Interview

Niederlechner und Volland in der Regionalliga? "Dann sind sie absolute Legenden"

Vom "Investorenmärchen“ zum Stadiontraum in Giesing: Florian Haas analysiert die Fehler der Vereinsführung, die "Melk-Mentalität“ bei Ticketpreisen und erklärt, warum der TSV 1860 ohne Hasan Ismaik ein Signal für ganz Fußball-Deutschland senden würde.
von  Reinhard Franke
Die treuen Löwen-Fans werden bei den Dauerkarten ordentlich zur Kasse gebeten.
Die treuen Löwen-Fans werden bei den Dauerkarten ordentlich zur Kasse gebeten. © IMAGO/foto2press

Im zweiten Teil des AZ-Interviews spricht Florian Haas, Löwen-Kenner und Betreiber des YouTube-Kanals "Grounded – Fußball Reports", über das "größte Missverständnis des Fußballs“, die Hauptschuld an der Krise und warum Kevin Volland sowie Florian Niederlechner bei einem Gang in die Regionalliga zu ewigen Legenden werden könnten.  

Was ist aktuell das größte Problem bei den Löwen?
FLORIAN HAAS: Die Gesellschaftsstruktur. Würde sich der Verein ganz neu aufbauen und sagen: Wir haben eine Zukunftsvision, halte ich neue Investoren nicht einmal für ausgeschlossen. Aber zunächst muss der Verein wieder hundertprozentig Herr im eigenen Haus werden. Es darf nicht mit drei Stimmen gesprochen werden. Wo gibt es das, dass KGaA, e.V. und Fanshop quasi unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Interessen sind? Das ist total negativ.

Ismaik – Investor, Sündenbock oder Problem?
(lacht) Alles drei. 2011 wollte uns niemand helfen, das muss man ihm anerkennen. Gleichzeitig wollte er etwas anderes, als in den Verträgen festgehalten wurde. Für die Zukunft hat keiner wirklich etwas geplant. Er ist auch ein leichter Sündenbock geworden. Und er ist ein großes Problem. Aber 15 Jahre Streit gehen an einem Verein nicht spurlos vorbei – an Fans, Sponsoren und allen Beteiligten.

Das Schüren von Hoffnungen bei den Fans, die anschließend nicht erfüllt werden und zudem keinerlei Konsequenzen haben, ist für mich einer der Gründe, warum heute kaum noch jemand an Zukunftsvisionen glaubt.

Florian Haas

Wenn Ismaik morgen verkauft, wäre ein Großteil der Probleme gelöst?
Ja, tatsächlich. Dann gäbe es einen sauberen Schnitt und keine Rechtsstreitigkeiten mehr. Für ihn wäre eine Einigung mit Sechzig auch das Beste. Ein Verkauf an uns – nicht an irgendeinen Dritten – wäre dagegen das beste Szenario.

Youtuber, Influencer - und eingefleischter Löwen-Fan: Florian Haas
Youtuber, Influencer - und eingefleischter Löwen-Fan: Florian Haas © Sigi Müller

Hasan Ismaik hat den Fans viel in Aussicht gestellt, aber wenig umgesetzt

Sie sagen, ohne Ismaik beginne für 1860 eine neue Zukunft. Aber was, wenn sich nach einem Verkauf herausstellt, dass die strukturellen Probleme – fehlendes Kapital, die Stadionfrage oder sportliche Fehlentscheidungen – trotzdem bestehen bleiben? Besteht nicht die Gefahr, dass man Ismaiks Einfluss überschätzt und andere Ursachen für die Entwicklung von 1860 unterschätzt?
Meiner Meinung nach wird Ismaik hier eher zu wenig in die Verantwortung genommen. Wer in Gremien sitzt und Dinge verspricht, muss sich daran messen lassen. Die Stadionfrage mit einem 50.000-Zuschauer-Stadion und Löwenzoo, sportlich auf Augenhöhe mit Barcelona oder die versprochenen 100 Millionen im Zusammenhang mit der Wahl des Bündnis Zukunft – all das wurde in Aussicht gestellt. Insgesamt wird Ismaik als Ursache der Entwicklung meiner Ansicht nach eher noch unterschätzt. Das Schüren von Hoffnungen bei den Fans, die anschließend nicht erfüllt werden und zudem keinerlei Konsequenzen haben, ist für mich einer der Gründe, warum heute kaum noch jemand an Zukunftsvisionen glaubt. Natürlich kann auch künftig weiterhin vieles schiefgehen. Aber der Ast in den Speichen ist dann zumindest weg – das heißt allerdings nicht, dass man nicht trotzdem noch gegen einen Baum fahren kann.

