"Nicht gut, Kinder zu FC-Bayern-Fans zu erziehen": Pearce stichelt vor dem Stadtderby gegen den Rivalen

AZ: Herr Pearce, Sie sind Comedian und Anhänger des TSV 1860. Wie viel Humor braucht es aktuell, um Löwen-Fan zu sein?
SIMON PEARCE: Ich brauche auf jeden Fall mehr Humor, als auf der Bühne. (lacht) Das war natürlich nur ein Spaß. Aber klar, ein bisschen Humor braucht man schon. Und ich bin auf der Bühne sehr selbstironisch, deshalb kann ich die blöden Sprüche von den Bayern-Fans ertragen.
In Stadtderbys in der Bundesliga war mehr Leidenschaft im Spiel
Am Sonntag steigt auf Giesings Höhen das Spiel zwischen Ihrem Herzensklub und dem FC Bayern II. Ist es für Sie ein echtes Lokalderby?
Auf dem Papier steht Sechzig gegen den FC Bayern. Entsprechend hätte ich schon gerne die drei Punkte auf unserer Seite. Aber es ist nicht das gleiche Lokalderby wie früher. Ich habe viele Spiele zwischen den Löwen und den Bayern im Stadion gesehen. Da war mehr Emotion und ich sag mal Leidenschaft im Spiel. Zum Beispiel, als sich Werner Lorant mit Mario Basler angelegt hat. Oder auch, als Jens Jeremies zu den Bayern ging und im April 2000 mit seinem Eigentor für den 2:1-Derbysieg für uns sorgte. Das waren schon krasse Momente.
Als Sechzig-Fan muss man leider immer in der Vergangenheit reden, wenn es um Siege gegen die Bayern geht.
Waren das zugleich Ihre prägendsten Derby-Momente?
Sie gehören auf jeden Fall dazu. Ich war gerade erst 13 Jahre alt, als Sechzig 1994 in die Bundesliga aufgestiegen ist und ich war regelmäßig im Stadion. Zu dieser Zeit gab es genau diese Lokalderbys. Als Sechzig-Fan muss man leider immer in der Vergangenheit reden, wenn es um Siege gegen die Bayern geht. Und an den beiden Derbysiegen in der Saison 1999/2000, da hangeln wir uns halt jetzt noch dran.

Vater von Pearce war Hardcore-Löwe
Was macht den Zauber dieses Spiels aus, wenngleich es nur in der Regionalliga ist?
Zauber ist ein großes Wort für dieses Spiel. Das ist ganz weit weg von Harry Potter. Es sind eher Taschenspielertricks aus der Fußgängerzone am Marienplatz. (lacht) Spaß beiseite. Es ist natürlich weiterhin ein Spiel, in dem Vereine mit einem großen Namen gegeneinander spielen. Es werden ein bisschen Zweitligagefühle aufkommen. Und klar ist auch: Wenn man das Derby verliert, weiß man, dass man sich danach wieder die ganzen Sprüche anhören muss. Ich will also schon, dass wir die kleinen Bayern weghauen, damit eine Ruhe ist.
Ich will also schon, dass wir die kleinen Bayern weghauen, damit eine Ruhe ist.
Wann haben Sie diese Rivalität zwischen dem FC Bayern und dem TSV 1860 erstmals gemerkt?
Ich habe die schon vor meinem ersten Stadionbesuch gemerkt, weil mein Vater ein Hardcore-Löwe war. Ich weiß noch: Als die Bayern 1999 das Champions-League-Finale gegen Manchester United verloren haben, da war ich 17 Jahre alt, da hat er danach einen Champagner aufgemacht. (lacht)

