Trotz Elektroauto-Boom: Warum China nicht in der Formel E im eigenen Land mitfährt

Deutsche Wertarbeit. Die war zur Jahrtausendwende in Shanghai noch schwer angesagt. Deshalb ließ China den imposanten dortigen Formel-1-Kurs von Hermann Tilke planen und umsetzen, einem auf Streckenbau spezialisierten Architekten aus Aachen. 2004 fand dort das erste Formel-1-Rennen auf chinesischem Boden statt und generierte so genau das, was China wollte: weltweite Aufmerksamkeit. An diesem Wochenende gastiert die Formel E mit den WM-Läufen am Samstag und Sonntag auf dem Kurs.
Formel-E-Boss Jeff Dodds spricht davon, dass "wir über 100 Millionen Fans in China haben". Der erste Formel-E-WM-Lauf wurde 2014 in Chinas Hauptstadt Peking ausgetragen. In der aktuellen Saison hat nur China drei Rennen: zwei hier in Shanghai, eines in Sanya. Aber die Formel E hat dennoch keinen chinesischen Hersteller dabei, kein chinesischer Fahrer ist am Start. Warum? Aus Angst vor Misserfolg?

Shanghai empfängt die Formel E – doch Chinas Autobauer bleiben außen vor
Dabei ist China die E-Mobilitäts-Nation schlechthin. Im April dieses Jahres wurden in China erstmals mehr reine Stromer als Verbrenner angemeldet; knapp 580.000 Fahrzeuge. Es gibt – man glaubt es kaum – über 150 (!) chinesische Hersteller von E-Autos. "Der Trend ist klar: China will zum Elektroauto-Musterland werden", sagt Frank Schwope, Automotive Consultant und Lehrbeauftragter der Fachhochschule des Mittelstands Berlin. Aber kein chinesischer Autobauer traut sich in die Formel E.
"Es wäre erstrebenswert, wenn sich chinesische Hersteller dieser Aufgabe stellen würden", sagt Florian Modlinger, Porsches Gesamtprojektleiter Formel E. Modlinger wünscht sich also geradezu chinesische Konkurrenz. Sein Hintergedanke ist klar: Im Bereich von Straßenfahrzeugen ist Chinas aggressiver Angriff auf die weltweite Marktführerschaft nicht nur der technischen Klasse der Fahrzeuge geschuldet – sondern auch der Tatsache, dass staatliche Förderung für attraktive Preise sorgt.

Hätten mehr zu verlieren als zu gewinnen
In der Formel E wird hingegen mit gleichen Mitteln gekämpft, mit einer Budget-Grenze und klaren Regeln. Anders gesagt: Chinesische E-Auto-Hersteller hätten im harten Wettbewerb der Formel E eventuell mehr zu verlieren als zu gewinnen.
"Chinesen wollen siegen", sagt Dodds. Und zwar schnell. Vor zwei Jahren hatte sich der Vertreter von über zwei Dutzend chinesischen E-Auto-Herstellern Details zur Formel E in Shanghai zeigen lassen. Aber zur Teilnahme konnten sie sich noch nicht durchringen. "Bisher lag der Fokus der Chinesen auf dem lokalen Automarkt. Aber nun öffnen sie sich auch den internationalen Märkten", weiß Dodds und leitet daraus ab: "Ich bin sehr optimistisch, dass wir mittelfristig einen chinesischen Hersteller in der Formel E haben werden."

Heute sind es nur noch 15 Prozent
Bei Porsche hoffen sie darauf. Denn China auf der Rennstrecke schlagen, das könnte helfen, auch wieder mehr deutsche Autos in China zu verkaufen. Während die deutschen Autobauer vor der Corona-Pandemie noch jeden vierten aller Neuwagen in China auslieferten, sind es heute nur noch 15 Prozent.
Vor den beiden Läufen in Shanghai führt Mitch Evans (Jaguar) die WM-Wertung mit 128 Punkten an. Porsche-Star Pascal Wehrlein liegt 27 Zähler dahinter. Er braucht dringend Punkte, um wieder ins Rennen um die WM-Krone eingreifen zu können. Siege in China wäre dafür sehr wertvoll.
Fast so wertvoll wie für die Porsches E-Mobilitäts-Strategie Siege über China wären.