Wieso wir die SMS von Gerhard Mayrhofer veröffentlicht haben

Löwen-Reporter Filippo Cataldo erhielt kurz nach der Bekanntgabe des AZ-Insolvenzantrags eine SMS von 1860-Präsident Gerhard Mayrhofer - und veröffentlichte sie. Hier erklärt er die Gründe und korrigiert auch Mayrhofers Darstellung, sie sei aus dem Zusammenhang gerissen. 
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"Rettet die Löwen!" So titelte die Abendzeitung im März 2011, als es finanziell schlecht um den TSV 1860 München stand.
"Rettet die Löwen!" So titelte die Abendzeitung im März 2011, als es finanziell schlecht um den TSV 1860 München stand. © AZ

Löwen-Reporter Filippo Cataldo erhielt kurz nach der Bekanntgabe des AZ-Insolvenzantrags eine SMS von 1860-Präsident Gerhard Mayrhofer - und veröffentlichte sie. Hier erklärt er die Gründe und korrigiert auch Mayrhofers Darstellung, sie sei aus dem Zusammenhang gerissen.

München - An der Deutschen Journalistenschule habe ich einst gelernt: Schütze deine Quellen! Privates bleibt Privat! Mach dich nicht gemein mit einer Sache! Halte Distanz! Lass dich beim Schreiben nicht von persönlicher Sympathie oder Antipathie leiten! Ich habe für mich noch hinzugefügt: Sei emotional und schreibe mit Leidenschaft!

Journalistische Grundsätze, die ich, die wir in der Abendzeitung, stets versucht haben, zu befolgen.

Dennoch habe ich mich am Donnerstag entschlossen, eine private SMS von 1860-Präsident Gerhard Mayrhofer zu veröffentlichen, zunächst nur in meinen privaten Accounts in den Sozialen Netzwerken, dann auch, in Rücksprache mit meinen Kollegen und der Chefredaktion - unkommentiert - in der Zeitung. 

29 Minuten, nachdem der Verlag Die Abendzeitung am Mittwoch bekannt gegeben hatte, einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht gestellt zu haben, schrieb der Präsident mir: "Manche Dinge erledigen sich von selbst...schönen Tag noch".

Man kann sich vorstellen, wie die Stimmung in diesen Minuten war im Haus, man kann sich denken, welche Gefühle diese SMS in mir, in uns, geweckt hat. Ich habe sie unterdrückt, habe Mayrhofer lediglich zurückgeschrieben: "Vielen Dank. Das veröffentlichen wir morgen gerne auf unserer Reaktionen-Seite". Um 16.13 Uhr antwortete Mayrhofer: "Gerne".

Seitdem herrscht Funkstille. Natürlich haben diese SMSen eine Vorgeschichte. Mayrhofer ist ein reger SMS-Schreiber. Er greift gerne zum Handy, wenn er nicht einverstanden ist mit seiner Darstellung in den Medien, wenn ihm Geschichten nicht gefallen. Er hat mir regelmäßig geschrieben. Sehr deutlich, oft schonungslos, manchmal belehrend, hin und wieder unangebracht, gerne mitten in der Nacht, manchmal süffisant. Aber bisher nicht beleidigend. Das ist sein gutes Recht. 

Ich habe ihm gerne geantwortet. Manchmal sehr freundlich, oft sehr deutlich, manchmal süffisant. Aber niemals beleidigend. Ich bin wahrlich kein Opferlamm, teile aus, stecke aber auch ein. Einem niveauvollen Streit würde ich nie aus dem Weg gehen.

Ja, Mayrhofer muss sich oft geärgert haben über mich, über die Abendzeitung. So wie viele Funktionäre vor ihm. Das gehört dazu, genauso wie ein auf beiden Seiten professioneller Umgang. Es ist eher ein schlechtes Zeichen, wenn sich Funktionäre (oder Politiker) nicht zuweilen ärgern würden über das, was in den Medien über sie steht. Wir sind keine Propagandisten, keine Steigbügelhalter der Macht. In meinem Fall: Ich bin familiär blau geprägt, ich habe immer Sympathien gehegt für 1860, war als Kind und Jugendlicher oft im Stadion. Aber: Ich bin kein Fan. Ich eigne mich einfach nicht zum Fan. Ganz allgemein nicht.