Pearce war in Puchheim einer von wenigen Löwen-Fans
Die Rivalität wurde Ihnen also von Ihrem Vater vorgelebt.
Absolut. Und ich war auch in Puchheim gefühlt der einzige Sechzig-Fan. Ich musste mir dann meistens nach den Lokalderbys die blöden Sprüche anhören. Deswegen war die Genugtuung auch so groß, wenn wir gegen die Bayern gewonnen haben. Und als wir dann noch die beiden Derbys gewonnen haben, war es noch viel krasser. Da konntest du es dann mal allen in der Schule reindrücken.
Ich musste mir dann meistens nach den Lokalderbys die blöden Sprüche anhören.
Sie hatten also eine schwere Schulzeit als Löwen-Fans?
Die war es ohnehin. Gefühlt die einzige schwarze Familie in Puchheim und dann noch Löwen-Fan. Wir haben es uns wirklich nicht leicht gemacht. (lacht)
Lokalderby wird laut Pearce "künstlich aufrechterhalten"
Wie würden Sie die Rivalität zwischen beiden Vereinen beschreiben?
Sie ist immer präsent. Aktuell wird sie eher auf der Fan- und Präsidiumsebene ausgetragen. Man muss sie also auch ein bisschen künstlich aufrechterhalten, weil es zum sportlichen Kräftemessen ja nur noch selten kommt. Aber ich bekomme tatsächlich Mails von Löwen-Fans, wenn ich ein rotes T-Shirt in einer Show anhabe. Die schreiben dann: "Jetzt muss ich schon mal nachfragen, ob du ein Löwe bist? Warum hast du denn im Fernsehen ein rotes T-Shirt an?" (lacht) Soweit geht bei mir die Rivalität nicht, zumal ich generell kein Typ für Hass und Häme bin. Ich lasse die Bayern machen und schaue auf die Löwen. Auch weil wir aktuell von vier Ligen Unterschied reden. Es sind schon fast zwei unterschiedliche Sportarten, die da betrieben werden. (lacht)
Es sind schon fast zwei unterschiedliche Sportarten, die da betrieben werden.
Warum hat es Sie nie zum FC Bayern gezogen?
Das kam für mich nie infrage. Ich finde es auch nicht gut, Kinder zu Bayern-Fans zu erziehen. So blöd es klingt: Dadurch, dass ich meinen Sohn zum Löwen-Fan erziehe, weiß er im späteren Leben, dass es dazugehört, auch mal zu verlieren. Gleichzeitig ist die Freude bei Erfolgen dann auch viel größer. Es prägt also auf jeden Fall den Charakter.

Sohn von Pearce bekommt Sprüche von anderen Vätern reingedrückt
Was bedeutet es für Sie, Fan der Löwen zu sein?
Man muss viel leiden und aushalten können. Man bekommt wirklich viele blöde Sprüche reingedrückt. Und das nicht nur wegen des Sportlichen, sondern auch weil sich der Klub über viele Jahre nie hervorgetan hat, eine gute Außendarstellung zu haben. Manchmal gehen mir da schon die Argumente aus, warum ich einer von den Löwen bin. Aber diese Liebe zum Verein kann man nicht erklären. Sie ist unabdingbar. Das ist auch schwer, es meinem sechsjährigen Sohn klarzumachen. Als ich mit ihm zum Löwen gegangen bin, hat er noch nicht verstanden, was Ligen sind. Ihm wurden dann auch von anderen Vätern – und das finde ich schon krass, weil ich es andersherum nie erlebt habe – spaßeshalber blöde Sprüche reingedrückt. Dann kam er mal nach Hause und meinte: "Geh Papa, Sechzig ist besser als die Bayern?" Und dann war ich so: "Hmm, wie soll ich dir das erklären. (lacht) Sechzig ist anders."
Ich hatte ihn dann oft auf dem Arm und habe ihn in die Luft geworfen.
Wie haben Sie ihm erklärt, dass Sechzig anders ist?
Ich habe es über die Leidenschaft erklärt, die den Verein ausmacht. Da ist es halt auch einfach geil, dass wir wieder in Giesing spielen. So kann ich ihm zeigen, wie sehr die Menschen hier im Viertel ihren Verein lieben. Auch im Stadion konnte ich ihn das gerade bei knappen Siegen erklären. Ich hatte ihn dann oft auf dem Arm und habe ihn in die Luft geworfen. Er hat da meine Endorphine abbekommen. So zünde ich ihn an. Mittlerweile kennt er alle Spieler aus der aktuellen Mannschaft. Auch letzte Saison kannte er viele, weil sie noch im Videospiel EA FC dabei waren. Jetzt ist Sechzig da gar nicht mehr dabei. Deswegen werde ich ihm das aktuelle Fifa auch nicht installieren. Sonst wüsste ich nicht, wie ich ihm erklären soll, dass Sechzig am aktuellen Spielbetrieb noch teilnimmt. (lacht)

