Zimmermann: "Ich bin dankbar dem Leben gegenüber"

Neu-Löwe Jan Zimmermann spricht im Interview über seinen Tumor, Trainer Runjaic und den Wechsel. „1860 ist kein normaler Verein.“
| Matthias Eicher
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Jan Zimmermann im AZ-Interview über seine Tumordiagnose.
sampics/Augenklick Jan Zimmermann im AZ-Interview über seine Tumordiagnose.

AZ: Herr Zimmermann, kürzlich wechselten Sie aus FC Heidenheim zum TSV 1860. Schon eingelebt?

Jan Zimmermann: Die Jungs haben es mir leicht gemacht. Nicht nur mein Zimmerkollege Kai Bülow, mit dem ich viel rede und mit einer App auch mal eine Runde„Scrabble“ spiele. Es gibt keinen, mit dem man nicht reden kann. Der Charakter des Teams ist top.

Im Torwart-Training haben Sie es mit Stefan Ortega und Vitus Eicher zu tun. Geht‘s da auch so herzlich zu?

Auf diesem Niveau ist man immer Konkurrent, aber wir haben uns als Kollegen kennengelernt – zwei blitzsaubere Charaktere. Wir helfen uns gegenseitig, schießen uns die Bälle zu. Es wäre nicht zuträglich, sich dabei zu schaden. Jeder ist für seine eigene Leistung verantwortlich, aber man ist aufeinander angewiesen.

Lesen Sie hier: 1860-Trainingslager: Erstes Fazit von Trainer Runjaic

Aus dem Zweikampf, den zuletzt Ortega gewonnen hatte, ist ein Dreikampf geworden – Sie wurden als designierter Stammtorhüter geholt.

Sechzig war ein Liga-Konkurrent, ich habe die Torwartwechsel mitbekommen. Wenn es schlecht läuft wie in den letzten beiden Jahren, sind auch die Keeper Leidtragende. Natürlich ist es mein Anspruch, die Nummer Eins zu werden. Dafür trainiere ich hart, aber es wäre unseriös vom Trainer, sich im Vorfeld festzulegen. Ich muss mich dem Konkurrenzkampf stellen.

Ihre Pluspunkte: das beste Torwart-Alter und viel Routine.

Klar ist es von Vorteil, wenn man schon gewisse Dinge erlebt hat und sich von Nebensächlichkeiten nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Sie mussten Dinge erleben, die man dem ärgsten Konkurrenten nicht wünscht: In Ihrem Kopf wurde 2014 rein zufällig durch den Tritt eines Gegenspielers ein Tumor entdeckt.

Nicht nur das: Ich dachte schon nach einer Schultereckgelenkssprengung, meine Zeit im Profifußball sei passé. Danach wechselte ich von Eintracht Frankfurt zu Darmstadt in die 4. Liga. Als der Tumor kam, fürchtete ich um mein Leben. Es ist hart, wenn man zu seiner Familie fahren und sagen muss: „Ich könnte sterben.“ Ich machte nach der Diagnose ja noch ein Spiel. Als die Fans „Oh, wie ist das schön“ sangen, dachte ich: Darf ich das noch einmal erleben? Aber ich bin gnadenloser Optimist, auch die Antwort meines Vaters gab mir Kraft. Er sagte: „Lieber ein diagnostizierter Tumor als einer, der heimlich weiter wächst.“

In einer Operation wurde dieser entfernt. Sie konnten weiterhin Fußball spielen. Inwieweit hat Sie das verändert?

Erst dachte ich, das kann mich nicht verändern. Pustekuchen. Natürlich hat es das. Man lebt viel bewusster. Das sind so Phrasen, aber selbst wenn man nach dem Training fix und fertig am Boden liegt, ist man froh, dass man das überhaupt noch machen darf. Man entwickelt eine große Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Es ist ein Privileg, den Löwen auf der Brust tragen zu dürfen. Und das meine ich tatsächlich so.

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Das dürfte auch an Ihrem Ex-Trainer Kosta Runjaic gelegen haben.

Natürlich. Ich weiß, wie er arbeitet: komplexes, akribisches Training, von A bis Z durchgeplant. Trotzdem sieht er nicht nur Spieler, die Leistung zu bringen haben, sondern auch die Menschen dahinter und ihre Probleme. Nach meiner Kopf-OP etwa hat er mir Genesungswünsche geschickt. Entscheidend war auch, und daraus mache ich keinen Hehl: 1860 ist für mich kein normaler Verein.

Inwiefern?

Ich habe die Löwen als Jugendlicher in der Bundesliga erlebt: Derbys gegen die Bayern, als Carsten Jancker 1860-Keeper Bernd Meier den Ball geklaut hat. Typen wie Werner Lorant und Karl-Heinz Wildmoser – solche Bilder bleiben. Nach meinem Wechsel werde ich öfter an die Parade vom 34. Spieltag der Saison 2014/15 mit Heidenheim erinnert, als ich gegen Erzgebirge Aue das 2:2 gerettet habe. Sonst wäre 1860 damals direkt abgestiegen. Eine Szene blieb mir dabei im Kopf: Nach unserem 1:0-Sieg gegen Sechzig drei Monate später drückte mir ein Fan dafür einen Dankesbrief und 50 Euro in die Hand. Eine tolle Geste. Aber im Endeffekt habe ich mir damit selbst geholfen – sonst wäre ich heute vielleicht gar nicht hier.

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