Ex-Löwe Tremmel mit klarer Kante: Ismaik? "Aus meiner Sicht muss der raus, ganz klar"

Herr Tremmel, Ihre Autobiografie "Per Bewerbungsschreiben in die Premier League" ist die erste Buchvorstellung, die es je im Sportpark Unterhaching gab. Sie hätten das auch in Cottbus, Hannover, Swansea oder im heimischen Lochhausen machen können – warum hier?
GERRHARD TREMMEL: Für mich war das die logische Konsequenz aus allem, weil hier für mich alles angefangen hat als Profisportler.
An jenem 7. April 2000, als Sie im Derby gegen 1860 Ihr Bundesliga-Debüt gaben. Was ist so speziell, wenn Sie wieder hier sind?
Weil ich mich immer noch total verbunden fühle. Das ist immer noch ein Stück weit Heimat. Ich hab hier von der C-Jugend an zehn Jahre gespielt - und gesehen, wie das alles gewachsen ist. Früher haben wir noch in der Grünau trainiert. Da ist das Stadion in der Form gerade erst entstanden.

Verdammt lang her, Sie haben viel erlebt in Ihrer Karriere - und trotzdem kribbelt es ausgerechnet in Haching?
Ja, es fühlt sich einfach so an, als wenn hier immer noch was möglich ist. Ich spüre schon noch so die erste oder zweite Liga. Die Rahmenbedingungen sind da: ein kleines, schönes Stadion, Fans haben sie auch - da würden natürlich viel mehr kommen, wenn es mal in die zweite Liga gehen würde.
Tremmel wollte nie weg aus München: "Das ist meine Stadt"
Beim Aufstiegsspiel gegen Cottbus waren Sie da, oder?
Ja, eine tolle Energie im Stadion! Da dachte ich so: 'Jetzt geht‘s wieder nach vorne!' Sandro Wagner war natürlich ein Zugpferd, aber schon da war klar, dass es nicht seine Idee nicht war, hier die nächsten fünf Jahre Trainer zu sein….Naja, dann ging‘s halt direkt runter, und schon war die Luft wieder raus. Keinen Lizenzantrag gestellt für die dritte Liga und so weiter. Und jetzt verkauft die Gemeinde das Stadion an den FC Bayern - das hat mich im ersten Moment schockiert. Im zweiten Moment dachte ich: ‚Vielleicht ist das jetzt auch mal ein Zeichen zum Aufbruch.‘ Wie sich das weiterentwickelt, weiß ich nicht, aber zumindest passiert jetzt mal was.
Am Ende geht es wie immer ums Geld.
Das war damals schon so. Da war Anton Schrobenhauser der große Mäzen des Vereins, der alles ermöglicht hat. Als er sich zurückgezogen hat nach dem Abstieg, ging halt alles so ein bisschen dahin.
Heißt das, wäre Geld da, könnte man sich auch einen Sportdirektor Tremmel bei der SpVgg vorstellen?
Da müsste ich erst mal mit meiner Frau sprechen. Klar, München ist meine Stadt, hier bin ich geboren und aufgewachsen. Ich wollte ja auch nie weg, aber die sportliche Situation hat es irgendwann nicht mehr hergegeben, und da musste ich halt auch an meine Karriere denken. Aber es war immer meine Idee: 'Irgendwann komme ich zurück und werde Sportdirektor!'
Und?
Unter den jetzigen Umständen ist es eher schwierig. Ich glaube, die können einen Gerhard Tremmel gar nicht bezahlen. (lacht)
Seit ein paar Jahren leben Sie mit der Familie in Estepona, in Spaniens Süden, und betreiben eine Recruitment-Agentur, scouten für Clubs, die Spanien und Portugal abdecken wollen. Wie intensiv verfolgen Sie den deutschen Fußball?
Ständig. Ich bin ja seit Jahren Co-Kommentator und Experte, in Sachen Bundesliga total auf dem Laufenden - und schaue natürlich auch immer mit einem Auge nach Haching, wobei es in der Regionalliga schwieriger wird.
Und mit einem Hühnerauge schauen Sie zu den Sechzigern?
Grundsätzlich auf alles, was in München im Sport passiert. Ich schaue jeden Tag Fußball, das ist mein Job.
Aufs Fußballspielen hat Tremmel heute keine Lust mehr
Ohne geht nicht, oder?
Nee.
Sind Sie Freizeitkicker, stehen Sie noch irgendwo im Tor?
Gar nicht, ich habe mich total abgewandt, seit ich aufgehört habe. Nicht mal für das Hachinger Traditionsteam konnten sie mich überreden. Es reizt mich nicht mehr auf dem Platz zu stehen. Wenn ich hier unten auf dem Rasen bin, dann kribbelt schon was. Aber ich bin jetzt 47, und wenn ich mir vorstelle, ich müsste mich wieder hinschmeißen - boah, keinen Bock. Laufen und ein bisschen gegen den Ball kicken, ist noch mal was anderes. Bei Legendenspielen hab‘ ich Torhüter mit 55 gesehen - die fallen dann einfach so um.
Wie kam es nun zum Buch, zehn Jahre nach dem Karriereende?