Vorfreude auf das Stadtderby ist groß
Wenn wir zurück auf das Spiel am Sonntag blicken. Wie sehr britzelt es bei Ihnen, wenn Sie an das Spiel gegen den FC Bayern II denken?
Doch schon. Bei mir britzelt es immer spätestens auf dem Weg ins Grünwalder Stadion. Das ist dann auch unabhängig vom Gegner. Ich bin da einfach immer gespannt, wie das Spiel wird, und auch, wie die Stimmung in Giesing ist.
Ich glaube, nach Bayreuth wird das Spiel gegen die Bayern dann schon Dauerthema in Giesing sein.
Wie nehmen Sie die Stimmung vor dem Spiel in Giesing wahr?
Total positiv. Die Vorfreude ist schon groß, wobei das Wort "Derby" noch nicht allzu oft fiel. Wir denken von Spiel zu Spiel. Ich glaube, nach Bayreuth wird das Spiel gegen die Bayern dann schon Dauerthema in Giesing sein.
Pearce hat Angst vor juristischem Nachspiel für den TSV 1860
Für viele Fans ist es das erste Derby in Freiheit nach diesem turbulenten Sommer. Wie sehen Sie das?
Für mich ist es die Saison nach der Freiheit. Es ist irgendwie schon besonders, auch wenn ich noch immer ein bisschen skeptisch bin, was die endgültige Freiheit betrifft. Ich habe schon noch ein bisschen Angst, dass es noch ein juristisches Nachspiel gibt. Aber diesen neuen Spirit finde ich schon super. Ich finde es total bewundernswert, dass sich die Fans nach dem nächsten krassen Rückschlag nicht abwenden, sondern es immer mehr Mitglieder werden und so viele Dauerkarten verkauft wurden. Es gibt mehr Unterstützer als je zuvor. Das ist verrückt. Das unterstelle ich jetzt einfach den Bayern mal, dass das bei ihnen nicht passieren würde. Wir werden es bei ihnen zwar nie erleben, weil die eine ganz andere Arbeit leisten, aber das ist bei uns schon einmalig.
Ich war für zwei Stunden komplett leer und habe mich gefragt: Was ist denn hier los?
Wie sehr hat Ihr Löwen-Herz geblutet, als feststand, dass der Verein wieder in die Regionalliga muss?
Erstmal war es schon ein Schock. Ich war für zwei Stunden komplett leer und habe mich gefragt: Was ist denn hier los? Aber mein Lebensmotto ist: "Es hilft ja nichts." Das passt halt super zum Löwen. Warum sollte ich mich also aufregen? Ich weiß eh, dass ich von diesem Verein nicht wegkomme. Also habe ich das Beste daraus gemacht. Ich habe dann erstmal gespendet und war gespannt, wie der Rest der Fanszene die neue Situation annimmt. Das war ja wirklich überwältigend, welcher Zusammenhalt da entstanden ist. Das hat die Situation geiler gemacht. Da kann man als Löwen-Fans, wenn man wieder einen Spruch abbekommt, der darauf abzielt, was aktuell los ist, antworten: "Schau mal, was hier los ist. Wir sind wirklich am Arsch und die Leute stehen auf und holen zum Teil ihren letzten Groschen aus der Hosentasche, um ihn in den Verein zu stecken."

Pearce will mit seinem Sohn ins Stadion gehen
Wie wird Ihr Derby-Tag aussehen?
Ich werde wahrscheinlich mit meinem Sohn ins Stadion gehen. Es wird sein erstes Derby im Grünwalder. Deshalb werden wir davor wohl nicht noch in eine Boazn gehen, sondern direkt zur Silberhornstraße fahren und einmal durch das Viertel laufen, um einzuatmen, was dort passiert. Mit einem alkoholfreien Bier geht es dann ab in den Block. Ich habe mittlerweile auch wieder eine Dauerkarte in der Westkurve, nachdem ich die letzten Jahre immer in der Stehhalle war. Da ist auch ein Kumpel von mir, der auch mit seinem Sohn geht. Dann können die beiden Jungs, nachdem sie all ihre Wut herausgeschrien haben, Pfandbecher sammeln und direkt wieder in den Löwen refinanzieren. (lacht)
Ich habe mittlerweile auch wieder eine Dauerkarte in der Westkurve.
Ein klarer väterlicher Auftrag.
Ja, da bin ich streng. (lacht)

