1,3 Millionen Euro! Droht 1860 eine Rekordstrafe?

Weil die Löwen jedes Jahr mehr ausgeben als sie aus dem Spielbetrieb einnehmen und wegen der Kredite von Investor Hasan Ismaik steigen die Schulden des Klubs. Die DFL verlangt aber eine Reduzierung.
| Filippo Cataldo
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Investor Hasan Ismaik (von li.), sein Bruder Abdelrahman und sein Münchner Vertreter Noor Basha, 1860-Vize-Präsident Erik Altmann und Präsident Gerhard Mayrhofer bei Ismaiks Überraschungsbesuch in München.
TSV 1860 Investor Hasan Ismaik (von li.), sein Bruder Abdelrahman und sein Münchner Vertreter Noor Basha, 1860-Vize-Präsident Erik Altmann und Präsident Gerhard Mayrhofer bei Ismaiks Überraschungsbesuch in München.

Weil die Löwen jedes Jahr mehr ausgeben als sie aus dem Spielbetrieb einnehmen und wegen der Kredite von Investor Hasan Ismaik steigen die Schulden des Klubs. Die DFL verlangt aber eine Reduzierung. Ohne Einigung mit dem Investor drohen dem Klub harte Sanktionen.

München - Die Löwen benötigen dieses Jahr, wie es aussieht, ein ziemlich großes Weihnachtsgeschenk. Bis zum 31. Dezember muss 1860 seinen Schuldenberg reduzieren – sonst droht dem Klub die Rekordstrafe von 1, 3 Millionen Euro durch die DFL!

Und das ganz konkret. Hintergrund ist das Investorenmodell zwischen dem TSV 1860 und Hasan Ismaik. Benötigt werden bis zum Jahreswechsel nun fast sieben Millionen Euro! Eigenkapital, keine weiteren Darlehen. Wie schlimm es um die Löwen steht, wie es so weit kommen könnte, wer verantwortlich ist:

Wie viele Schulden hat der TSV 1860? Das negative Eigenkapital (Schulden) der Löwen betrug laut der am Montag veröffentlichten Bilanz zum 31.6.2012 5,165 Millionen Euro. Bis zum 31.12.2012 konnte dieser auf 3,2 Millionen Euro gesenkt werden. Allerdings nur durch einen Finanztrick. Ismaik wandelte gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer Robert Schäfer ein 2011 gewährtes nachrangiges Darlehen in Höhe von 5,4 Millionen Euro in ein Genussrecht um. Dieses kann in der Bilanz als Eigenkapital verbucht werden.

Nun muss aber der aufgehäufte Jahres-Fehlbetrag bis 31.12.2013 (nach vorsichtiger AZ-Schätzung basierend auf den Fehlbeträgen der letzten Jahre, dem Tabellenstand der Mannschaft und dem gesunkenen Zuschauerzahlen rund 6,3 Millionen Euro) auf den Schuldenstand addiert werden – ergibt 9,5 Millionen Euro.

Was bedeutet das für die Lizenz? Die Löwen haben in den letzten zwei Jahren von der DFL die Lizenz jeweils mit der Auflage erhalten, ihre Schulden abzubauen. Bis zum 31.12.2013 sollte der Schuldenstand um zehn Prozent auf drei Millionen Euro reduziert werden. In Wahrheit aber wird er sich auf 9,5 Millionen Euro erhöhen. Die DFL veranschlagt laut der Anlage XII der Lizenzierungsordnung, Ziffer 2 ac eine Strafe von 20 Prozent des Differenzbetrages: Das wären 1,3 Millionen Euro! Die Strafe kann aber natürlich - je nach tatsächlichem Schuldenstand zum 31.12.2013 auch 1 Million oder gar 1,5 Millionen Euro betragen. Sollten die Planzahlen auch 2014 nicht erreicht werden, würde neben der Strafe auch ein Punktabzug drohen.

Sind die Löwen insolvenzgefährdet? Aktuell nicht.  Für die Erteilung der Lizenz interessiert sich die DFL grundsätzlich mehr für die Liquidität der Gesellschaft. Diese lag – und liegt – vor.  Das Defizit beglich Schäfer bis dato mit den von Ismaik gewährten Darlehen – welche aber als Schulden in die Bilanz einfließen. Als klar war, dass Ismaik im Frühjahr keine weiteren Darlehen mehr gewähren würde, handelte Schäfer zudem ein Geschäft mit dem Sportrechte-Riesen Infront aus. Durch die durch die Unterschrift fällige Prämie generierte Schäfer sofort verfügbares Geld. Im Gegenzug muss 1860 allerdings für die Dauer des Vertrages jährliche Gebühren an den Vermarkter zurückzahlen. Bilanziell ist das Geschäft ein Nullsummenspiel - die Einnahmen decken sich mit den Ausgaben.

