtlich nur ums Geld geht. Inwieweit die aktuellen Möglichkeiten überleben, das werden wir sehen. Man beschäftigt sich schon mit Alternativen. Die Skispringer brauchen keinen Anlauf mehr mit Schnee, wir haben unsere Eisspur. Und selbst am Hang können wir wie im Sommer auf Matten springen. Das ist dann völlig ungewohnt, aber das wird wahrscheinlich dann irgendwann so sein. Wir wissen, was wir am Schnee haben, jetzt auch am vergangenen Wochenende die Bilder aus dem Weltcup quer durch die Sportarten. Wenn du ein schönes, weißes Winterbild siehst im TV, das ist ein Traum. Es ist von anderen Dingen abhängig, wie lange das noch so sein wird, da müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen.

