"Da war es vorbei mit der Serie": Der schwere Schicksalsschlag eines Löwen-Urgesteins
Außer sich vor Emotionen springt der junge Mann neben Svend Friderici von seinem Sitz auf und brüllt in Richtung Spielfeld. Die gegnerische Mannschaft hat ein Tor geschossen – der Sieg für den TSV 1860 steht auf der Kippe. Wild fuchtelnd versucht der Löwenfan, daran noch etwas zu ändern.
Svend Friderici macht derweil keinen Mucks. Er hat die Arme verschränkt. Friderici legt den Kopf schief, zieht die Augenbrauen hoch, zuckt mit den Schultern und lächelt. Unzählige Spiele der Löwen hat er in seinem Leben schon verfolgt und dabei auch reichlich Gegentore verkraften müssen.

Svend Friderici: Löwenfan seit über 60 Jahren und einst sogar Vertrauter von Wildmoser
Als er zum ersten Mal im Stadion stand, war er gerade einmal vier Jahre alt. Sein Vater nahm ihn damals mit. Friderici erinnert sich noch gut: "Er hat mir extra ein Podest gebastelt, damit ich besser sehen kann. Das war für mich immer ganz toll – ein riesiges Remmidemmi." Seine Liebe für den Löwen war damit geboren. Und das, obwohl "ich mit vier Jahren noch gar nicht verstanden habe, um was es da geht", sagt er und lacht. In späteren Jahren verstand er es dann umso besser – so gut, dass er sich sogar als "Präsidenten-Flüsterer" einen Namen machte.
Alles habe damit angefangen, dass Friderici vor vielen Jahren einen der Sponsoren kennenlernte, der ihm einen Platz im VIP-Bereich besorgte. Mehr aus Neugier habe er das Angebot angenommen – und doch Gefallen daran gefunden, dort zu sitzen, wo sich die Löwen-Prominenz tummelte. "Zuerst bin ich neben Ehrenpräsident Adalbert Wetzel gesessen. Dann ist irgendwann Karl Heckl Präsident geworden. Mit dem habe ich mich dann auch gut verstanden", erzählt der heute 65-Jährige.
Friderici erinnert sich an das Kennenlernen mit dem legendären 1860-Oberhaupt
Nach vier Jahren unter Liselotte Knecht brach die Zeit von Karl-Heinz Wildmoser († 2010) an – dem wohl berüchtigtsten Präsidenten in über 150 Jahren Vereinshistorie. Wie hätte es anders sein können: Svend Friderici verstand sich auch mit diesem Ober-Löwen gut – und mauserte sich sogar schon bald zu dessen engstem Vertrauten unter den Fans.
Friderici erinnert sich an das Kennenlernen mit dem legendären 1860-Oberhaupt so: "Der Wildmoser war der erste Präsident, der mit auf Auswärtsspiele gefahren ist. Am Anfang kannte er sich da aber noch nicht aus und war ein bisschen unsicher. Mich kannte er von den Heimspielen und dann hat er sich an mich gehalten. So haben wir uns angefreundet."