Da Ismaiks Darlehen nur zurückgezahlt werden müssen, wenn die Gesellschaft Gewinn abwirft, ist der Klub nun zwar bilanziell überschuldet, aber zahlungsfähig. Problematisch könnte es  werden, sollte die DFL am 15. Januar – etwa wegen der nicht eingehaltenen Planzahlen bei den Zuschauern - einen weiteren Liquiditätsnachweis einfordern. Und die mögliche Strafe müsste ja auch irgendwie bezahlt werden. Wie die kommende Saison finanziert werden soll, ist aber noch völlig offen. Benötigt werden auch dafür - sollten die Kaderkosten nicht krass reduziert werden - mindestens sechs Millionen Euro zusätzliche Einnahmen.

Wer hat Schuld am hohen Schuldenstand? Die Bilanz zu verantworten hat der beurlaubte Geschäftsführer Robert Schäfer. Ihm nun aber die Schuld zu geben, greift viel zu kurz. Der Schuldenberg ist vielmehr systembedingt – die natürliche Folge des Investoren-Einstiegs. Mit seinen Darlehen hat Ismaik die Löwen bis weit in dieses Jahr hinein am Leben gehalten – aber eben auch bewusst den Schuldenstand erhöht. Die Strafzahlungen waren im Dreijahresplan, der eine noch umfangreichere Verschuldung vorsah, wohl zumindest billigend in Kauf genommen worden und einkalkuliert. Da der Plan allerdings von Ismaik frühzeitig aufgekündigt wurde, ergibt sich nun eine neue Situation. 1860 müsste die Strafe aus dem laufenden - nur noch zum Teil mit Ismaiks Geld finanzierten - Etat zahlen. Außerdem fehlen die weiteren Zahlungen, um das durch die aktuellen Rahmenbedingungen (Arena-Miete, Kaderkosten, Kosten für Spielbetrieb und Angestellte etc) noch verschärfte strukturelle Defizit der Gesellschaft, auszugleichen. In der 2. Liga würden die Löwen wohl mit dem aktuellen Etat für die Mannschaft jedes Jahr rund 6 bis 6,5  Millionen Euro Verlust machen. Die sinkenden Zuschauer-, Sponsoren- und durch die derzeitige sportliche Lage auch sinkenden TV-Einnahmen sind da noch gar nicht mit eingerechnet. Der von Schäfer zwischenzeitlich mal ausgearbeitete "Plan B", der einen Fortbestand des TSV 1860 ohne weitere Zahlungen Ismaiks sichern sollte, hatte ein strukturelles Defizit von 2,5 Millionen Euro im Jahr vorgesehen. Bedingung wären aber die Reduzierung der Kaderkosten auf sechs Millionen Euro, mindestens gleichbleibende Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen und durchschnittlich Platz 6 in der Tabelle gewesen. Aktuell gibt der TSV 1860 rund 9,5 Millionen Euro für den Kader aus, die Zuschauerzahlen sind zudem deutlich zurückgegangen.  Dazu kommen noch die ungeplanten Kosten durch die Beurlaubung (und Weiterbezahlung) von Ex-Trainer Alexander Schmidt und Schäfer. Allein Schäfer stehen bis November 2014 noch insgesamt 220.000 Euro an Gehalt zu.

Wie kann die Strafzahlung abgewehrt werden?  Dem Verwaltungsrat der Löwen ist die Problematik, ebenso wie dem Präsidium und Ismaik bewusst. Bei der letzten Aufsichtsratssitzung vor seiner Demission soll Schäfer den Verwaltungsrat nochmals über die Problematik informiert und die aktuellen Zahlen vorgestellt haben. Die naheliegendste Lösung wäre: Ismaik wandelt weitere Darlehen (derzeit 9,3 Millionen Euro noch offen) in Genussrechte um. Diese haben im Vergleich zu Darlehen für ihn aber den Nachteil, dass sie am Gewinn und Verlust der Gesellschaft partizipieren, sprich an Wert verlieren können. Auch eine Kapitalerhöhung wäre möglich: Der Verein könnte weitere Aktien ausschütten, die Ismaik auf Kosten der Vereinsanteile übernehmen könnte. Der Verwaltungsrat hatte Schäfer bereits 2012 grundsätzlich erlaubt, weitere 1,5 Millionen Aktien zu generieren. Aber: Die jetzt benötigten mehr als 6 Millionen Euro wären sie wohl nicht wert. Auch eine Art Schenkung des Investors wäre möglich, aber sehr unwahrscheinlich: Bei einem möglichen Weiterverkauf in der Zukunft könnte Ismaik keinerlei Ansprüche auf das Geld mehr erheben.

So oder so: Das Präsidium um Gerhard Mayrhofer muss sich schnell mit Ismaik einigen. Nicht nur, um weitere Investitionen zu vereinbaren und die Löwen so für die Zukunft aufzustellen. Das kann ja auch vor Weihnachten passieren.

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