Interview

"Wenn Sechzig oben mitmischen will": Winkler weist TSV 1860 auf die Schwachstellen hin

Zwei Spiele, zwei Remis für den TSV 1860. Klub-Legende Bernhard Winkler spricht in der AZ über die schwere Situation von Florian Niederlechner und erklärt, was es für eine erfolgreiche Rückrunde braucht.
von  Matthias Eicher
Outet sich in der AZ als Volland-Fan: Löwen-Legende Bernhard Winkler.
Outet sich in der AZ als Volland-Fan: Löwen-Legende Bernhard Winkler. © IMAGO

AZ: Herr Winkler, zwei Spiele im Jahr 2026, zwei Mal 1:1 – wie schaut ihr persönliches Rückrunden-Fazit über ihren alten Herzensverein Sechzig aus?
BERNHARD WINKLER: Man muss natürlich auf die Gegner und das Personal schauen: Rot-Weiss Essen und der VfL Osnabrück sind Spitzenteams mit großen Ambitionen, bei Sechzig fallen aktuell zehn, elf Spieler aus. Das ist eine ganze Mannschaft. Da ist ein Unentschieden nicht das Schlechteste – erst recht nicht auswärts an der Bremer Brücke. Ich fand die Punkteteilungen jeweils auch relativ gerecht.

"Du musst schon versuchen, oben dranzubleiben"

Sie haben die Verletztenmisere angesprochen: Was kann man denn von den Spieler erwarten, die in die Bresche springen?
Ich war ja selbst Trainer und bin schon der Meinung, dass ein Kader mit knapp 30 Spielern das auffangen muss. Bisher werden die Ausfälle gut kompensiert, aber klar ist auch, dass du schon versuchen musst, oben dranzubleiben. Ich würde sagen, unabhängig von den Verletzten: Wenn du deine Aufstiegschancen wahren willst, gilt die gute, alte Regel: auswärts einen Punkt, zu Hause gewinnen, dann bist du vorne dabei.

Ex-Nationalspieler Kevin Volland hat erstmals seit dem fünften Spieltag getroffen. Der Mann steht nun bei drei Toren, fünf Assists und eine Unmenge an hereingeprasselten Eindrücken seit seiner Rückkehr zu Sechzig.
Grundsätzlich war ich immer ein Fan von Kevin. Ich kenne ihn ja noch von damals, als er aus der Jugend kam und ich Trainer der zweiten Mannschaft war. Ich habe sofort gesagt: "Der Junge ist bei uns unterfordert!" Er kam dann auch schnell zu den Profis, der Rest ist Geschichte. Er kam schon damals zusätzlich zu seinem überdurchschnittlichen Talent auch über die Mentalität, den kämpferischen Part, das zeichnet ihn bis heute aus. Von daher hat er auch die Dritte Liga gut angenommen. Natürlich wünscht man sich vielleicht die ein oder andere Aktion mehr von ihm, aber man muss auch sehen, dass der Gegner immer anderthalb Leute bei ihm abstellt. Er hat aber schon noch was im Tank.

Kevin Volland traf für den TSV 1860 in Osnabrück.
Kevin Volland traf für den TSV 1860 in Osnabrück. © IMAGO

 Winkler wollte Niederlechner schon aus Ismaning zum TSV 1860 holen 

Hängen wir doch gleich noch Florian Niederlechner dran: Der hat gegen Essen und Osnabrück getroffen – allerdings in den Hinspielen, danach stark abgebaut und seit längerer Zeit muskuläre Probleme.
Ich habe auch von Flo Niederlechner eine hohe Meinung. Ich wollte ihn früher aus Ismaning zu 1860 holen, aber da meinten die damaligen Bosse, dass er nicht gut genug sei – und dann ist er auch noch zu Haching gegangen. Eine Geschichte von anno dazumal, die mich nicht loslässt. (lacht)

