"Wird in München Publikumsliebling": Leipzig-Trainer über 1860-Neuzugang
AZ: Herr Schmidt, während Sie mit Chemie Leipzig eine normale Saisonvorbereitung absolvieren konnten, sah es bei Ihrem ehemaligen Co-Trainer Alper Kayabunar etwas anders aus. Wie haben Sie die vergangenen Löwen-Wochen erlebt?
ALEXANDER SCHMIDT: Ich war mit Alpi immer im Austausch und habe so recht viel mitbekommen. Es waren schon turbulente Wochen für Sechzig. Unser Vorstand und ich haben Sechzig auch angeboten, dass sie bei uns spielen dürfen und die kompletten Einnahmen bekommen. Wir hätten ein ausverkauftes Stadion gehabt. Das wären über 30.000 Euro für den Verein gewesen. Aber das wollten die Löwen nicht. Wir haben es jetzt aufgeschoben.

Kayabunar war bei Türkgücü Co-Trainer von Schmidt
Heißt: Sie haben mit dem Löwen mitgelitten?
Auf jeden Fall. Und ich muss sagen: Wenn Hasan Ismaik der Verein wichtig ist, könnte er es jetzt mit den juristischen Auseinandersetzungen im Hintergrund gut sein lassen. Er könnte sich glamourös zeigen und sagen: Ich mache einen Schulterschluss mit allen. Damit würde er seinen Gegnern zeigen, dass ihm Sechzig am Herzen liegt.
Dass Kayabunar nun Cheftrainer ist, dürfte Sie freuen.
Ich habe ihm schon zu unserer Zeit bei Türkgücü München prophezeit, dass er eine gute Trainerkarriere hinlegen wird. Er ist ein Glücksgriff für Sechzig in der aktuellen Situation. Ich glaube brutal an ihn. Er hat unter mir super gearbeitet.
Auch wenn er mal ernst wird, ist es nie so, dass die Spieler das Selbstvertrauen verlieren.
Schmidt prophezeit Kayabunar große Trainerkarriere
Was zeichnet ihn aus?
Er war früher selbst ein guter Fußballer und hat damals schon alles – von der Videoanalyse bis zum Leiten der Einheiten – gekonnt. Dazu hat er ein super Gespür, wann er was machen muss. Auch wenn er mal ernst wird, ist es nie so, dass die Spieler das Selbstvertrauen verlieren. Entsprechend habe ich selten einen Spieler erlebt, der mit ihm nicht gut auskam. Im Gegenteil: Sie vertrauen ihm. Gleichzeitig kann er mit der aktuellen Situation bei Sechzig gut umgehen.
Für sein Alter von 40 Jahren ist er also schon ziemlich reif?
Genau. Ich glaube, dass Sechzig auch nicht seine letzte Station ist. Er wird irgendwann eine Profimannschaft trainieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass er künftig einen türkischen Erstligisten trainieren wird. Dorthin hat er super Kontakte.

Kayabunar steht für ein intensives Spiel mit hoher Aggressivität
Auf welche Art von Fußball legt Kayabunar Wert?
Er schätzt das, was ich schätze: ein intensives Spiel mit hoher Aggressivität, schnellen Balleroberungen und einem gepflegten Fußball.
Er kennt nahezu den gesamten Kader aus der Zeit in der Bayernliga. Sehen Sie das als Vorteil in der aktuellen Situation?
Absolut. Er weiß genau, wer was leisten kann und wo Bedarf ist. Auch von der Personalplanung stellen sie ihm jetzt einen guten Kader zur Verfügung. Gerade die Verpflichtungen von Vitus Eicher als Torhüter und Florian Niederlechner als Stürmer finde ich super. Das sind alles fußballverrückte Typen, die für Sechzig durchs Feuer gehen.
Wenn es einen Verein gibt, bei dem ich ihm verzeihe, dass er seine Zusage gebrochen hat, ist das Sechzig.
Bell war sich bereits mit Chemie Leipzig über neuen Vertrag einig
Mit Julian Bell haben die Löwen auch einen Außenverteidiger aus Ihrem Verein verpflichtet.
Leider. Julian war bei mir ein absoluter Leistungsträger und mein Wunschspieler. Er hatte mir auch schon für die kommende Saison zugesagt. Der Vertrag war sogar schon ausgehandelt und die Wohnung war für ihn angemietet. Als er mich dann anrief, dass er sich für eine Rückkehr zu seinem Herzensverein entschieden hat, war es für mich natürlich eine Enttäuschung. Aber überspitzt gesagt: Wenn es einen Verein gibt, bei dem ich ihm verzeihe, dass er seine Zusage gebrochen hat, ist das Sechzig. Ansonsten hätte ich nie mehr in meinem ganzen Leben mit ihm gesprochen. Er war dann auch nochmal am vergangenen Wochenende im Chemie-Trikot bei unserem Testspiel in Innsbruck. Das zeigt: Julian ist ein Tausendprozentiger. Der identifiziert sich mit einem Verein.
Und was hat er fußballerisch drauf?
Er ist ein absolutes Mentalitätsmonster. Von der Ausdauer her war er der beste Mann in meinem Kader. Ich bin mir sicher, dass er in München zum Publikumsliebling wird. Sechzig ist sein Verein.
Schmidt traut TSV 1860 erfolgreiche Regionalligasaison zu
Was trauen Sie dem TSV 1860 in der Regionalliga zu?
Es kann schon sein, dass sie sich im vorderen Mittelfeld aufhalten, bevor sie richtig eingespielt sind. Sie werden zu 100 Prozent vorne mitspielen. Sechzig ist im Vergleich zu dreiviertel der Liga Profitum. Gleichzeitig glaube ich, dass die Situation eine neue Energie bei Sechzig erzeugt. Die Fans werden ein bisschen demütiger sein, weil sie froh sind, dass alles in eine andere Bahn läuft. Sie werden der Mannschaft auch mal verzeihen, wenn sie verliert. Wichtig ist denen nur, dass sie kämpfen. Aus der Situation kannst du als Spieler befreit aufspielen.
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