TSV 1860: Ian Ayre im AZ-Interview über Hasan Ismaik, Abstieg und Vitor Pereira

Der neue 1860-Geschäftsführer Ian Ayre spricht in der AZ über den Kampf um den Klassenerhalt, einen möglichen Abstieg, Investor Hasan Ismaik und seine Pläne: "Wir wollen die Löwen transformieren."
| M. Eicher, C. Landsgesell
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Besitzt auch einen Vertrag für die 3. Liga: Ian Ayre, der aus Liverpool stammt und seit April an der Grünwalder Straße das Sagen hat. Das kleine Bild zeigt den 54-Jährigen mit den AZ-Reportern Matthias Eicher (M.) und Christoph Landsgesell
imago/AZ Besitzt auch einen Vertrag für die 3. Liga: Ian Ayre, der aus Liverpool stammt und seit April an der Grünwalder Straße das Sagen hat. Das kleine Bild zeigt den 54-Jährigen mit den AZ-Reportern Matthias Eicher (M.) und Christoph Landsgesell

München - Der 54-jährige Engländer war mehrere Jahre Geschäftsführer des FC Liverpool. Seit Anfang April ist er für den TSV 1860 verantwortlich.

AZ: Herr Ayre, sind Sie ein abergläubischer Mensch?
IAN AYRE: Nein. Ich bin Optimist. Das Glas ist bei mir immer halbvoll. Man muss sich seine Ziele vor Augen führen. Wenn man zweifelt, kann es nicht gut gehen.

Sie werden am Sonntag gegen Braunschweig also in der Arena sitzen. Man könnte ja auf den Gedanken kommen, 1860 hätte seit ihrem Amtsantritt das Siegen verlernt.
Also sind wir verloren (lacht). Aber tatsächlich, das habe ich in den letzten Tagen häufiger gehört. Die Lage besorgt mich natürlich, aber ich glaube nicht, dass es an mir liegt. Ich werde am Sonntag wie gewohnt die Daumen drücken.

Was stimmt Sie optimistisch, dass es klappt?
Erstens: Ich sehe unsere Spiele. Wir waren oft die bessere Mannschaft. Zweitens: Manchmal gibst du alles und verlierst trotzdem. Das passiert bei jedem Klub, auf jedem Niveau.

"Das ist unfassbar"

Wie viele Punkte reichen für den Klassenerhalt?
So viele wie nötig! Aber ich habe es noch nie erlebt, dass so viele Mannschaften mit unten drinstehen. Das ist unfassbar. Ab jetzt ist jedes Spiel wie ein Pokalfinale für uns.

Apropos Pokalfinale: Das hat der FC Bayern gegen Borussia Dortmund verpasst.
Ach, das Ergebnis kümmert mich jetzt nicht besonders. Aber man hat gesehen: Das ist Fußball. Manchmal gewinnt die bessere Mannschaft, ab und zu muss ein dreckiger Sieg her. Das ist es, was auch für uns wichtig ist.

Sie haben erklärt, dass Sie nicht auf die Spieler einwirken, sprechen aber mit Trainer Vitor Pereira, mit Investor Hasan Ismaik: Wie sehr ist der Druck bei Ihnen und dem Umfeld der Löwen spürbar, dass es schiefgehen könnte?
Es wäre falsch zu behaupten, wir hätten keinen Druck. Wir sind alle nur Menschen, und es liegt in unserer Natur, in einer schwierigen Situation Angst zu haben. Diese Ängste müssen wir besiegen. Manche scheitern am Druck, mich spornt er zu Höchstleistungen an. Das wünsche ich mir auch für die Mannschaft.

Und was, wenn es doch zum "ungünstigsten Fall X" kommt, wie es Ismaik formulierte?
Was würde passieren – so viel, es wäre ein trauriger Tag für den ganzen Klub. Ein Desaster. Zur Dritten Liga will ich nur eines sagen: Natürlich haben wir dafür einen Plan, alles andere wäre unverantwortlich. Ich habe einen Vertrag, ja. Der ist in der Schublade, und da holen wir ihn auch erstmal nicht raus.

Gilt das auch für den Trainer?
Wie gesagt: Wir haben einen Plan. Wie der konkret aussieht, werden wir im Fall des Falles besprechen.

"Gerrard wird sich nicht von mir überreden lassen"

Ein Problem des aktuellen Kaders besteht darin, dass es viele Kapitäne gibt, aber keinen Leader. Wie bewerten Sie den Rücktritt von Stefan Aigner vom Kapitänsamt?
Er wollte sich nach seiner Verletzung voll und ganz auf seine sportliche Performance konzentrieren. Von daher kann ich das nachvollziehen. Unabhängig davon erwarten wir natürlich, dass er vorangeht mit seiner Erfahrung, seinen Fähigkeiten, seiner Identifikation – und seinem Löwenherz. Das ist wichtiger als alles andere.