Der TSV 1860 ist in den letzten Jahren oft nicht gut weg gekommen in unserer Berichterstattung. Fans, Funktionäre, Spieler haben - aus ihrer Sicht womöglich zurecht - immer mal wieder die Fäuste geballt, sich maßlos geärgert haben über die Abendzeitung und natürlich auch über mich.   

Wir sind keine Fans des TSV 1860. Aber der Klub hängt mir, hängt uns am Herzen. Als die Löwen 2011 kurz vor der Insolvenz standen, hat die Abendzeitung eine Aktion Rettet die Löwen ins Leben gerufen, dieses auch zur Schlagzeile gemacht, wir haben der Frauenkirche auf der Seite 1 der AZ einen Löwen-Schal umgehängt, haben unseren (traditionell roten!) Titel blau eingefärbt. Sicher nicht aus PR-Gründen. Als Hasan Ismaik die Löwen gerettet hat, haben wir alle uns gefreut. Mit 1860. Mit den Fans.   

Obwohl Mayrhofer der Veröffentlichung der SMS zugestimmt hatte, habe ich lange mit mir gerungen, sie zu bringen. @striggla merkte auf Twitter an: "Ich halte sowohl den Inhalt als auch die kontextlose Veröffentlichung der SMS für eine Frage des Stils." Sie hat recht.

Doch spätestens seit Mayrhofers Reaktion auf die SMS in "Bild", halte ich mein Vorgehen für absolut richtig. Die Kollegen haben in einer "Präsident Peinlich" betitelten Geschichte unter anderem Mayrhofers SMS an mich veröffentlicht. Mayrhofer wirft mir in seiner Stellungnahme vor, die SMS "leider völlig aus dem Zusammenhang gerissen" zu haben. In unserem SMS-Austausch sei es um Beleidigungen einzelner Fans gegen ihn in Fanforen gegangen. Dies ist nachweislich falsch!

Mayrhofers komplettes Zitat: "Meine SMS ist leider völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe mich bereits häufiger beschwert, weil ich in Fanforen beschimpft werde. Das will ich einfach nicht hinnehmen. Ich habe jetzt schon zweimal Strafanzeige gegen diese Beleidiger gestellt. Darum ging es in dem SMS-Austausch. Natürlich tut es mir leid, wenn Angestellte mit ihren Familien nach der Insolvenz um ihre Jobs bangen müssen. Ich bin doch kein Unmensch."

Tatsächlich liegen der Abendzeitung zwei Schreiben seines Rechtsanwaltes vor, in denen er sich über User-Kommentare beschwert und um Löschung dieser Kommentare bittet. Zudem hat die Abendzeitung Kenntnis von einer Anzeige gegen Unbekannt wegen eines auf az-muenchen.de veröffentlichten Kommentars. Auch mich persönlich hat Mayrhofer bereits um Löschung bestimmter Kommentare gebeten. Zuletzt per SMS am 26. Oktober 2013. 

Im aktuellen SMS-Dialog mit Mayrhofer seit Montag kamen viele Themen zur Sprache: Mayrhofer hielt mir vor, ein "Spezi" des letzten Freitag freigestellten Sportchef Florian Hinterberger gewesen zu sein (mein Verhältnis zu Hinterberger war stets ein rein berufliches). Es ging um ein angebliches "Schäfer/Iraki Komplott".

Ich stellte ihm eine Interview-Anfrage - mit dem Angebot, mich da "gerne auch beschimpfen" zu lassen. Mayrhofer kritisierte meinen meist "einfach entwürdigenden" Schreibstil. Wir unterhielten uns über meine "nie klare" Sprache, über unsere unterschiedlichen Definitionen von Respekt, über die "Wirklichkeit", die "Welt, wie sie ist".

Es wurde sogar philosophisch: Mayrhofer, der, und das ist mir wichtig, auch vieles sehr richtig gemacht hat in seiner Amtszeit, zitierte Wittgenstein. Ich antwortete mit Luhmann und Habermas. Am Montag verglich Mayrhofer sogar (prophetisch?) die finanzielle Lage des TSV 1860 und der Abendzeitung. Wie gesagt, Mayrhofer und ich hatten diese Woche viele Themen. Um eins aber ging es in unserem - teils wirklich hochinteressanten - Dialog nie: um Beleidigungen von Fans.

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