Thurau: "Die haben so gedopt, es ging um Leben und Tod"

Rad-Ass Didi Thurau über die Tour, Doping, die Ausbootung seines Sohnes Björn und warum Lance Armstrong für ihn siebenmaliger Champion bleibt.  
| Matthias Kerber
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Der des Dopings überführte Lance Armstrong.
dpa Der des Dopings überführte Lance Armstrong.

Rad-Ass Didi Thurau über die Tour, Doping, die Ausbootung seines Sohnes Björn und warum Lance Armstrong für ihn siebenmaliger Champion bleibt.

AZ: Herr Thurau, am Samstag startet die Tour de France. Ohne Ihren Sohn Björn, der überraschend von seinem Team doch nicht für die Frankreich-Rundfahrt nominiert wurde, bei der Sie selber 1977 insgesamt 15 Tage im Gelben Trikot des Gesamtführenden unterwegs waren. Wie groß ist die Enttäuschung?

DIDI THURAU: Der Frust ist natürlich enorm. Ich hatte schon alles arrangiert, dass ich im Teambus mit zum Auftakt fahre und live dabei bin, wenn der Björn seine Tour de France fährt. Das habe ich gleich gecancelt, darauf habe ich jetzt keinen Bock mehr. Für Björn war das natürlich ein echter Tiefschlag, er ist extra zu diesem Team gewechselt, um die Tour zu fahren, er hatte auch eigentlich die Zusage und dann das. Da muss es intern etwas gekracht haben. Er hat ja aufgrund von Magenproblemen zuletzt mal aufgeben müssen, da haben sie wohl ein bisschen das Vertrauen verloren, denn von der Leistung her, kann sein Team eigentlich nicht auf ihn verzichten.

Wie geht Ihr Sohn mit der Entscheidung um?

Er war vollkommen down, hat dann extrem den Moralischen gekriegt. Da kommen natürlich schon Gedanken auf, warum tut man sich all das an, wenn einem dann das eine große Highlight verwehrt wird. Ich habe dann versucht, ihn aufzubauen, ihm gesagt, dass er sich neue Ziele setzen muss. Aber das ist nicht leicht. Und er hat ja schon immer seinen eigenen Kopf gehabt.

Klingt, als seien Sie frustriert.

Ach, ich finde es ja gut, dass er seinen eigenen Weg gehen will, das macht einen stark. Aber es hätte sicher nicht geschadet, wenn er das eine oder andere mal auf mich gehört hätte. Wer meint es denn besser mit einem als der eigene Vater? Ich habe ja nun mal in meiner Karriere viele Erfahrungen gesammelt. Gut und schlecht. Ich habe selber viele Fehler gemacht, er hätte es sich leichter machen können, wenn er sich die gleichen Fehler erspart hätte, weil er auf mich gehört hätte. In manchen Rennen ist er ja auch wirklich dumm gefahren, da hat er die Körner frühzeitig verschossen, statt taktisch zu fahren. Von der kraft in den Beinen her, wäre bei ihm mehr drin. Aber es ist sein weg, seine Entscheidung, seine Karriere.

Nach mehrjähriger Pause aufgrund der der Dopingproblematik im Radsport übertragen die öffentlich-rechtlichen Sender jetzt wieder.

Das freut mich. Das ist nun mal mein Sport, der Sport, den ich liebe. Jeder verdient eine zweite Chance im Leben.

Im Radsport ist es eher die hundertste Chance...

(lacht) Okay, verstehen sie mich nicht falsch, der Radsport hat sich das alles selber zuzuschreiben. Was da abgelaufen ist, das konnte man nur mit rigidem Vorgehen, mit Sanktionen bekämpfen. Das waren Strukturen, die definitiv kriminelle Energien bewiesen, die nicht zu unterschätzen waren. Das Vorgehen war auch gut so, nur so konnte man den Sumpf trockenlegen. Ob er wirklich trocken ist, weiß keiner. Aber im Radsport weiß man es aufgrund der extremen Kontrollen noch eher als in anderen Sportarten.

Gerade durch die Aufdeckungen der Machenschaften der Freiburger Sportmediziner ist ja jetzt offensichtlich, dass es in anderen Sportarten auch nicht wirklich besser zuging.

Absolut. Im Nachhinein hat man schon ein bisschen das Gefühl, der Radsport wurde als Prügelknabe missbraucht, er war der Sündenbock für alle. Da wurden alle an den Pranger gestellt, während man bei anderen Sportarten nicht so genau hinschaute. Ich will da sicher nichts beschönigen. Auch zu meiner Zeit wurden ja Mittel genommen, Doping in irgendeiner Form hat fast immer dazugehört, aber im Vergleich zu dem, was dann später abging, waren wir Waisenkinder und Chorknaben. Ich habe mich später sehr genau damit beschäftigt, was da abging. Das war Irrsinn, da muss man ungelogen sagen. So wie die gedopt haben, war es eine Frage von Leben und Tod.

Besonders die Ära Lance Armstrong, dem nachträglich seine sieben Tour-Siege aberkannt wurden, war dopingverseucht.

Klar, aber mit stößt die Verlogenheit auf, mit der da agiert wird. Da wird ein Mann exemplarisch fertiggemacht, bis er wirklich im Dreck liegt. Aber wenn man das mal ohne Ideologie betrachtet: Zu dieser Zeit im Radsport, war nicht nur er gedopt, sondern der 180 war genauso voll bis oben hin. Entweder erkennt man dann alle Platzierungen ab und alle müssen die Preisgelder zurückzahlen - oder keiner. Ich sehe das so: Es waren alle voll bis in die Haarspitzen. Wenn alle nichts genommen hätten, dann wären die Ergebnisse die gleichen gewesen. Armstrong hätte gewonnen. Er hatte den Willen, die Kraft, den Instinkt, die Intelligenz. Das muss man einfach mal anerkennen. Für mich ist er weiter ein siebenmaliger Champion, auch, wenn er offiziell aus den Geschichtsbüchern gestrichen wurde.

Was trauen Sie den Deutschen bei dieser Tour zu.

Sehr viel! Tony Martin hat sehr gute Chancen, sich gleich beim Prolog das Gelbe Trikot zu holen. Da gibt es nicht viele, die ihn schlagen können. Und John Degenkolb ist ein Allrounder, der auch die taktische Finesse hat, so eine lange Rundfahrt erfolgreich zu gestalten, dazu noch Andre Greipel. Die Deutschen sind richtig gut aufgestellt, ich freue mich sehr.

 

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