Immerhin hat sich im vergangenen Sommer mit seiner Rückkehr der Kreis geschlossen.
Von außen ist natürlich schwer zu beurteilen, in welcher körperlichen Verfassung er jetzt ist. Aber der Mann hat, wenn ich mich recht erinnere, 45, 46 oder 47 Bundesligatore geschossen (45 in 197 Spielen, d. Red.). Wenn er schnell wieder fit wird, wofür ich ihm die Daumen drücke, kann er für Sechzig noch ganz wichtig werden. Man muss ihm nicht mehr zeigen, wo das Tor steht, das kann man nicht verlernen. Aber er ist mit seinen 35 Jahren natürlich ein Spieler, der die Bälle im Strafraum braucht. Das trifft auch auf Patrick Hobsch zu: Wenn Sechzig oben angreifen will, dann müssen die Stürmer noch mehr Bälle kriegen.

Wenn Sechzig oben angreifen will, dann müssen die Stürmer noch mehr Bälle kriegen.

Bernhard Winkler

Löwen-Legende wünscht sich "mehr Power nach vorne"

Da ist neben Sechzigs Mannschaft um die beiden mehr oder weniger performenden Hochkaräter auch Chefcoach Markus Kauczinski gefragt. Wie bewerten Sie das Wirken des TSV-Trainers?
Er hat Stabilität eingebracht, das war ja am Anfang die Idee und angesichts der allgemeinen Verunsicherung ungemein wichtig. Da hat sich Sechzig grundlegend verbessert. Es ist auch gut, dass er sachlich an die Dinge herangeht, denn die Hektik kommt bei einem Verein wie Sechzig sowieso rein. Da ist es besser, eine ruhige Hand zu schwingen. Bei den Spielen muss der Kessel natürlich kochen, aber das scheint Kauczinski ganz gut hinzukriegen. Es ist ein schmaler Grat, aber man wünscht sich einfach noch mehr Power nach vorne.

Eine Frage des Personals, der Taktik oder wie würde sich der einstige Torjäger und Trainer Winkler das weiß-blaue Offensivspiel wünschen?
Ich würde an seiner Stelle auch ein 3-5-2-System spielen, das kann ich gut nachvollziehen. Es braucht in der Offensive einfach noch mehr Tempoläufe, mehr präzise Flanken. Darüber habe ich kürzlich auch mit meinem damaligen Sturmpartner Olaf Bodden gesprochen.

Hat den TSV 1860 in ruhigere Fahrgewässer geführt: Trainer Markus Kauczinski.
Hat den TSV 1860 in ruhigere Fahrgewässer geführt: Trainer Markus Kauczinski. © IMAGO

"Für ganz oben heißt das Stichwort bekanntlich Konstanz"

Und was sagen die Ex-Bundesliga-Knipser der Sechzger?
Dass Strafraumstürmer gefüttert werden müssen. Egal, ob da drin der Hobschi steht oder ein Flo Niederlechner: Wenn du im Spiel deine fünf, sechs hochwertigen Flanken hast, dann kommt so ein Typ Stoßstürmer auch seine drei, vier Mal ran und dann machen sie ihre Kisten. Man muss natürlich auch dazusagen, dass wichtige Spieler fehlen. Für mich wiegt auch der Verlust von Spielmacher Tunay Deniz schwer, der viele Pässe und Geistesblitze geliefert hat.

Die Spieler müssen alle wissen, an welchem Ziel sie arbeiten. 

Bernhard Winkler

Am Samstag kommt Alemannia Aachen ins Grünwalder Stadion (14 Uhr). Gemäß der von Ihnen genannten Regel muss ein Dreier her ...
Ja natürlich, die Löwen müssen jetzt schon schauen, das ein oder andere Spiel wieder für sich zu entscheiden. Für ganz oben heißt das Stichwort bekanntlich Konstanz. Ich drücke Sechzig jedenfalls die Daumen. Einen Volland und Niederlechner, die kriegst du nicht jede Saison zurück – solche Hochkaräter kriegst du nicht immer. Sie dürfen nicht abreißen lassen oder das alles wegen der vielen Verletzten auf nächste Saison verschieben. Man muss mit den Gegebenheiten klarkommen. Die Spieler müssen alle wissen, an welchem Ziel sie arbeiten. Die Chance ist jetzt da. Das Motto kann jetzt nur heißen: Angriff!

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