Sie haben Ismaik mehrfach scharf kritisiert. Ist er wirklich der alleinige Sündenbock?
Nur weil er 2011 geholfen hat, rechtfertigt das keine 15 Jahre voller Machtkämpfe, die einfach nur auf dem Rücken der Fans ausgetragen wurden. Wir sind zweimal in die Regionalliga gegangen, und für mich wird Ismaik dabei zu wenig in die Verantwortung genommen. Ismaik trägt die Hauptschuld.

"Der Konfrontationskurs nach 2017 war teilweise nötig"

Welche Verantwortung tragen der e.V. und die Vereinsgremien?
Das kommt auf den Zeitraum an. Der Konfrontationskurs nach 2017 war teilweise nötig, weil man eine Konsolidierung wollte. Aber irgendwann wurde es nur noch Mann gegen Mann. Ich kenne das aus Argentinien. Wenn sich einzelne Protagonisten zu sehr zum Personenkult einer politischen Richtung machen, wird es schwierig. Das ist leider auch bei Sechzig passiert. Robert Reisinger (Präsident des TSV 1860 von 2017 bis 2025, kandidierte 2025 nicht erneut; d. Red.) hat sich als Ismaik-Gegner positioniert, aber prinzipiell sollte es ja darum gehen, dass Sechzig nach vorne kommt.

Präsident Mang sagte, Ismaik wolle seine Anteile offenbar lieber an Dritte verkaufen als an den e.V. Was sagen Sie dazu?
Die Rettung der KGaA kostet mittlerweile mindestens sieben Millionen Euro. Der e.V. hat wohl einen mittleren Millionenbetrag geboten. Ein Dritter müsste also deutlich mehr auf den Tisch legen – ohne sichere Lizenz. Welcher seriöse Investor soll das bitte sein? Ein neuer Investor würde ja nicht gerade willkommen geheißen.

Bei Teilen der Fans seit Jahren verhasst: 1860-Investor Hasan Ismaik.
Bei Teilen der Fans seit Jahren verhasst: 1860-Investor Hasan Ismaik. © sampics

Wenn Ismaik heute hier mit Ihnen am Grünwalder Stadion sitzen würde – was würden Sie ihm sagen?
Du hast versprochen, die Anteile den Fans zurückzugeben. Sei ein Ehrenmann und tu es einfach.

Haas: "Ismaik macht mit Sechzig, was er will"

Der e.V. wird oft als Gegenpol zu Ismaik dargestellt. Ist das zu einfach gedacht?
Ja, diese Sichtweise ist sehr verzerrt. Auf der einen Seite haben wir ein gewähltes Präsidium und gewählte Gremien, die abgewählt werden können. Auf der anderen Seite steht ein Investor, der ohne Zustimmung der Mitglieder gekommen ist und auf den die Fans kaum Einfluss haben. Man kann Banner machen und politischen Druck aufbauen, aber er ist zu weit weg. Das ist das Schlimme. Ismaik macht mit Sechzig, was er will. Aber Reisinger und Peter Cassalette (Präsident des TSV 1860 von 2015 bis 2017, trat am Tag des Abstiegs zurück; d. Red.) sind ihre Ämter los, wenn es nicht so läuft.

Welche Fehler des e.V. werden zu selten angesprochen?
Die Öffentlichkeitsarbeit. Das ist das größte Manko überhaupt. Sechzig steht zwischen Medien, die oft jede Aussage ungefiltert abdrucken und Skandale wittern, und einem Verein, der daran zerbricht, nicht klar genug zu kommunizieren.

Wenn Ismaik bleibt, muss man sehr tief in sich gehen und sich fragen, wie sehr man dieses Konstrukt noch unterstützen kann. Ich würde dann vor das Stadion gehen und zu Demonstrationen aufrufen. Das wäre nicht mehr mein Sechzig.

Florian Haas

Ist die 50+1-Kultur bei 1860 Stärke oder Bremse?
Unsere größte Stärke. Der Kampf darum wird auf unserem Rücken ausgetragen, das ist klar. Aber wenn wir es schaffen, ohne Hasan Ismaik weiterzumachen, wäre das ein sehr großes Signal – auch für Deutschland. Wir sind ein warnendes Beispiel für andere Klubs.