Ein Ausnahmespieler, wie Sie ihn mit Steven Gerrard in Liverpool hatten, fehlt 1860.
Gerrard wird sich leider nicht mehr von mir überreden lassen, für 1860 aufzulaufen. Er war ein mustergültiger Kapitän, aber kein Lautsprecher. Trotzdem konnte er ein Spiel lesen, das Team mitreißen. Wir hatten auch Jamie Carragher – einer, der den Mund aufmachte. Es braucht verschiedene Charaktere, nicht jeder kann Anführer sein.

Wo wir bei Ihrem Ex-Klub sind: Inwieweit lässt sich Pereira mit Jürgen Klopp vergleichen – zwei Trainer mit großem Temperament?
Jürgen ist einzigartig, und jeder Trainer ist anders. Was die Leidenschaft betrifft, lassen sie sich vielleicht vergleichen. Vitor ist ein toller Mensch, ein Gewinner. Nach dem 0:1 in Kaiserslautern war seine Enttäuschung riesengroß. Aber er weiß: 24 Stunden darf man niedergeschlagen oder wütend sein. Danach gilt es, positive Energie zu erzeugen.

Lassen Sie uns über Ismaik sprechen, der kürzlich erklärte, die Löwen auch in der Dritten Liga zu unterstützen und nie mehr loszulassen.
Gut zu wissen. Ich hege große Bewunderung für ihn. Fußball ist oft nur Business, für ihn ist es mehr. Er erkennt, dass 1860 ein einzigartiger Traditionsverein ist.

Dennoch hat Ismaik auch Gegner, die behaupten, der Verein habe seine Seele verkauft.
Alles, was ich dazu sagen kann: Er war für mich der Grund, mich überhaupt mit 1860 zu befassen. Seine Treue zum Verein ist überragend und nicht selbstverständlich für einen Geldgeber. Wir wollen hier etwas aufbauen, die Löwen transformieren. Die Löwen sind aktuell nicht erfolgreich, richtig? Die Löwen bekommen das Stadion nicht voll, sie wirtschaften nicht gut. Unser Plan ist es, wieder erfolgreiche Löwen zu erleben.

Was bedeutet das für die Zukunft von Sechzig?
Natürlich wären elf deutsche oder bayerische Spieler ein Traum, aber die Fans wollen eine erfolgreiche Mannschaft. Die Werte eines Klubs muss man erhalten, andere Dinge opfern, um das ultimative Ziel zu erreichen. Wir wollen doch alle das Gleiche: Gewinnen! In die Bundesliga. Die Löwen wieder zu einem großen Klub machen.

"Meine Aufgabe ist es, der Leader zu sein"

Was dabei zuletzt wohl eher kontraproduktiv war: die Abschottung. Ihr Vorgänger Anthony Power hat keine Interviews gegeben.
Ich gebe welche, oder würden wir sonst hier sitzen? (lacht)

Weil Sie die Spielregeln wieder geändert haben.
Meine Aufgabe ist es, der Leader zu sein, zu helfen und die Dinge anzupacken. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen wir weniger sprechen werden. Wir wollen keine Diskussionen in der Öffentlichkeit austragen.

Meinen Sie die Stadionfrage?
Sie ist das Paradebeispiel. Klar, jeder will wissen, wie es weitergeht – ich auch! Hasan auch! Aber bevor wir etwas haben, etwas Handfestes, welchen Sinn macht es? Wir kennen doch alle die Wunschlösung: eine eigene Heimat. Daran müssen wir arbeiten.

Wird es wieder einen Sportchef geben?
Wir arbeiten an einem neuen System. Wir müssen in vielen Bereichen professioneller werden, brauchen Leute, die bei Spielerverpflichtungen Informationen zusammentragen. Da ist auf jeden Fall Luft nach oben.

Zu Ihnen persönlich: Wie läuft es mit dem Deutschunterricht?
Ich lerne zweimal pro Woche jeweils 90 Minuten. Auch Bairisch, nicht nur Deutsch, Dinge über die Kultur. Ich habe sehr viel Hausaufgaben. (lacht)

Wozu sind Sie in ihrem ersten Monat in München schon gekommen?
Ich war schon Radeln im Englischen Garten, habe einige Museen besucht, den Viktualienmarkt in der Innenstadt und den Biergarten am Wiener Platz, nahe meiner Wohnung in Haidhausen. Es gefällt mir sehr gut hier, und meine Frau Karen und meine Tochter Yasmine sind auch schon begeistert. Sie haben mich über Ostern besucht. Der Plan ist, dass sie im Sommer fest nach Deutschland kommen und wir in ein Haus nach Grünwald ziehen.

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