Todesfälle im Boxen: In der AZ spricht ein Ringarzt über die Gefahren

Patrick Day (27) ist nach seinem Kampf gegen Charles Conwell verstorben. Die AZ sprach mit dem Ringarzt Walter Wagner über die Gefahren im Boxsport – und wie man die Kämpfer schützen kann.
| Interview: Matthias Kerber
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Prof. Dr. Walter Wagner ist deutscher Ringarzt. US-Boxer Patrick Day ist nach einem Kampf gestorben.
Kunz Fotoagentur/Frank Franklin II/AP/dpa. AZ-Montage Prof. Dr. Walter Wagner ist deutscher Ringarzt. US-Boxer Patrick Day ist nach einem Kampf gestorben.

München - Walter Wagner (68) ist Deutschlands renommiertester Ringarzt und Chefarzt der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie in Bayreuth.

AZ: Herr Professor Wagner, der Boxsport betrauert schon wieder einen Todesfall: Patrick Day ist seinen Verletzungen, die er im Kampf gegen Charles Conwell erlitten hat, erlegen. Sie sind Deutschlands renommiertester Ringarzt, wie kann man die Boxer schützen – oder anders gefragt, kann man Sie überhaupt vor solchen Verletzung schützen?
PROF. DR. WALTER WAGNER: Jeder einzelne Fall ist eine Tragödie. Man muss eines ganz klar und auch in aller Offenheit sagen: Der Tod, die Gefahr einer schweren Verletzung, ist im Boxsport immer gegeben. Boxen ist – und bleibt – ein lebensgefährlicher Sport. Wer irgendetwas anderes behauptet, hat von der Materie, hat von diesem Sport keine Ahnung. Was man tun kann – und muss –, ist, die Risiken zu minimieren.

Nicht umsonst habe ich schon 1980 eingeführt, dass die Boxer bei uns nicht von einem Hausarzt kampffähig geschrieben werden, sondern, dass vor einem Kampf ein MRA, nicht nur ein MRT durchgeführt wird. Das bedeutet, dass auch die hirnversorgenden Gefäße überprüft werden.

Wenn da eine Ausbuchtung sein sollte, kann es schon reichen, dass einer niest, hustet, beim Toilettengang presst – und dann kommt es zu einer Hirnblutung. Wenn man diesen Test macht, ist die Gefahr einer Hirnblutung im Kampf eher gering – kann aber auch nicht ausgeschlossen werden. Das menschliche Gehirn ist nicht dafür konzipiert, solche Erschütterungen andauernd zu kompensieren.

Auch im Kampf muss doch der Schutz der Gesundheit immer im Vordergrund stehen!
Absolut. Ich sage es so: Wenn sich ein Boxer selber im Ring nicht mehr schützen kann, muss dieser Schutz zwingend von außen kommen. In erster Linie ist da seine Ecke, sind also die Trainer gefragt, die sich ihrer Verantwortung für Leib und Leben ihres Schützlings auch bewusst sein müssen. Wenn ein Boxer in einem WM-Kampf die ersten sechs Runden alle verloren hat, chancenlos ist und sechs Runden üble Prügel eingesteckt hat, dann ist es einfach nicht notwendig – um nicht zu sagen verantwortungslos –, dass er noch sechs weitere Runden Prügel einsteckt, dann nimmt man ihn raus!

Der Deutsche Eduard Gutknecht hat 2016 bei seinem Kampf gegen George Groves durchgeboxt, brach dann mit Hirnblutungen zusammen und ist seitdem ein Pflegefall. Boxen ist viel zu gefährlich, als dass es nur darum gehen darf, irgendwie über die Runden zu kommen. Der Boxer kann in diesem Moment oft nicht die Entscheidung fällen, aber dann muss dies der Trainer tun – der kennt seinen Boxer schließlich am besten. Auch der Ringrichter hat die Verantwortung, den Kämpfer in so einem Fall zu dessen eigenem Schutz aus dem Kampf zu nehmen.

Und nicht zuletzt der Ringarzt!
Absolut richtig. Das ist das Triumvirat der Verantwortlichkeit: Trainer, Ringrichter, Ringarzt. Offiziell darf ein Ringarzt keinen Kampf beenden, aber wenn ich dem Ringrichter nachdrücklich meine Bedenken vortrage, wird er immer auf mich hören. Notfalls springe ich in den Ring und stelle mich dazwischen. Deswegen ist es in meinen Augen verpflichtend, dass mindestens einer der Ringärzte über Trauma-Erfahrung verfügt und die Sache einschätzen kann. Wir hatten auch schon sportbegeisterte Gynäkologen, die sich die Aufgabe zugetraut haben, das geht für mich gar nicht.

Hatten Sie in Ihrer Karriere als Ringarzt mal das Gefühl: Wenn ich jetzt nicht eingreife, wird es einen Toten geben?
Ja.

Können Sie das erläutern?
Ich nenne keine Namen. Aber es war ein Kampf um einen Intercontinental-Titel. Ich hatte nach dem Fight ein schlechtes Gefühl und habe den Boxer ins Krankenhaus bringen und untersuchen lassen, obwohl er keine sichtbaren neurologischen Ausfälle hatte. Dort wurde dann eine handtellergroße Blutung im Gehirn festgestellt. Es geht ihm gut, aber das wäre unbehandelt sicher anders geendet.

Wir müssen im Boxen sehr viel verbessern, denn es dauert Wochen, bei echten Materialschlachten Monate, bis sich ein Boxer vollständig von so einem Kampf erholt. Es kann nicht sein, dass ein Boxer hier eine Schutzsperre bekommen würde, aber in Südamerika wieder in den Ring steigen dürfte. Und man muss auch endlich die Dopingbestimmungen weltweit vereinheitlichen.

In Amerika ist das in der Hand der Bundesstaaten. Kalifornien hat da unseren Standard, aber in anderen Bundesstaaten wird fast nicht getestet. Es gehört zum Schutz der Sportler dazu, dass sie mit gleichen Mitteln gegeneinander antreten – und sich nicht ein Kämpfer durch Doping einen ungerechten und vielleicht gefährlichen Vorteil verschaffen kann.

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