1860-Fans zeigen für ihren Verein große Spendenbereitschaft

Warum fühlen sich viele Fans bei Themen wie Dauerkarten- und Ticketpreisen nicht ernst genommen?
Wenn man hört, dass Ismaik die Preise noch weiter erhöhen wollte, sagt das viel. Wir haben eine der teuersten Dauerkarten in Deutschland. Die Preise sind so hoch, weil wir als Fans Darlehen tilgen. Das funktioniert nur, weil die Liebe zum Grünwalder Stadion so groß ist und es immer ausverkauft ist. In der Allianz Arena hätten wir keine 10.000 Dauerkarten mehr verkauft. Da habe ich traurige Zeiten mitgemacht. Die Fans größtmöglich zu melken, finde ich schwach – vor allem ohne Gegenleistung.

Keine Seltenheit: In der Allianz Arena spielten die Löwen häufiger vor weitgehend leeren Rängen.
Keine Seltenheit: In der Allianz Arena spielten die Löwen häufiger vor weitgehend leeren Rängen. © Imago

Über die Initiative "Freiheit 60" wurden bereits mehr als 140.000 Euro gesammelt, insgesamt ist von rund 200.000 Euro die Rede. Was sagt diese Spendenbereitschaft über die aktuelle Stimmung aus?
Dass die Leute endlich einen Kurs ohne Ismaik wollen und bereit sind, mit anzupacken. Das macht diesen Verein aus. Wenn dieser Weg klar ist, kann daraus auch wieder eine ganz neue Euphorie entstehen.

Anzeige für den Anbieter Instagram über den Consent-Anbieter verweigert

Gibt es einen Punkt, an dem selbst treue Anhänger nicht mehr mitgehen würden?
Wenn Ismaik bleibt, muss man sehr tief in sich gehen und sich fragen, wie sehr man dieses Konstrukt noch unterstützen kann. Ich würde dann vor das Stadion gehen und zu Demonstrationen aufrufen. Das wäre nicht mehr mein Sechzig.

Niederlechner und Volland? "Wenn sie auch in der Regionalliga bleiben, sind sie absolute Legenden"

Florian Niederlechner und Kevin Volland sind als Identifikationsfiguren zurückgekommen. Hatte man sich mehr von ihnen versprochen?
Ja, sportlich auf jeden Fall. Aber zu einer Aufstiegssaison gehören mehr als zwei Spieler. Für ihren Schritt zurück zu Sechzig gebührt ihnen Respekt. Jetzt können sie ihre Liebe zu unserem Klub zeigen. Wenn sie auch in der Regionalliga bleiben, sind sie absolute Legenden unter den Fans.

Kevin Volland und Florian Niederlechner.
Kevin Volland und Florian Niederlechner. © IMAGO/Maximilian Koch

Glauben Sie wirklich, dass sie bleiben?
Bei den beiden halte ich das für realistisch. Sie sind bewusst zum Karriereende zurück zu Sechzig gegangen. Wenn der Verein sie jetzt braucht, können sie zeigen, wie sehr sie Löwen sind.

Kann 1860 langfristig erfolgreich sein, ohne die Stadionfrage zu lösen?
Nein. Die vorgestellten Stadionpläne sind traumhaft. Sie wurden bei der Mitgliederversammlung vorgestellt. Ich kenne aus Argentinien diese Stadien im Viertel als Zentrum der Community. Wenn wir in Giesing einen solchen Treffpunkt schaffen können, als Erweiterung der Tegernseer Landstraße, wäre das genial. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl: Dann hätte Sechzig wieder eine Zukunft.

Was müsste sich in den nächsten zwölf Monaten ändern, damit Sie optimistisch auf die Zukunft blicken?
Wir müssten ohne Investor sein. Am liebsten mit der Aussicht, das Stadion in Erbpacht zu bekommen, damit wir dort Geld verdienen können. Danach müsste man den Mitgliedern verschiedene Zukunftsoptionen vorstellen und darüber abstimmen lassen. Utopie, ich weiß. (lacht)

Wenn in zehn Jahren eine Dokumentation über die Ismaik-Ära bei 1860 erscheint: Wie lautet der Titel?
"Das größte Missverständnis des deutschen Fußballs" – oder noch besser: "Das Investorenmärchen". Beide Titel sind gut. Und beide Dokumentationen würde ich mitproduzieren.

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