Interview

Ex-Vize-Kapitän Jacobsen über sein Aus beim TSV 1860: "Zwei Stunden vor der Veröffentlichung erfahren"

Er war vergangene Saison Vize-Kapitän des TSV 1860: Thore Jacobsen spricht im AZ-Interview über den familiären Rückhalt nach seiner Verletzung, seinen Stand in der Reha und seine Nichtverlängerung.
Kilian Kreitmair |
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Wurde am Saisonende von Geschäftsführer Manfred Paula (links) beim TSV 1860 verabschiedet: Thore Jacobsen.
Wurde am Saisonende von Geschäftsführer Manfred Paula (links) beim TSV 1860 verabschiedet: Thore Jacobsen. © IMAGO

AZ: Herr Jacobsen, die wichtigste Frage zum Start: Wie geht es Ihnen? 
THORE JACOBSEN: Mir geht es sehr gut. Ich bin aktuell sehr happy. Ich habe viel Zeit, um mich um meinen Körper zu kümmern. Gleichzeitig kann ich auch viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen. Der Kontakt zu ihnen hat durch meine fußballerische Karriere natürlich in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Deswegen genieße ich die Auszeit, in der ich auch ein bisschen andere Prioritäten neben meinem Comeback setzen kann.

Jacobsen kann seit rund zwei Wochen wieder locker joggen

Sie wurden Ende Juni nach Ihrem Kreuz- und Innenbandriss operiert. Wie weit sind Sie mit der Reha? 
Nach meiner Verletzung habe ich mir noch viereinhalb Wochen Zeit genommen, weil ich eben noch einen Anriss des Innenbandes hatte. In der Zeit konnte ich in den Urlaub fliegen und, so gut es ging, den Kopf freibekommen, bevor die Operation war und die Reha losging. Dreieinhalb Monate nach meiner OP läuft jetzt alles fast besser, als ich es erwartet habe. Ich darf seit circa zwei Wochen wieder locker joggen und ein paar Übungen am Ball machen. Das fühlt sich für den Kopf schon sehr gut an, weil die ersten zwei, drei Wochen auf Krücken schon sehr zäh waren.

Sie wohnen weiterhin in München. Wie sieht der Alltag in der Reha aus?
Ich wollte in München bleiben, weil ich hier einfach mein privates Umfeld habe und auch eine super Reha-Praxis in Giesing von Oliver Schmidtlein. Dort fühle ich mich super aufgehoben. Ich bin dort von Montag bis Freitag vor Ort und habe immer rund drei bis vier Stunden Behandlungen oder Training. Am Wochenende habe ich dann auch mal Zeit, bei Spielen von meinen Freunden zuzuschauen oder den Kopf freizubekommen.

Auch wenn sich das vielleicht erstmal verrückt anhört, aber so einer Verletzung kann einem im Leben auch helfen.

Thore Jacobsen

Familie und Freunde traf die Verletzung schwerer 

Ihr Vertrag beim TSV 1860 wurde nicht verlängert, in Ihrem letzten Spiel dann diese schwere Verletzung. Wie schwer war es, das mental zu verarbeiten? 
Es war zunächst schon schwer, das anzunehmen. Aber ich war relativ schnell im Kopf so weit, dass ich mir gedacht habe: Ich muss weitermachen, weil ich Profispieler bleiben will. Ich habe das schon einmal geschafft. Nach der ersten Kreuzbandverletzung habe ich mehr oder weniger die beste Saison meiner Karriere gespielt. Warum also nicht wieder? Ich hatte eher das Gefühl, dass es meine Freunde und meine Familie mehr getroffen hat, als mich persönlich. Auch wenn sich das vielleicht erstmal verrückt anhört, aber so eine Verletzung kann einem im Leben auch helfen.

Was hat Ihnen geholfen, die Negativerlebnisse zu verarbeiten? 
Meine Familie, meine ganz engen Freunde und meine Freundin haben sich wirklich gut um mich gekümmert. Gerade in der Zeit kurz nach der Operation, in der alles noch sehr schwer war. Da war selbst das Duschen oder der Gang aufs Klo schon eine sehr große Herausforderung. Da kann ich mich sehr glücklich schätzen, so ein tolles Umfeld zu haben.

Zog sich in seinem letzten Spiel für den TSV 1860 eine Horror-Verletzung zu: Thore Jacobsen.
Zog sich in seinem letzten Spiel für den TSV 1860 eine Horror-Verletzung zu: Thore Jacobsen. © IMAGO

Spieler erfuhren zwei Stunden vor Veröffentlichung von Vertrags-Aus

Sie wollten damals das Toto-Pokalfinale gegen die Würzburger Kickers unbedingt noch bestreiten. Warum?
Ich wusste, dass mein Weg beim TSV 1860 endet. Wir hatten auch zuvor die beiden Ligaspiele verloren, in denen ich verletzungsbedingt nicht auf dem Platz stand. Deswegen wollte ich in diesem Moment einfach nochmal das letzte Spiel genießen. Ich hätte den Toto-Pokal sehr gerne mit Sechzig gewonnen, damit das positiv in Erinnerung bleibt.

