Trikotsponsoring-Aktion der Ultras: Schallmauer von 250.000 Euro durchbrochen

Wenn die aktive Fanszene zum Löwen-Sponsor wird – und sich aus der Westkurve bis in die ganze Welt hinaus Hilfe erhofft: "Servus Löwenfans, Servus Fußballfans, nach 15 Jahren geht allem Anschein nach einer unserer größten Kämpfe zu Ende", schrieb die Fankurve des TSV 1860 in einem kreativen Spendenaufruf bei "gofundme" über ihren hochstilisierten Befreiungskampf gegen Hasan Ismaik: "Eine Zeit, die von Wut und Verzweiflung geprägt war, aber auch vom endlosen Willen aller, unseren Verein nicht einem windigen Kreditgeber mit zu großem Ego zu überlassen."
Was tun, um ihn loszuwerden? Den umstrittenen Investor fleißig zum Feindbild erklären – und noch fleißiger Geld einsammeln.
"Wir haben nun die historische Chance, unseren Verein neu zu gestalten und besser aufzustellen", schreiben die unter dem Dach "Westkurve Sechzig München" auftretenden Fangruppen und trommeln für einen möglichst prall gefüllten, weiß-blauen Klingelbeutel: "Diese neu gewonnene Freiheit bringt aber auch eine große Verantwortung mit sich. Der Verein und auch wir als Fans stehen vor Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Wir sehen uns als Fanszene in der Pflicht und werden unseren Beitrag leisten, um unseren Verein wieder in richtige Bahnen zu lenken und beim Wiederaufbau zu helfen."
1860-Ultras sammeln über 250.000 Euro
Satte 250.000 Euro hat die treueste Anhängerschaft der Blauen als Spendenziel ausgegeben – und in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wurde die Schallmauer durchbrochen. Um 0.44 Uhr wurde das mit einem kurzen aber hörbaren Feuerwerk am Grünwalder Stadion gefeiert. Am Donnerstagvormittag lag die Summe bereits über 263.000 Euro (Stand: Donnerstag, 9 Uhr).
Die stimmgewaltige Kurve hat nicht nur gebeten, sie hat selbst geliefert: 6809 Euro haben die "Blue Blood Fanatics" gespendet, 1186 Euro kommen von der "Münchner Freiheit 1860", 1060 Euro von "Leonum 1860" und 890 Euro von der "Comitiva 90". Dazu gesellen sich in den ersten 24 Stunden knapp tausend Spender, darunter auch die bayerische Italo-Schlager-Kult-Band Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys ("Bella Napoli") mit 1060 Euro.
Fazit: Die Spendenbereitschaft der Sechzger ist trotz zweier vorheriger Sammlungen und drohenden Doppelzahlung der Dauerkarten (wegen der Insolvenz der KGaA) ungebrochen, jeder Euro sichert die Zukunft existenzbedrohter Löwen und erhöht die Wahrscheinlichkeit eines gelingenden Neustarts der neuen Fußballfirma.
Die Kampagne sucht weltweit nach Unterstützern
Kurios wie clever: Die neben Deutsch in Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch verfasste Kampagne richtet sich an die Investorenhasser, Sechzger-Sympathisanten und Traditionalisten auf dem ganzen Globus: "Allen, die ein ähnliches Schicksal ereilt hat, wollen wir sagen: Kämpft für das, was übrig ist, oder versucht, euch das zurückzuholen, was euch genommen wurde. Vor allem bewahrt und tut alles dafür, die Maßnahmen zu erhalten, die ein Fortschreiten des modernen Fußballs verhindern oder zumindest verlangsamen."
Wie ein bereits im Internet kursierendes 1860-Trikot zeigt, soll folgender Spruch den Rücken der Löwen zieren: "Football for the people" - Fußball für die Menschen. Etwas neutraler, als der bekennende Traditionalist und Ex-Aufsichtsrat, -beirat und -verwaltungsrat Nicolai Walch kürzlich bei Instagram postete: "Football is for you und me, not for fucking industry!" ("Fußball ist für dich und mich, nicht für die verdammte Industrie!")
1860-Ultras wollen Trikotsponsor werden: Mang äußert sich in der AZ
Und was sagen die Bosse, die von der Fanszene für "Mut und Einsatzbereitschaft" gelobt werden? "Ich finde es wirklich außergewöhnlich, welche Aktion unsere Fans da ins Leben gerufen haben. "Football for the people" - der Fußball ist für die Leute, für unsere Mitglieder, für unsere Fans und alle Menschen, die unseren Weg unterstützen", erklärte Präsident Gernot Mang der AZ.

Auffällig: Zwei Botschaften wollte der 57-Jährige absenden. Erstens: Mang kritisierte auch selbst die Auswüchse des hochklassigen Sports: "Man sieht ja in den USA oder auch in England, welche Züge die Kommerzialisierung im Profifußball manchmal annimmt. Das geht mir eine Stufe zu weit. Der Fußball gehört schließlich den Fans und ich glaube, dass wir mit dieser Aussage nicht alleine dastehen."
1860 wird zahlungskräftige Sponsoren brauchen
Die zweite Botschaft richtet sich an Personen wie Martin Gräfer, Vorstand von Ex-Hauptsponsor "die Bayerische" und weitere Geldgeber: "Mir ist es wichtig, zu betonen: Selbstverständlich sind Sponsoren bei den Löwen nach wie vor herzlich willkommen. Diese Aktion soll keinen Hauptsponsor ersetzen, sie stellt für uns eine willkommene Hilfe in schweren Zeiten dar."

Zur Wahrheit gehört aber auch: Selbst für Regionalliga-Verhältnisse ist die Sechzger-Sammlung noch nicht ausreichend, im Profifußball sind (Groß-)Sponsoren unabdingbar.