"Er hat eine zweite Chance verdient"

Kölns Trainer Christoph Daum, dessen eigene Karriere durch einen Kokain-Skandal erschüttert worden ist, schätzt den Fall Göktan ein. „Er braucht jetzt sehr viel Liebe – und ehrliche Freunde!“
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Kölns Trainer Christoph Daum, dessen eigene Karriere durch einen Kokain-Skandal erschüttert worden ist, schätzt den Fall Göktan ein. „Er braucht jetzt sehr viel Liebe – und ehrliche Freunde!“

MÜNCHEN Inzwischen engagiert sich Christoph Daum, der Star-Trainer des 1. FC Köln, in Sachen Drogen-Prävention. Wie Offensivspieler Berkant Göktan, den der TSV 1860 am Dienstag fristlos entlassen hat, ist auch Daum einmal der Einnahme von Kokain überführt worden.

Im Oktober 2000 wurde dem heute 54-Jährigen nach einer Haarprobe Kokain-Missbrauch nachgewiesen. Daum verlor in der Folge seinen Job als Trainer von Bayer Leverkusen und wurde nicht, wie eigentlich bereits ausgemacht, Bundestrainer. Der 1. FC Köln holte Daum im November 2007 zurück in den deutschen Fußball, der Coach war rehabilitiert.

Im AZ-Interview spricht Daum über Berkant Göktan, der sich inzwischen in der Türkei aufhält. Über die Folgen und Probleme des Angreifers – und dessen Chancen auf eine Rückkehr in den Profifußball.

Herr Daum, was würden Sie Göktan jetzt raten?

Ich habe schon viele Vorträge zum Thema Prävention gehalten, und ich rate jedem, der es hören will: „Leute, treibt Sport!“ Sich mit Sport abzulenken, das ist eine sehr gute Möglichkeit, Anerkennung zu finden und seine eigenen Probleme zu bewältigen. Aber Berkant ist ja ein Spitzensportler. Als ich die Meldung gehört habe, war ich schockiert. Er ist so ein wunderbarer Fußballer. Warum ausgerechnet Göktan?

Sein Klub, der Zweitligist TSV 1860, hat ihm fristlos gekündigt. Trainer Marco Kurz ist offenbar sogar froh, dass das Kapitel Göktan nun geschlossen ist.

Ausgrenzen ist keine Lösung, davon habe ich noch nie etwas gehalten. Es heißt immer, Deutschland sei ein Land der Toleranz. Meinen wir das ehrlich, oder sind das nur lose Lippenbekenntnisse? Man darf so einen jungen Mann nicht verteufeln, nur weil er eine Dummheit gemacht hat. Ich schätze Berkant Göktan als Menschen und Sportler, bei ihm überwiegt das Positive. Wenn ich überlege, wie er sich damals bei Galatasaray Istanbul (2001 bis 2004, d. Red) für andere eingesetzt hat, dann verdient das meine Hochachtung. Auch 1860 hat er mit seinen Toren sehr viel Freude bereitet.

Die Einnahme von Kokain ist aber nun mal kein Kavaliersdelikt.

So heftig sich alles anhört, man darf auch nichts beschönigen. Aber vielleicht wollte Göktan den Knall jetzt einfach, vielleicht war’s auch ein Hilferuf. Der erste Schock kann auf Göktan auch sehr heilend wirken.

Braucht Göktan keine Entzugstherapie?

Nein, ich denke nicht, dass Berkant in dem Stadium ist, dass er eine Therapie nötig hat. Eine Therapie kann sinnvoll sein, aber wichtiger ist der familiäre Bereich. Er muss aufgefangen werden. Er braucht jetzt sehr viel Liebe, gute und vor allem ehrliche Freunde, die für ihn da sind. Er braucht einen Neubeginn.

Nachdem Göktan beim 1. FC Kaiserslautern im Winter 2005 aussortiert worden war, kickte er vorübergehend nur noch mit Freunden im Englischen Garten. Glauben Sie, man wird ihn nach diesem Skandal im Profifußball jemals wieder sehen?

Ich hoffe es. Berkant hat eine zweite Chance verdient, keine Frage. Er hat einen Fehler gemacht, und er wird das auch wissen. Auch muss man ihm die Möglichkeit geben, sich das Vertrauen zurück zu erarbeiten – und zwar auf dem Platz.

Vielleicht sogar bei Ihrem Klub, dem 1. FC Köln? Ihr Co-Trainer Roland Koch soll mit Göktan im vergangenen Jahr ja bereits ab und zu telefoniert haben.

Wir haben im Moment keinen Bedarf. Aber wenn ich bei einem Verein wäre, der so eine Position sucht, würde ich zuschlagen. Göktan ist ein Riesen-Fußballer.

Interview: Oliver Griss

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