Als ich meine Karriere beendet habe, habe ich mir gedacht: ‚Ich habe so viele kuriose Sachen erlebt - ich müsste eigentlich ein Buch schreiben.‘ Ich hatte nicht diese normale Karriere, bei mir ging es ja rauf, runter, rauf, runter. Danach hab‘ ich darüber wirklich nachgedacht, und dann rief mich auch ein Journalist und meinte: ‚Wenn es dich interessiert, können wir das machen.‘ Aber zu dem Zeitpunkt hat mein Leben eine komplett andere Richtung genommen. Meine Mutter ist damals gestorben, und ich hatte überhaupt keine Energie und Lust, über ein Buch nachzudenken und habe das dann verworfen. Jahre später kam von Max Bädorf eine LinkedIn-Message, und ich dachte mir: ‚Wenn nach so vielen Jahren eine Anfrage kommt, dann mache ich das jetzt.‘ Dann haben wir das einfach über Zoom gemacht.
Sie haben nie zusammen am Tisch gesessen?
Kein einziges Mal. Heute ist tatsächlich das erste Mal, dass ich ihn persönlich treffe.
Tremmel hatte in seiner Karriere auch einige schwierige Phasen
Wie war das, all die alten Geschichten wieder hochzuholen?
Eine Zeitreise, aber am Ende auch heilend. Nach der Karriere reflektiert man nicht so viel, geht halt weiter im Leben. Das Buch hat mich quasi gezwungen, mein ganzes Fußballerleben zu reflektieren, und das war schön. Es gab auch nicht so schöne Momente, zum Beispiel in Cottbus, als ich gefühlt weg war. Aber je mehr es zum Ende ging und dann Swansea kam, waren auch wieder tolle Momente dabei, wie im Film. Unglaublich, wie das für mich gelaufen ist, dass das am Ende alles noch so aufgeht. Ich habe meine ganze Karriere über versucht, das zu erreichen, und es kam halt immer irgendwas dazwischen. Um Titel zu gewinnen, musst du normalerweise auch in einem Verein spielen, der Chancen hat - und die Vereine, wo ich gespielt habe, waren jetzt nicht die größten.
Wie haben Sie dieses ewige Auf und Ab verarbeitet?
Das weiß ich tatsächlich gar nicht. Ich habe schwer zu kämpfen gehabt, auch innerlich, emotional, weil ich oft das Gefühl hatte, es geht nicht mehr weiter. Ich war nicht nur einmal arbeitslos, hatte Momente, wo ich keinen Verein hatte. Mittlerweile ist der Fußball so global, Spieler gehen über die Grenzen hinweg, du hast überall Märkte, Video-Scouting, jeder kann dich sehen - wenn ich jetzt in der Bundesliga aufschlagen würde, wäre meine Karriere anders verlaufen.
Nach Unterhaching, dem Vize-Kusen-Drama nach Michael Ballacks Eigentor und einer spontanen Einladung zur Meisterfeier des FC Bayern ging‘s damals zu Hannover 96 statt zu Gladbach…
Im Nachhinein wäre ich doch lieber gern nach Gladbach gegangen. Im Norden habe ich mich nicht wohl gefühlt. Aber ich habe einfach immer weiter gemacht und daran geglaubt, dass Leistung sich am Ende auszahlt, auch wenn dir immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Wenn ein Trainer mir vertraut hat, habe ich das auch zu zurückgezahlt.
Als einer der wenigen haben Sie in allen drei großen Münchner Vereinen gespielt. Ein Blick in die Glaskugel: Wie wird die kommende Saison des FC Bayern?
Die werden wieder Meister, es sei denn, es passiert was Außergewöhnliches. Ob sie das Triple holen? Das ist extrem schwer, da gibt es mittlerweile zu viele Klubs, die die Champions League gewinnen können. Champions League kann man nicht vorhersagen.
Tremmel: "Ich würde Haching und Sechzig gern in der zweiten Liga sehen"
Wie sieht es bei den Sechzigern aus?
Da hoffe ich, dass mal wieder positive Nachrichten kommen. Eigentlich ist es ja eine positive Nachricht gewesen, dass der Ismaik jetzt mal raus ist. Seit er dort eingestiegen ist, hat der Verein nur Probleme, nicht zwingend finanziell, sondern allgemein, weil es passiert da einfach viel zu wenig. Aus meiner Sicht muss der raus, ganz klar. Bei 1860 hast du aber auch so viele Seilschaften im Hintergrund, und jeder weiß es besser. Es wird immer schwierig sein, diesen Verein in eine Richtung zu treiben. Wildmoser hat es damals geschafft, wie Schrobenhauser bei Haching. Genau so was brauchst du einfach: kürzere Entscheidungswege und nicht 20 oder 30 Leute, die immer mitreden. Da kommt nichts bei raus.
Und was wird aus Unterhaching?
Denen wünsche ich natürlich, dass sie aufsteigen – wobei wir gar nicht wissen, ob sie wirklich aufsteigen wollen, ob sie überhaupt die Lizenz bekommen. Ich würde Haching und Sechzig gern in der zweiten Liga sehen. Der Standort München kann auf jeden Fall drei Bundes- und Zweitligisten vertragen.