Schon zuvor kommunizierte der Verein, zusammen mit dem anderer Leistungsträgern, Ihren Abschied. Wie überraschend kam der für Sie? 
Uns war innerhalb der Mannschaft klar, dass nicht alle Verträge verlängert werden können. Das ist normal im Fußballgeschäft. Nichtsdestotrotz finde ich, dass man es mit den Spielern hätte anders kommunizieren können. Man hätte im Vorhinein Gespräche mit uns Spielern oder den Beratern führen können, damit man einfach weiß, woran man ist. Deswegen war es schon für einige Spieler ein Schlag ins Gesicht. Auch war der Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht optimal. Wir haben rund zwei Stunden vor der Veröffentlichung von der Nichtverlängerung erfahren.

Wir haben rund zwei Stunden vor der Veröffentlichung von der Nichtverlängerung erfahren.

Thore Jacobsen

Teamkollegen schickten Genesungswünsche an Jacobsen 

Gab es inzwischen ein Gespräch zwischen Ihnen und dem TSV 1860, in dem Ihnen die Vertragsentscheidung erklärt wurde? 
Sie haben es mir damit erklärt, dass sie eine Neuaufstellung des Kaders wollten und auch eine neue Spielweise.

Gab es seit Ihrem letzten Spiel nochmal Kontakt vonseiten des TSV 1860 oder Genesungswünsche? 
Von der Mannschaft kamen einige Genesungswünsche, was mich sehr gefreut hat. Etwas verspätet kamen auch von anderen Positionen Genesungswünsche. Ich bekam auch den Anruf, dass ich nach der OP das Gelände nutzen darf. Also, mir wurde angeboten, dass ich meine Reha auf dem Platz bei Sechzig fortführen kann. Für dieses Angebot bin ich auch erstmal sehr dankbar.

Führte den TSV 1860 in der vergangenen Saison mehrmals als Kapitän auf den Platz: Thore Jacobsen.
Führte den TSV 1860 in der vergangenen Saison mehrmals als Kapitän auf den Platz: Thore Jacobsen. © IMAGO

Jacobsen kritisiert die Kommunikation des TSV 1860

Der TSV 1860 musste nach der entzogenen Lizenz in die Regionalliga absteigen. Wie haben Sie diese turbulenten Wochen erlebt? 
Turbulent beschreibt es gut. Ich habe das Ganze aus dem Urlaub über die Medien mitbekommen. Ich dachte anfangs, dass es das jährliche Hin und Her ist. Das gab es ja in dem Jahr zuvor auch schon. Da wurde mir erklärt, dass ich mir keinen Kopf machen muss, weil das gang und gäbe in dem Verein ist. Dass es diesmal wirklich mit dem Abstieg endete, hätte ich nicht gedacht.

Für einige ehemalige Mitspieler kamen die Ereignisse sehr überraschend. Viele berichteten, dass es kaum Kommunikation vonseiten des Vereins gab. Hatten Sie Mitleid?
Da ist wieder das Thema: die Kommunikation. Ich finde schon, dass man die Spieler auf dem Laufenden hätte halten müssen. Wir alle waren im Urlaub und haben alles aus den Medien erfahren. Die Kommunikation ist deswegen schon ein Thema, an dem der Verein arbeiten muss.

Ich will zur Rückrunde wieder gesund auf dem Platz stehen. 

Thore Jacobsen

Ex-Vize-Kapitän war zuletzt mehrmals im Grünwalder Stadion

Schauen Sie trotz alledem mit einem Auge auf die Löwen? 
Klar. Ich habe sie in meiner Fußball-App immer noch favorisiert. Deswegen bekomme ich immer mit, wie sie spielen. Ich war auch im DFB-Pokal gegen Kiel, gegen den FC Augsburg II und in Memmingen im Stadion. Ich lasse mich also dort noch blicken. Es sind ja noch ein paar Jungs dort, mit denen ich zusammengespielt habe. Und es bietet sich natürlich jetzt auch an, weil ich die Wochenenden freihabe.

Wie sieht Ihr aktueller Comeback-Plan aus? 
Ich will zur Rückrunde wieder gesund auf dem Platz stehen. Ich bin sehr motiviert. Ich habe aktuell nichts anderes im Kopf, als wieder zu 100 Prozent zu kommen. Ich merke, wie ich mich ganz anders um meinen Körper kümmere, als in der Vorsaison. Ich konnte an anderen Dingen arbeiten, die ich davor vielleicht ein bisschen vernachlässigt habe. Ich werde zeitnah auf den Platz zurückkehren, am Anfang noch gesondert mit einem Athletiktrainer und dann ab Winter wieder mit einer Mannschaft.

Will ab Winter wieder auf dem Platz stehen: Thore Jacobsen.
Will ab Winter wieder auf dem Platz stehen: Thore Jacobsen. © IMAGO

Jacobsen hat noch eine Verbindung zum TSV 1860

Können Sie sich eine Rückkehr zum TSV 1860 vorstellen? 
Ich würde es nicht ausschließen, weil ich meine Mitspieler in den vergangenen Jahren öfter als Kapitän aufs Feld geführt habe. Deshalb habe ich natürlich immer noch eine Verbindung zum Verein. Nichtsdestotrotz geht das, was in den vergangenen Monaten passiert ist, nicht spurlos an mir vorbei. Auch habe ich selbst noch den Anspruch, höchstmöglich Fußball zu spielen, und bin im besten Fußballeralter.

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