Zwölf Jahre lang sei er von da an mit Karl-Heinz Wildmoser auf Auswärtsspiele gefahren oder gar geflogen. Für Svend Friderici war das die Eintrittskarte in noch höhere Kreise des TSV 1860. Er lernte die Führungsriegen verschiedener Fußballvereine kennen, saß im Flugzeug zwischen den Spielern und begleitete den Verein in Trainings-Camps, zum Beispiel nach Dubai. Svend Friderici weiß: "Dem Wildmoser habe ich sehr viel zu verdanken."
Seine guten Beziehungen beschränkten sich allerdings nicht nur auf die Vereinsspitze. Auch zu den Spielern habe der ehemalige Versicherungskaufmann ein gutes Verhältnis gehabt, sagt er. Entwickelt habe sich das aber nicht im Stadion, sondern in einem ganz anderen Kontext. "Ich war früher extrem viel im Münchner Nachtleben unterwegs – im P1 und diesen ganzen Lokalen – und da sind auch oft die Spieler hingegangen."
Friderici hatte sich einen universalen VIP-Platz im Verein gesichert
Inmitten von Alkohol und lauter Musik kam er mit den Sportlern ins Gespräch. "Am Anfang waren sie mir gegenüber ein bisschen skeptisch, weil sie ja wussten, dass ich den Präsidenten und das ganze Präsidium kenne. Ich hatte mit dem Wildmoser allerdings eine Art Übereinkunft: Er fragte mich nicht nach den Spielern und ich erzählte ihm nichts. Da war ich sehr kollegial – und das haben dann irgendwann auch die Spieler gemerkt." Außerdem: "Wenn der Wildmoser etwas hätte wissen wollen, hätte er andere Leute gehabt, die er hätte fragen können. Da brauchte er nicht mich dazu", setzt er pragmatisch hinterher.

Svend Friderici hatte sich damit also einen universalen VIP-Platz im Verein gesichert: Er war Fan und Vertrauter zugleich, aber immer nur so weit, dass er nicht zwischen die Fronten geriet. "Das war die tollste Zeit", schwelgt der Dachauer in seiner Erinnerung an die 90er.
Doch die glorreichen Jahre gingen vorüber. Karl-Heinz Wildmoser geriet in Verruf und trat 2004 nach vermeintlichen Korruptionsvorwürfen um den Bau der Allianz Arena zurück. Kurz darauf rauschte der Verein in die 2. Liga ab.
Friderici: "Ich erinnere mich an keine Minute von dem Spiel"
Eine Vielzahl von Präsidenten folgte und der TSV stieg noch weiter ab. Svend Friderici blieb – im VIP-Bereich, versteht sich. Er besuchte weiter jedes Spiel, daheim in München und auswärts in ganz Deutschland. Bis zu dem Moment, als er vor vier Jahren gesundheitlich schwer angeschlagen und gegen die Empfehlung seines Arztes nach Duisburg reiste, um den Löwen beizustehen.
"Ich erinnere mich an keine Minute von dem Spiel", sagt Friderici heute. Als sein Bekannter ihn anschließend nach Hause fuhr, habe sich sein Zustand weiter verschlechtert. Svend Friderici erlitt einen Herzinfarkt. "Man hat mich ins Krankenhaus gebracht. Ich hatte vier Infarkte kurz hintereinander. Sie dachten, dass ich das nicht überlebe. Ich lag sehr lange auf der Intensiv." Bis dahin hatte er 29 Jahre lang kein einziges Spiel verpasst, erzählt er. "Da war es vorbei mit der Serie", fügt der Rentner bedrückt hinzu.
Die Sorge um ihn wuchs
Dass der treue Allesfahrer im Stadion plötzlich fehlte, fiel auf – und unter den Fans wuchs die Sorge, dass er nicht wiederkehren würde.
Entgegen dieser Befürchtungen kam der "Edelfan" nach langer Zeit im Krankenhaus wieder nach Hause zurück. Heute, vier Jahre nach dem Schock, zeigt sich Svend Friderici gefasst: "Es geht zum Glück wieder einigermaßen." Gehandicapt sei er trotzdem noch in manchen Dingen, sagt er. "Aber der Arzt meinte, dass ich froh sein kann, dass ich überhaupt wieder so geworden bin."
Das Grünwalder Stadion hat seinen treuen Fan, "Präsidenten-Flüsterer" und Stammgast wiedergewonnen. An den Wochenenden, wenn die Spieler auf dem Feld auflaufen, die Fans vor Emotionen kochend aus ihren Schalen springen, sieht man auch Svend Friderici auf der Ehrentribüne sitzen – gelassen und braun gebrannt zwischen der Löwen-Prominenz.

