Interview

Ex-Rad-Star Wüst: "Die Gefahr fährt immer mit"

Mehrere Horror-Stürze haben den Radsport zuletzt erschüttert. Im AZ-Interview spricht der Ex-Sprinter Marcel Wüst über die Hochrisikosportart.
| Simon Stuhlfelner
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Dramatische Szenen: Der Belgier Remco Evenepoel stürzt von einer Brücke und wird schwer verletzt geborgen.
imago 2 Dramatische Szenen: Der Belgier Remco Evenepoel stürzt von einer Brücke und wird schwer verletzt geborgen.
Marcel Wüst. Der heute 53-Jährige war einer der weltbesten Sprinter.
Herbold Art/ho 2 Marcel Wüst. Der heute 53-Jährige war einer der weltbesten Sprinter.

München - AZ-Interview mit Marcel Wüst. Der heute 53-Jährige war einer der weltbesten Sprinter. Am 11. August 2000 stürzte er in Frankreich bei Tempo 60 und zog sich schwere Kopfverletzungen zu. Er verlor sein rechtes Augenlicht.

Marcel Wüst. Der heute 53-Jährige war einer der weltbesten Sprinter.
Marcel Wüst. Der heute 53-Jährige war einer der weltbesten Sprinter. © Herbold Art/ho

AZ: Herr Wüst, der Radsport wurde am Wochenende von gleich mehreren Horror-Stürzen überschattet. Was geht Ihnen, der Sie bei einem Unfall im August 2000 Ihr rechtes Augenlicht verloren haben, durch den Kopf, wenn Sie diese Bilder sehen?
MARCEL WÜST: Als erstes geht mir durch den Kopf: Zum Glück bin ich da nicht mehr dabei! Dass die Stürze derzeit so geballt auftreten, ist schon sehr erstaunlich. Dieses Jahr ist irgendwie komisch, nicht nur wegen Corona. Ich habe ja auch ein Jedermann-Team mit über 200 Mitgliedern: Was wir in diesem Jahr an Stürzen hatten, mit gebrochenen Hüften, Schlüsselbeinen, Schultern, mit Fahrern, die einfach von einem Auto umgemäht wurden – Wahnsinn! Irgendwie trifft es uns in diesem Jahr alle besonders schlimm. Die Gründe dafür können wir ja vielleicht gemeinsam versuchen zu erörtern.

Wüst zur Sicherheit: Der Weltverband soll Druck auszuüben

These eins: Die Streckenführung wird immer gefährlicher, worüber sich ja viele Radprofis massiv beschweren. Beim Sturz bei der Dauphiné Libéré, als auch die deutsche Tour-Hoffnung Emanuel Buchmann zu Fall kam, beklagten sich die Fahrer über eine Schotterpiste mit vielen Schlaglöchern – und das in einer Abfahrt!
Grundsätzlich muss man über die Sicherheit im Radsport nachdenken. Dabei muss man aber immer im Hinterkopf haben: Es sind auch schon schlimme Stürze auf gut asphaltierter, breiter und schnurgerader Straße passiert. Im Radsport besteht immer ein Risiko, das man nie komplett ausräumen kann. Aber: Plastikabsperrgitter auf der Zielgeraden wie bei der Polen-Rundfahrt, als Fabio Jakobsen so schwer stürzte – das geht nicht! Die fliegen einfach auseinander. Da gibt es bessere Alternativen. Hier ist der Weltverband gefordert, auf die Veranstalter Druck auszuüben, um die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern. Und von so ganz spektakulären Dingen, wie die Fahrer auf der Abfahrt über Schotterpisten zu hetzen, sollte man wieder Abstand nehmen. Das ist modernes Gladiatorentum! Zusammengefasst: Eine einhundertprozentige Sicherheit kann niemand gewährleisten, aber an entscheidenden Stellen, vor allem im Zielbereich, kann man sie deutlich verbessern.

