Sotschi: Wie brutal Olympia sein kann

Michael Greis holte dreimal Gold. Im AZ-Interview spricht der Ex-Biathlet über die Außenseiterrolle der Deutschen, das Fehlen von Neuner, seine Wünsche für Henkel und die Bedingungen in Sotschi.
| Matthias Kerber
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München - AZ: Herr Greis, wie würden Sie, der Biathlon-König der Spiele von Turin, der 2012 seine Karriere beendet hat, den Zustand des deutschen Teams beschreiben? Nach Jahrzehnten der Dominanz sind die Deutschen eher Außenseiter als Favoriten.

MICHAEL GREIS: Ich denke, dass man jetzt erst richtig sieht, was wir in Deutschland für Ausnahmeathleten hatten. Angefangen von Uschi Disl über Kati Wilhelm bis hin zu Magdalena Neuner. Man hat diese Dominanz lange Zeit fast als selbstverständlich hingenommen, aber das war sie nie. Champions kann man sich nicht backen. Wenn es so leicht wäre, würde das ja jede Nation machen. Ich hoffe sehr, dass einige bei uns in der Lage sind, bei diesen Spielen über sich hinauszuwachsen.

Wie schwer wiegt es, dass Magdalena Neuner so früh zurückgetreten ist?

Sehr schwer. Das hat ein Loch gerissen, das kaum zu stopfen ist. Früher hatten wir diese fast nahtlosen Übergänge. Neuner konnte im Schatten von Wilhelm reifen. Dadurch, dass Neuner in so jungen Jahren zurückgetreten ist, hatten die Jungen wie Franziska Preuß und Laura Dahlmeier nicht die Zeit, in Magdalenas Windschatten zu wachsen.

Wird Andrea Henkel ihren Abschied mit Gold feiern können?

Läuferisch schätze ich sie im Moment nicht ganz so stark ein, aber beim Schießen ist sie eine Bank. Ich wünsche ihr, dass sie, die ja schon seit 2002 ganz vorne mit dabei ist, ihr letztes Hurra feiert. Verdient hätte sie es.

Ihre Meinung dazu, dass nicht Henkel, sondern Alpin-Star Maria Höfl-Riesch die deutsche Fahne trägt?

Es ist gut, wie es ist. Für Andrea wäre das eine enorme Ablenkung und Belastung gewesen. Bei mir stand bei den Spielen 2010 in Vancouver auch im Raum, dass ich die Fahne hätte tragen sollen. Aber ich habe sehr frühzeitig dankend abgelehnt. Klar ist das eine Ehre, die man nur einmal im Leben hat, aber die Biathleten sind ja gleich dran, die Konzentration wird gestört, das kann dich eine Medaille kosten. Außerdem ist die Maria ja doch deutlich größer und auch kräftiger als die Andrea, die wird die Fahne viel lockerer stemmen. (lacht)

Was trauen Sie denn den deutschen Biathleten zu?

Ich bin gerade die Strecken abgefahren, die Frauenpiste ist nicht so schwer, wie angenommen wurde, das müsste uns entgegenkommen. Das wird also eher am Schießstand entschieden, da haben wir ja unsere Stärken. Gerade in der Staffel können wir ganz vorn dabei sein. Die Männerstrecke ist schwieriger. Es herrschen hier grandiose Bedingungen.

Da schlägt in Ihnen das Sportlerherz wieder höher!

Absolut! Da kribbelt es wieder im ganzen Körper, am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen und wieder antreten. Es ist ein Traumwetter hier. Für mich besonders, wir haben hier ein Hotel, da falten mir die Zimmermädchen sogar die Klamotten zusammen. Perfekt für einen alten Sportler. (lacht)

Erklären Sie, Triple-Olympiasieger, König von Turin, uns doch bitte mal die Faszination von Olympia.

Das ist einfach das Größte. Auch für die Öffentlichkeit. Eigentlich war ich im Jahr darauf noch viel stärker, habe ja auch drei Medaillen bei der WM geholt und den Gesamtweltcup gewonnen, aber das hat irgendwie keiner mehr wahrgenommen. Für die Öffentlichkeit gab es nur Olympia. Das kann so brutal sein, denn ein paar Sekunden können in unserem Sport echt über dein gesamtes zukünftiges Leben entscheiden. Es hat mein Leben definitiv verändert und geprägt.

Sie werden immer der Triple-Olympiasieger bleiben. Wie wär’s denn eigentlich mit Bundestrainer?

Ich sollte wohl, bevor ich daran denke, erstmal was Gescheites lernen. (lacht)

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