Timo Glock: Auf Ferrari und Vettel lastet jede Menge Druck

Rennfahrer und TV-Experte Timo Glock spricht vor dem Start der Formel-1-Saison über die Titelchancen des Ferrari-Stars, die Gefahr durch dessen neuen Teamkollegen – und einen Generationenwechsel.
| Johannes Schnabl
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Kann er Vettel gefährlich werden? Jungstar Charles Leclerc.
David Davies/dpa Kann er Vettel gefährlich werden? Jungstar Charles Leclerc.

München - AZ-interview mit Timo Glock. Der 36-Jährige bestritt zwischen 2004 und 2012 insgesamt 91 Rennen in der Formel 1 und fuhr dreimal aufs Podest. Seit 2013 startet er in der DTM für BMW und arbeitet nebenbei als TV-Experte für RTL.

AZ: Herr Glock, in den Testfahrten sah es so aus, als wären die Ferraris in diesem Jahr so stark wie lange nicht mehr.
TIMO GLOCK: Die sind verdammt stark. Wenn man sich die Zeiten der letzten Tests anschaut, dann könnte man meinen, dass Mercedes auf Augenhöhe ist. Der Grund, warum ich Ferrari aber stärker einschätze, ist einfach die Konstanz. Die sind am ersten Tag rausgefahren und waren gleich verdammt schnell. Das zeigt, dass alles, was sie vorher geplant haben, auch funktioniert hat. Das Verständnis vom Auto scheint sehr gut zu sein. Mercedes dagegen hatte in der ersten Testwoche Probleme, dann haben sie in der zweiten Woche fast ein komplett neues Auto hingestellt. Das zeigt, dass man sich erst etwas anderes erhofft hat.

Allerdings hat Ferrari in den vergangenen Jahren zu Beginn immer stark ausgesehen und am Ende hatte man das Nachsehen. Kann es sein, dass Mercedes wieder nur blufft? Die Trainingsergebnisse sahen gleich ganz anders aus.
Die Frage kann nur Mercedes beantworten. Wir können ja nur von außen draufschauen, die Interna wissen wir nicht. Mit welchen Motoreinstellungen sind die Teams gefahren, wie viel Sprit hatten sie im Tank. Da sind noch so viele Fragezeichen. Dennoch sehe ich Ferrari in diesem Jahr stärker.

Vettel unter Druck - kann ihm Leclerc gefährlich werden?

Auf Sebastian Vettel lastet viel Druck, es wird sein fünfter Titel erwartet, der erste mit Ferrari. Was spricht für ihn?
Das Auto ist der wichtigste Faktor – und das scheint zu passen. Dann liegt es an Sebastian, das auch umzusetzen. Wir wissen ja auch, dass Ferrari im vergangenen Jahr den ein oder anderen taktischen Fehler gemacht hat und auch Sebastian ein paar Schnitzer drin hatte. Nun hat Ferrari natürlich den Nachteil, dass eine Menge Druck auf ihnen lastet. Die müssen jetzt gewinnen, sie haben den Etat erhöht, alles wäre bereit, die WM zu gewinnen. Aber unter Druck macht man eben auch Fehler – und in diesem Punkt war Mercedes zuletzt immer verdammt stark, auch Lewis Hamilton. Die haben keine Fehler gemacht.

Ein weiterer Konkurrent von Vettel fährt nun im eigenen Team. Wie gefährlich wird ihm der junge Charles Leclerc, der von Sauber gekommen ist?
Das wird sehr, sehr interessant zu beobachten. Wir haben gesehen, was Leclerc im Sauber letzte Saison alles angestellt hat, und wie gut der drauf war. Da weiß auch Sebastian, dass er jetzt performen muss. Aber er muss diese Situation im Cockpit ausblenden – das kann er sehr gut. Und vielleicht kann ihm Leclerc im Titelkampf sogar helfen. Aber klar, der will der Welt auch zeigen, wie gut er drauf ist.

Sollte er einschlagen, dann geht es für Vettel auch um die Zukunft bei Ferrari, oder?
Sagen wir mal so, fährt Leclerc wirklich so stark, macht es das für Sebastian nicht einfacher.

Kann er Vettel gefährlich werden? Jungstar Charles Leclerc.
Kann er Vettel gefährlich werden? Jungstar Charles Leclerc. © David Davies/dpa

Hamilton weiter auf Rekordjagd

Hamilton muss dagegen nichts mehr beweisen, er jagt jetzt Rekorde. Kann er die Bestmarken von Michael Schumacher knacken?
Das kommt auf die Konkurrenz drauf an. Klar, wenn Mercedes es schafft, ihm jedes Jahr ein titeltaugliches Auto hinzustellen, dann ist die Chance definitiv groß, die Rekorde zu knacken, denn das Fahren verlernt er ja nicht. Es könnte aber genausogut sein, dass Vettel es noch schafft, wenn ihm Ferrari in den nächsten Jahren das bessere Auto hinstellt. Denn in der Formel 1 kommt es immer auf das Gesamtpaket an. Das hat man zuletzt bei Fernando Alonso gesehen, der erst immer um die WM gekämpft hat. Und dann bei McLaren keine Chance mehr hatte, vorne mitzufahren.

Immer wenn über Hamiltons Rekordjagd gesprochen wird, denken Sie dann auch an seinen ersten Titel 2008, als er sie in Brasilien kurz vor Schluss überholte und so Felipe Massa den sicher geglaubten Titel noch wegschnappte?
Da muss ich nicht dran denken, weil ich jedes Jahr daran erinnert werde. Das ist jetzt so lange her, aber spätestens, wenn das Rennen in Brasilien ansteht, dann habe ich wieder 50 Interview-Anfragen. (lacht)

Nach Abgang von Alonso: Generationenwechsel in der Formel 1

Dann nerven wir Sie nicht länger und schauen auf die anderen Teams. Sind Red Bull und vielleicht auch Renault mit Nico Hülkenberg und Danni Ricciardo schon so weit, ganz vorne mitzufahren?
Ich denke, die Reihenfolge ist die gleiche wie in den vergangenen Saisons. Mercedes und Ferrari liegen einen Sprung vor Red Bull. So kam es mir bei den Tests zumindest vor. Es sei denn, Red Bull hat gepokert und zeigt erst alles jetzt in Australien. Meine Rangordnung sähe so aus: Ferrari und Mercedes vorneweg, mit etwas Abstand dann Red Bull und dahinter kommt erst der Rest, aber da wird es dann richtig spannend. Renault hat einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht, bei Sauber siehts sehr gut aus, aber da kann man wirklich nicht sagen, wer best of the rest wird. Nur am Ende des Feldes sehe ich leider das Traditionsteam von Williams.

Spannend dürfte auch die neue Fahrerkonstellation in der Formel 1 werden. Manche erfahrene Piloten wie Alonso sind weg, dafür gibt es viele junge Fahrer oder Rookies.
Ja, so langsam steht wieder ein Generationenwechsel an. Aber natürlich ist es schade, dass die Formel 1 einen Mann wie Alonso verliert. Das zeigt aber auch das Problem der Formel 1. Hätten mehr Teams die Möglichkeit, um Titel mitzufahren, dann würde sich so einer doch nie was anderes suchen. Klar ist doch, dass ein Fahrer wie Alonso um Titel fahren will. Sein Abgang sollte eine Warnung für die Formel 1 sein, ich glaube aber nicht, dass das bei den Machern der Formel 1 wirklich verstanden wird.

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