Ist 1860 untrainierbar?

Fans und Verantwortliche diskutieren wieder mal, ob die Löwen-Krise am Coach liegt – oder an den Spielern. Hier sagen Kurz’ Vorgänger ihre Meinung.
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„Die Erwartungshaltung ist auf den Nullpunkt gesunken“: Marco Kurz darf trotz einer Negativ-Bilanz von nur zwei Siegen in 19 Spielen weitermachen beim TSV 1860.
sampics/Augenklick „Die Erwartungshaltung ist auf den Nullpunkt gesunken“: Marco Kurz darf trotz einer Negativ-Bilanz von nur zwei Siegen in 19 Spielen weitermachen beim TSV 1860.

Fans und Verantwortliche diskutieren wieder mal, ob die Löwen-Krise am Coach liegt – oder an den Spielern. Hier sagen Kurz’ Vorgänger ihre Meinung.

MÜNCHEN Als ob der Job von Marco Kurz nicht schwer genug wäre. Der Mann ist schließlich 1860-Chefcoach: An diesem Posten sind schon gestandenere Trainer als Kurz (39) verzweifelt. Nun also steht er nach dem Zweitliga-Fehlstart in der Kritik. Er wird von Fans angefeindet, selbst 1860-Präsident Rainer Beeck macht ihm Druck (AZ berichtete), am Sonntag bei Aufsteiger Ahlen (14 Uhr) soll unbedingt ein Sieg her. Schwierig, das alles. Und unschön.

Aber trägt vor allem Kurz die Schuld an der Misere? Sind die Löwen, die so viele Übungsleiter verschlissen haben, womöglich gar untrainierbar? Die AZ hat Menschen befragt, die darauf eine Antwort haben sollten: die Ex-Trainer.

Reiner Maurer (48, Trainer des griechischen Zweitligisten Zweitligisten Kavala): „1860 ist alles andere als ein untrainierbarer Verein – aber ein Klub, der wie eine Champions-League-Mannschaft beäugt wird. Wie der 1. FC Köln. Das macht es nicht leicht“, sagt der Ex-Coach, der von Dezember 2004 bis Januar 2006 die Löwen trainierte. Der Ex-Profi, einer der Aufstiegshelden von 1994, musste als Coach gehen, als die Löwen nach einem 0:0 im Heimspiel gegen LR Ahlen Platz vier der Zweiten Liga belegten.

Maurer hätte damals gerne diese Geduld in Anspruch genommen, die er nun Kurz entgegengebracht sieht: „Viele haben sich gewundert, dass Marco weitermachen durfte nach dieser Rückrunde, auch ich. Mittlerweile ist die Erwartungshaltung bei 1860 auf den Nullpunkt gesunken. Das finde ich bedenklich und nicht nachvollziehbar. Alle Trainer nach mir hatten es einfacher bei 1860. Ich hatte mit schwierigen Typen zu arbeiten wie Lehmann oder Agostino. Aber Spieler wie Bierofka sind ja leicht zu führen.“

Walter Schachner (51, Trainer des österreichischen Zweitligisten Admira Wacker): In seiner Heimat Österreich gehört er zu den Helden von Cordoba, bei 1860 in die Reihe der gescheiterten Trainer. Offenbar kränkt ihn das. Er möchte der AZ kein Statement geben. Ehefrau Conny sagt am Handy: „Meinen Mann interessiert 1860 nicht mehr, er möchte dazu nichts mehr sagen. Lassen Sie uns in Ruhe.“ Dann legt sie auf.

Der ehemalige Nationalstürmer (13 Monate bei 1860) hat sich bei den Löwen missverstanden gefühlt: „Wir sind ja hier die kleinen Österreicher irgendwo. Obwohl ich bei einem österreichischen Sieg über Deutschland dabei war.“ Cordoba eben. Das war 1978.

Peter Pacult (48, Trainer von Österreichs Meister Rapid Wien): „Schwer? Nein, schwer ist 1860 nicht zu trainieren. Auch ein Werner Lorant hatte Probleme bei 1860, das wird immer vergessen“, meint der Ex-Trainer, der im März 2003 nach einem 0:7 in Berlin auf Platz acht der Bundesliga entlassen wurde. „Ich weiß bis heute nicht, warum ich gehen musste“, sagt Pacult. „Ich fühle mich heute noch als Bauernopfer. Eines ist Fakt: Nach mir stand kein Trainer mehr besser da mit 1860.“ Sein Tipp: „Talente sind gut, aber Marco soll sich mal unsere Aufstiegsmannschaft von 1994 anschauen. Wir waren viel älter.“

Gerald Vanenburg (44, vereinslos): „1860 ist ein Super-Verein, ich habe dort gerne als Spieler und Trainer gearbeitet. Meine Zeit war damals schwer und viel zu kurz.“ Der Niederländer ist eingesprungen, als die Löwen 2004 gegen den Bundesliga-Abstieg gekämpft haben. Erfolglos. Dass die Löwen inzwischen in der 2.Liga verkümmern, erstaunt den Europameister von 1988: „Zwei Jahre hätten reichen müssen, um wieder aufzusteigen. Das erste, um sich zu finden, im zweiten hätte man angreifen müssen.“ Das Argument, dazu sei das Budget zu klein, mag er nicht gelten lassen: „Viele denken, dass Qualität immer Geld kostet. Stimmt nicht, das ist nur Alibi.“

Falko Götz (46, vereinslos): Ähnlich wie bei Schachner ist seine Amtszeit von geringer Nachhaltigkeit. Und ähnlich wie Schachner wirkt Götz indigniert: „Ich will mich in keinster Weise zu 1860 äußern. Fragt die anderen Ex-Trainer, die auch schon zu meiner Zeit die tollen Interviews gegeben haben. Ich sage nur so viel: Ich glaube, dass Marco Kurz einen guten Job macht mit den Möglichkeiten, die er zur Verfügung hat.“

Rudi Bommer (51, Trainer des MSV Duisburg): Der Ex-Nationalspieler sollte 1860 wieder nach oben führen, doch schon nach 15 Spielen war Ex-Präsident Karl Auer mit der Geduld am Ende. „Ich wäre damals gerne geblieben“, sagt Bommer, „die Löwen liegen mir am Herzen. Aber wir hatten nach dem Abstieg einen Umbruch, mussten 13 neue Spieler holen – mit der Zielsetzung Wiederaufstieg.“ Dass 1860 nun Letzter ist, wundert Bommer: „Ich habe vor der Saison gedacht, 1860 spielt heuer eine andere Rolle, weil sie sehr viele Junge haben, die schon ein Jahr in der Zweiten Liga ihren Mann gestanden haben. Dazu die Neuen Lauth und Beda.“

Bommer rät: „Man muss nach zwei Spielen ein bisschen Geduld haben. Die Verantwortlichen müssen sehen, wie auf dem Trainingsplatz gearbeitet wird. Ich gehe aber davon aus, dass die Löwen noch die Kurve kriegen.“

Hoffen bleibt erlaubt.

Oliver Griss, Reinhard Franke

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