Besonders schockierend war der Sturz von Toptalent Remco Evenepoel, der bei der Lombardei-Rundfahrt über ein Brückengeländer zehn Meter tief in eine Schlucht hinabstürzte und mit einem Beckenbruch und einem gequetschten Lungenflügel davonkam.
Ich habe gestern noch gesagt: Hätte man nicht die Klickpedale, sondern die alten wie früher, wäre er an seinem Rad hängengeblieben. Aber auch an diesem Beispiel sieht man: Die Gefahr fährt immer mit. Radsport wird immer eine Hochrisikosportart bleiben. Es ist natürlich immer eine Frage des Kompromisses, denn auf einer 200 Kilometer langen Strecke wird man nicht alle Brückengeländer und Straßenbegrenzungen absichern und absperren können.

Die zweite These für die gehäuften Stürze wäre, dass den Profis die Rennpraxis fehlt, weil im Frühjahr und Frühsommer alle Rennen ausgefallen sind.
Darüber habe ich auch nachgedacht, allerdings sind die Profis ja im Training auch andauernd unterwegs. Es ist ja nicht so, dass die seit Monaten nicht mehr auf dem Rad gesessen sind.

"Wir haben keine abgesperrten Rennstrecken"

Ein ganz spezieller Fall tritt dann ein, wenn plötzlich ein Auto unberechtigt auf der Strecke ist und einen Fahrer über den Haufen fährt – so wie es Maximilian Schachmann ebenfalls bei der Lombardei-Rundfahrt passiert ist.
Um den Max tut es mir riesig leid. Es hieß jetzt zwar, sein Schlüsselbein muss nicht operiert werden, aber du hast natürlich immer im Hinterkopf: Ohje, die Vorbereitung auf die Tour de France hatte ich mir anders vorgestellt. Ich hoffe, dass er die Tour noch fahren kann.

Wie kann man sich so eine Panne erklären?
Mir tut ja auch die Oma leid, die den Unfall verursacht hat, die macht das ja nicht absichtlich. Da sind wir eben wieder bei der Thematik: Wir haben keine abgesperrten Rennstrecken wie bei der Formel 1. Man kann nicht tausende Grundstücksausfahrten und Kreuzungen auf einer so langen Strecke komplett abriegeln. Es reicht, dass ein Ordner kurz nicht aufpasst, und schon ist es passiert. Das nennt man menschliches Versagen.

Kommen bei Ihnen Erinnerungen an Ihren eigenen Sturz hoch, wenn Sie die ganzen Bilder sehen?
Speziell der Sturz von Jakobsen im Schlusssprint bei der Polen-Rundfahrt war ja sehr ähnlich zu meinem Sturz damals, auch ich hatte damals alle Gesichtsknochen gebrochen. An dem Abend, als ich die Bilder gesehen hatte, ging es mir echt dreckig. Mein Unfall war ja damals am 11. August. Diese Zeit ist für mich ohnehin immer komisch. Für mich ist der 11. August so etwas wie ein zweiter Geburtstag.

"Aus deutscher Sicht können wir uns auf die Tour freuen"

Noch kurz ein Ausblick auf die Tour de France: Viele Favoriten sind nach den Stürzen angeschlagen, neben Buchmann auch Primoz Roglic oder Steven Kruijswijk.
Ganz ehrlich: So eine offene, unvorhersehbare Tour wie in diesem Jahr gab es ewig nicht mehr – so sie denn stattfindet. Denn ich sehe momentan steigende Infektionszahlen in Marseille. Die Tour soll in Nizza starten, das ist nicht so weit weg davon. Roglic ist natürlich der Topfavorit, aber ich frage mich, ob er nicht zu früh in Topform ist. Die letzte, wohl entscheidende Tourwoche ist erst in fünf Wochen.

Was trauen Sie Buchmann zu?
In diesem Jahr ist alles möglich, auch ein Toursieg von Emanuel Buchmann. Und vergessen Sie Lennard Kämna nicht, so geil wie der zuletzt gefahren ist. Der geht als junger Fahrer komplett ohne Druck rein. Aus deutscher Sicht können wir uns auf die Tour freuen. Hoffen wir nur, dass die Verletzungen nicht zu schlimm sind – und dass die Tour auch tatsächlich stattfindet. Das hätten sich die Fahrer nach all der Schinderei wahrlich verdient.

Lesen Sie hier: Belgier van Aert gewinnt 111. Rad-Klassiker Mailand-Sanremo

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