Hofmann, der Bergtourist

Der Torwart, im 14. Jahr Profi bei 1860, hat unter Trainer Lienen ausgedient. Er weiß das längst. Bald will er ins Tor der Regionalliga-Mannschaft – und alle Löwen-Spiele als Fan im Stadion sehen
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"Ich bin Realist genug, um meine Situation richtig einzuschätzen." Michael Hofmann ist im Trainingslager nur mehr eine Randerscheinung.
M.i.S./Bernd Feil "Ich bin Realist genug, um meine Situation richtig einzuschätzen." Michael Hofmann ist im Trainingslager nur mehr eine Randerscheinung.

ST. JOHANN - Der Torwart, im 14. Jahr Profi bei 1860, hat unter Trainer Lienen ausgedient. Er weiß das längst. Bald will er ins Tor der Regionalliga-Mannschaft – und alle Löwen-Spiele als Fan im Stadion sehen

Es war neulich beim Testkick in Kirchanschöring gegen Lech Posen (0:1), als Michael Hofmann mal wieder nicht gebraucht wurde. Also setzte er sich im Jogginganzug lässig neben drei ältere Herren auf eine Holzbank und sprach mit ihnen über seine neue Rolle beim TSV 1860. „Ich bin jetzt der Mann für die Notfälle“, sagte Hofmann und lachte dabei. Ziemlich gequält klang das freilich.

Es brodelt in Hofmann. Der 36-Jährige fühlt sich im 1860-Trainingslager im österreichischen St. Johann – auch wenn er's nicht offen zugeben kann – irgendwie als Bergtourist, als Profi zweiter Klasse. Er sagt: „Ich werde um meine Chance kämpfen, aber ich bin Realist genug, um meine Situation richtig einzuschätzen.“ Und die ist derzeit alles andere als motivierend für den ehrgeizigen Franken: Hofmann ist hinter dem Ungarn Gabor Kiraly (33), der bei Trainer Ewald Lienen als gesetzt gilt, und Nachwuchskeeper Philipp Tschauner (23) nur noch die Nummer drei.

Hofmann, der Rekord-Löwe (seit 1996 im Klub) und einst gefeierter Stammtorwart, ist ausrangiert. Für ihn ist das eine völlig neue Situation: „Ich war noch nie aus Leistungsgründen nicht im Kader, außer die ersten zwei Jahre als Vertragsamateur bei 1860. Es ist klar, dass Gabor Kiraly beim Pokalspiel in Paderborn (1. August, d. Red.) zwischen den Pfosten steht."

Hofmann erfreut sich nun schon an den Kleinigkeiten, wenn er im Training mal wieder einen Ball aus dem Winkel fischt und dafür Applaus von den Kiebitzen bekommt. Das baut ihn auf.

Nur kurzzeitig hat Hofmann, dessen Vertrag im Mai um eine Saison verlängert worden ist, in der Sommerpause darüber nachgedacht, den Verein nach 13 Jahren zu verlassen. „Aber was bringt es“, sagt er, „wenn ich für ein Jahr 1860 verlasse und dann vielleicht einen Job nach der Karriere bei den Löwen nicht mehr annehmen kann?“

Diese vage Perspektive lässt ihn stillhalten. Hofmann würde sich künftig sogar ohne Murren ins Tor der U23 stellen, die in der Regionalliga spielt. „Mit mir hat zwar deswegen noch keiner geredet“, sagt er, „aber es wird sich schon irgendeine Lösung finden.“ Als Leit-Löwe in der Vierten Liga? Ein leiser Abschied für einen, dessen Leistung (14 Jahre Profi bei 1860) wohl ein Rekord für die Ewigkeit in den Löwen-Geschichtsbüchern sein wird. „Darauf bin ich auch unglaublich stolz“, sagt Hofmann, „vielleicht schaffe ich ja noch ein 15. Jahr. Fit genug wäre ich.“

Sollte Hofmann auch bei den 1860-Amateuren nicht im Tor stehen, falls ihm der talentierte Nachwuchs vorgezogen wird, dann hat er eine andere Idee: Er will dann als Tourist zu den Zweitliga-Spielen der Löwen reisen, egal ob nach Augsburg oder Fürth. Zur AZ sagt Hofmann: „Wenn ich nicht im Profi-Kader stehe, werde ich versuchen, alle Spiele live im Stadion zu sehen.“ Egal ob in Paderborn oder Augsburg. Der Torwart als Fan in die Kurve: Hofmann ist trotz allem noch ein Vollblut-Löwe.

Oliver Griss

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