Pearce hat eine Dauerkarte in der Westkurve
Zu welcher Gattung Fan gehören Sie eigentlich? Zu den Grantlern, den Andächtigen oder den Schiedsrichterpöblern?
Ich bin eine Kombination aus allen Gattungen. Ich bin da schon angespannt und kann auch mal schimpfen. Manchmal platzt es einfach aus mir raus, wenn die Jungs wieder mal fünf Fehlpässe in Folge spielen. Aber ansonsten bin ich eher ruhig. Mit fast 40 Jahren ist auch die Gefahr da, dass man sich etwas verreißt. (lacht) Ich unterstütze die Löwen auch, wenn sie hinten liegen. Zu pfeifen bringt ja nichts, das sagen die Jungs immer wieder. Wir werden zwar gegen die Bayern nicht hinten liegen, aber ich wollte mal ins Reich der Fantasie gehen. (lacht)
Da muss ich dann erstmal wieder ein paar Kilo GeloRevoice nehmen.
Kommt es vor, dass Sie ohne Stimme vom Stadion nach Hause gehen?
Ich feuere die Mannschaft schon lautstark an. Deswegen habe ich mir jetzt auch wieder eine Karte in der Westkurve gekauft. Das ist schon geil, da mitzuschreien, auch wenn die Stimme danach zurück in die Pubertät rutscht. (lacht) Da muss ich dann erstmal wieder ein paar Kilo GeloRevoice nehmen.
Comedien hofft auf Mölders Gedächtnisrausch bei Niederlechner
Die Löwen gehen tabellarisch als Favorit in das Spiel.
Der Löwe geht in der Regionalliga generell als Favorit vor die Türe.
Unser Manko ist wirklich die Chancenverwertung und die Verteidigung in den letzten 15 Minuten.
Wie zufrieden sind Sie bisher mit den Auftritten der Löwen?
Unser Manko ist wirklich die Chancenverwertung und die Verteidigung in den letzten 15 Minuten. Wir verschenken so viele Punkte in der Schlussphase, obwohl wir dafür eigentlich total überlegen sind. Aber grundsätzlich muss man halt auch sagen, dass die Spieler erst sehr spät zusammenkamen und viele noch sehr jung sind. Die müssen auch erst einmal in der Regionalliga ankommen. Das gilt auch für unsere Alten, wie Tunay Deniz und Dennis Dressel. Auch der Florian Niederlechner. Man muss sich das mal vorstellen: Der hat vor zwei Jahren noch in der 2. Bundesliga gespielt. Das ist eine Umstellung. Jetzt fängt er immer besser an zu treffen und ich hoffe, dass er sich in einen kleinen Mölders Gedächtnisrausch schießt.

Pearce würde Derbyniederlagen gegen Aufstieg eintauschen
Glauben Sie an einen Aufstieg in dieser Saison?
Ich bin ein Hans-guck-in-die-Luft. Ich glaube immer an das Beste. Selbst in der 93. Minute glaube ich noch daran, dass wir ein 0:2 noch drehen können. (lacht) Entsprechend glaube ich auch an den Aufstieg.
Wäre Ihnen das lieber als ein Derbysieg?
Ich hänge das Derby nicht allzu hoch. Mir ist die Gesamtsaison wichtiger. Wenn ich mich also entscheiden könnte, würde ich zwei Derbyniederlagen und den Aufstieg nehmen. Aber der Sieg gegen die Bayern wäre natürlich dahingehend wichtig, dass eine Ruhe in der Stadt einkehrt.
Lachen ist gesund – und besonders wichtig, wenn man Löwenfan ist. So wie Comedian und Schauspieler Simon Pearce (45). Für die Premiere der neuen Interview-Reihe "Talk bei distorted people – das AZ-Interview" hat sich Sportreporter Kilian Kreitmair (l., Fotos: Ben Sagmeister) mit dem bekennenden Sechzger zum launigen Derby-Gespräch im Flagship-Store des Münchner Mode-Labels getroffen.

Dort nahe der Reichenbachbrücke in der Auenstraße gehen die Stars ein und aus. Bastian Schweinsteiger, Lennart Karl oder auch Simon Pearce gehören zu den prominenten Kunden von AZ-Partner distorted people.