Grünwalder Stadion: Das Rathaus ist sich einig – was heißt das jetzt für den TSV 1860?
Überall im Land klagen die Städte über ihre Finanzlage und fehlende Unterstützung aus Berlin. Das ist im reichen München so – und erst recht im armen Kiel ganz im Norden der Republik.
Doch bei einem Thema sind die Kieler weiter. Vor wenigen Tagen verkündeten sie einen Stadion-Neubau für den Fußballklub Holstein Kiel. Der spielt seit 2017 in der Zweiten, vorübergehend sogar in der Ersten Bundesliga in seinem 17.000-Zuschauer-Stadion. Und bekommt nun einen hochmodernen Neubau mit einer Kapazität von 22.000 Plätzen. 75 Millionen soll das Ganze kosten, 30 davon sind aus Steuergeld zugesagt. Baubeginn: schon nach Ende dieser Saison.

In Giesing, wo seit vielen Jahren Dritte Liga vor 15.000 Fans gespielt wird, könnte sogar noch mehr möglich sein als die Kieler 22.000. 25.000 peilen die Löwen an – und OB Dieter Reiter (SPD) hat kürzlich in der AZ erklärt, dass das sogar seine „Lieblingslösung“ wäre – wenn Sechzig den Umbau mit einer Erbpacht selbst stemmen könnte. Reiter hat das Thema zur Chefsache gemacht, gibt sich zuversichtlich, betont, selbst Kontakt zum Präsidenten zu pflegen – und dass bei den Löwen endlich Vereins- und Investorenseite mit einer Stimme sprächen.
Zukunft des Sechzgerstadions: Das sind die Haken
Klingt alles ganz gut. Doch die Zeit drängt. Und es gibt, wie eh und je, natürlich noch einige Haken. Ein wesentlicher ist die Frage, ob Sechzig eine Finanzierung gestemmt bekommt. Selbst absolut optimistische Giesinger Stadion-Freunde schauen durchaus skeptisch drein, wenn man sie hinter vorgehaltener Hand fragt, ob sie sicher sind, dass Präsident Gernot Mang innerhalb weniger Monate einen soliden Finanzplan für das Mega-Projekt organisiert bekommen kann.
Ein zweiter Haken: Reiter kann fraglos eine zentrale Rolle für den Fortschritt des Projekts spielen. Am Ende aber entscheidet nicht er, sondern der Stadtrat – und der muss erstens sparen und wird zweitens im März neu gewählt. Künftige Mehrheitsverhältnisse: sehr unklar.
Die AZ hat bei den Fraktionen von CSU, SPD, Grünen, ÖDP, FDP-Bayernpartei und Linken nachgehakt, wie sie zu Reiters Vorschlag stehen, was mit dem Stadion passieren soll, wenn sich Stadt und Sechzig nicht einigen können – und, ob sie den Fans versprechen können, dass ihre Haltung sich nicht nach der Wahl plötzlich ändert.
Was die Fraktionen im Rathaus sagen: Der große AZ-Überblick
Reiters Erbpacht-Plan: Viel Zustimmung für den OB – keine einzige der angefragten Stadtratsfraktionen positioniert sich gegen die „Lieblingslösung“ Dieter Reiters. Vereinzelt klingen aber doch Kritikpunkte durch.
Grünen-Stadtrat Beppo Brem sagt, eine Erbpacht eröffne den Löwen „Spielräume, die wir als Stadt finanziell derzeit nicht haben“. ÖDP-OB-Kandidat Tobias Ruff sagt: „Natürlich wäre es super, wenn Sechzig endlich sein Stadion selbst in der Hand hätte und nicht davon abhängig wäre, ob die Stadtspitze bei der Sanierung spurt.“

Sei die Finanzfrage geklärt, würde er „sofort zustimmen“. Doch Ruff hat auch Zweifel. „Ich verstehe, warum der FC-Bayern-Fan Dieter Reiter diese Lösung präferiert“, ätzt er. „Sechzig muss alle Kosten und Risiken tragen und die Stadt wäre fein raus.“ SPD-Stadträtin Kathrin Abele sagt, ihre Fraktion fände die Erbpacht-Lösung „charmant“, sie könnte Planungssicherheit für alle Beteiligten schaffen.
Für die FDP-Fraktion spricht zu dem Thema Bayernpartei-Mann Richard Progl. Er ist überzeugt: „Wenn der TSV 1860 mehr Plätze als 18.000 benötigt, kann der Ausbau nur im Eigentum des Vereins erfolgen.“ CSU-Mann Manuel Pretzl betont, man trage eine Erbpacht-Lösung „gerne“ mit. Ganz überzeugt klingt er trotzdem noch nicht. „Auch in dieser Amtsperiode wurde schon oft eine Entscheidung versprochen und passiert ist dann nichts.“
Fokus liegt auf Erbpacht
Was passiert, wenn sich Stadt und Löwen im nächsten Jahr nicht einigen? Da geben sich fast alle im Rathaus demonstrativ optimistisch. Man fokussiere sich jetzt auf die Erbpacht, sagt etwa der Grüne Brem. „Bevor wir gleich über ein Scheitern reden.“
Auch aus der SPD heißt es, man gehe davon aus, dass es klappt. Und wenn nicht? Dann will man von Bayernpartei bis Linke und SPD das Stadion als Dritt- und Viertligastadion erhalten. Interessant: Zum eigentlich vom Stadtrat grundsätzlich vor Jahren beschlossenen Ausbau auf 18.000 überdachte Plätze inklusive Logen bekennt sich nur die CSU explizit.
Und selbst dort heißt es: „Man muss aber ehrlich sagen, dass das derzeit schwierig zu finanzieren wäre, weil die Stadt nach sechs Jahren grün-roter Stadtregierung in einem desolaten Finanzzustand ist.“ Pretzl verweist da auch auf einen öffentlich noch nicht beachteten Aspekt: „Bislang sind die notwendigen 40 bis 60 Millionen Euro noch nicht mal in der mittelfristigen Finanzplanung der Stadtregierung enthalten.“ Das darf man dann wohl so deuten, dass ein ernsthafter profitauglicher Aus- und Umbau des Stadions durch die Stadt in sehr, sehr weite Ferne gerückt ist.
"Sechzig ist die Seele Giesings, ja Münchens"
Besonders kämpferisch gibt sich ÖDP-Mann Ruff: „Für mich spielt das Sechzgerstadion in der gleichen Liga wie das Rathaus. Sechzig ist die Seele Giesings, ja Münchens. Alles muss für eine Lösung getan werden.“
Alles nur Wahlkampfgetöse? Große Versprechen im Wahlkampf – das kennen die Löwenfans seit Jahrzehnten. Die AZ hat die Fraktionen explizit gefragt, ob sich die Fans darauf verlassen können, dass sich an der Haltung zum Thema auch in der nächsten Legislaturperiode nichts ändert. „Ja“, antwortet CSU-Mann Manuel Pretzl kurz und klar. „Ja“, heißt es auch aus der SPD. Der Grüne Beppo Brem sagt: „Wir bleiben den Sechzgern treu, auch nach der Wahl.“ „Selbstverständlich“, heißt es bei den Linken. 2026 zeigt sich dann, wer Wort hält – und ob in Giesing in wenigen Jahren die Bagger anrollen. So wie bald in Kiel.





