Die Party der Löwen: „Auf die Knie!“

Beim Heimatabend im Grünwalder Stadion feiern die Fans die neuen Sechziger, das 1:0 gegen Mallorca und das Duo Stevic/Lienen. Doch der Trainer warnt: „Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.“
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Machten nach dem Testspiel-Sieg die Welle mit den Anhängern: Die Löwen-Stars.
sampics/Augenklick Machten nach dem Testspiel-Sieg die Welle mit den Anhängern: Die Löwen-Stars.

Beim Heimatabend im Grünwalder Stadion feiern die Fans die neuen Sechziger, das 1:0 gegen Mallorca und das Duo Stevic/Lienen. Doch der Trainer warnt: „Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.“

MÜNCHEN Die spanischen Kollegen hatten so ihre Probleme. Sowohl die Spieler von RCD Mallorca unten auf dem Rasen des altehrwürdigen Grünwalder Stadions, als auch die Journalisten auf den morschen Rängen. Denn der 1860-Anhang forderte enthusiastisch: „Auf die Knie!“ Und das taten die siegreichen Löwenspieler vor der Gegentribüne, Trainer Ewald Lienen gestattete sich eine Art Hofknicks, und 1860-Sprecher Stefan Schneider animierte zum „Humbahumbatätärä“.

Ein herrlicher Abend, ausgelassene Stimmung im geliebten Stadion. Während die spanische Zeitung „Diario de Mallorca“ das Grünwalder als Steinzeitarena („El campo del era Stein“) verunglimpfte, huldigten 7159 Giesinger Party-Löwen ihrem Sechzger – und feierten ihre potenziellen Helden, als wären sie soeben in die Bundesliga aufgestiegen.

Tatsächlich hatte der TSV 1860 am Samstag, diesem sonnigen „Heimatabend“ auf Giesings Höhen, nichts anderes geschafft, als einen weiteren, verdienten Testspielsieg einzufahren: 1:0 gegen den spanischen Erstligisten Real Mallorca. Den Treffer für die vor allem in Halbzeit zwei starken Löwen erzielte Kapitän Benny Lauth per Kopf (64.).

Beim erfolgsentwöhnten Anhang herrscht nun tatsächlich Euphorie um die neuen Löwen. Sportdirektor Miki Stevic und Trainer Ewald Lienen wurden bereits vor Lauths Treffer mit Sprechchören gefeiert, danach sang der Anhang: „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht geseh’n“.

Was in gewisser Weise ja wahr ist. Denn eine fußballerisch derart talentierte Löwen-Mannschaft, aus der es beim „Härtetest“ (Lienen) neben vier deutschen Spielern, zwei Serben (Rukavina, Ignjovski), ein Ungar (Kiraly), ein Grieche (Pappas), ein Tunesier (Felhi), ein Georgier (Ghvinianidze) und ein Rumäne (Lovin) in die Startelf schafften, hat man bei 1860 lange nicht mehr gesehen. Während die heimatverbundenen Anhänger ihre Plakate entrollten („Giesing bleibt working class“, „Unser Glasscherbenviertel bleibt bonzenfrei“), bewies unten auf dem Rasen Lienens TSV Global, dass da eine Elf zusammenwächst, die aus der halben Welt rekrutiert wurde.

„Einige Spieler haben heute gezeigt, warum wir sie geholt haben“, stellte Sportdirektor Stevic sichtlich stolz fest – und meinte: „In Halbzeit zwei haben sie Charakter gezeigt.“ Auffallend waren da sowohl die taktische Ordnung des gesamten Teams sowie die Klasse einzelner Neuzugänge. Vor allem die Übersicht und spielerische Klasse von Abwehrchef Radhouène Felhi und Mittelfeldmann Florin Lovin (siehe unten) machen Hoffnung. Trainer Lienen, wie immer zurückhaltend in der Analyse, nörgelte anschließend über die erste Hälfte („Kein Fußball“), lobte aber die Leistungssteigerung danach („Wesentlich besser, halbwegs ordentlich“) sowie den eingewechselten Montenegriner Ardijan Djokaj („Mit Schwung, erfahren, stark“).

Ob Alexander Ludwig, der so gerne zentral spielen würde, auf links verschenkt ist? Ob der Grieche Charilaos Pappas vielleicht doch noch für zu leicht befunden wird? Ob sich Aushilfsangreifer Sascha Rösler beim ersten Pflichtspiel, dem Pokalmatch am Samstag (15.30 Uhr) beim SC Paderborn, auf der Bank wiederfindet? Letzteres ist wahrscheinlich, schließlich will der Cheftrainer unbedingt noch einen Angreifer verpflichten. „Wissen Sie eigentlich“, fragte Lienen, „wie viele Stürmer sich bei mir auf dem Schreibtisch stapeln?“ Auch Stevic gibt sich optimistisch: „Da arbeiten wir dran.“

Bleibt die Frage nach der Euphorie. Insbesondere Lienen mühte sich, die Erwartungshaltung auf Normalmaß abzusenken. „Dieser Sieg, dieser Abend war eine wunderschöne Sache. Die Fans sollen das genießen“, erklärte der Trainer, „aber das fühlte sich ja an, als wären wir schon Erster in der Liga. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Das war ein Sieg gegen müde Mallorquiner, die nach zehn Tagen mit dicken Beinen aus dem Wald kamen. Man kann diese Mannschaft nicht mit jener vergleichen, die in der Rückrunde die zweitbeste der Primera Division war.“ Und seine nicht mit jener, welche die Rückrunde der Zweiten Liga auf Rang 13 abgeschlossen hatte. Jochen Schlosser

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