Skisprung-Legende Dieter Thoma im AZ-Interview: "Freund hat sich eine gewisse Stellung verdient"

Vor Saisonbeginn spricht Dieter Thoma in der AZ über das Comeback des einstigen Vorzeigespringers und die neuen Herausforderungen für Andreas Wellinger. "Ich bin gespannt, wie er zurechtkommt."
| Johannes Schnabl
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Dieter Thoma im Interview. Der 49-Jährige war in den 90er-Jahren einer der besten Skispringer. Heute ist er TV-Experte bei der ARD.
Augenklick/sampics Dieter Thoma im Interview. Der 49-Jährige war in den 90er-Jahren einer der besten Skispringer. Heute ist er TV-Experte bei der ARD.

Vor Saisonbeginn spricht Skisprung-Legende Dieter Thoma in der AZ über das Comeback des einstigen Vorzeigespringers und die neuen Herausforderungen für Andreas Wellinger. "Ich bin gespannt, wie er zurechtkommt."

München - AZ-Interview mit Dieter Thoma: Der 49-Jährige war in den 90er-Jahren einer der besten Skispringer. Er holte drei Olympische Medaillen und gewann in der Saison 1989/90 die Vierschanzentournee. Heute ist der TV-Experte bei der ARD.

Herr Thoma, beim Auftakt der Skispringer in Wisla an diesem Samstag (Teamspringen: 16.00 Uhr/ARD) ist Severin Freund noch gar nicht dabei. Trotzdem dreht sich vorab alles um ihn.
DIETER THOMA: Nach seinen ganzen Verletzungen muss man geduldig warten, wie er in die Saison startet. Viele werfen ihm ja vor, er sei nach seinem ersten Kreuzbandriss zu früh gesprungen. Aber ich muss zu seiner Ehrenrettung sagen, dass ich nach meinem Kreuzbandriss wieder nach sechs Monaten voll belastet habe - und bei mir hat das gehalten. Die Art der Belastung ist von Körper zu Körper unterschiedlich. Er hatte einfach schon öfter Pech.

Inwiefern?
Naja, er war Skiflugweltmeister, Weltmeister 2015, Teamolympiasieger, Gesamtweltcupsieger. Pech hatte er allerdings bei einigen 4. Plätzen bei Großveranstaltungen, einen Peter Prevc, der meistens zu stark war, dazu Stürze bei Olympia 2014 und bei der Tournee in Innsbruck 2016. Aber er war immer ein Vorbild und ging voran. Dennoch, die ganzen Verletzungen, die zwei Kreuzbandrisse: Das ist schon eine große Aufgabe. Das muss man erstmal verkraften. Technisch, körperlich, aber vor allem psychisch.

Wie groß ist denn die Angst eines Skispringers nach so einer Verletzungsgeschichte?
Du kannst deinen Körper trainieren, die Technik updaten, aber der Kopf spielt eine ganz wesentliche Rolle. Jedes Erlebnis hinterlässt etwas im Unterbewusstsein. Bei weiten und hohen Anflügen hatte ich immer ziemlichen Respekt davor, da unten einen Telemark zu landen. Du fragst dich: Hält das Knie oder hält es nicht? Dieses Gefühl musst du mit Erfolgserlebnissen wieder aus dem Kopf bekommen.

Thoma: Freund bekommt die Unterstützung vom Team

Denken Sie, es ist vernünftig, dass Freund zurückkommt?
Das erinnert mich alles an Martin Schmitt. Da war auch immer die Frage: Wann ist es Zeit, aufzuhören? Aber mir hat Martin dann einen Satz gesagt - und den fand ich echt geil: "Warum soll ich denn mit etwas aufhören, was mir so viel Spaß macht?" Und das kann ich nur weitergeben. Es ist sein Leben, sein Körper.

Nun muss Freund sich mit einer neuen Rolle abfinden. Vor seinen Verletzungen war er der Star im deutschen Team.
Ich glaube, die Rollen macht man sich selbst. Man muss seinen eigenen Weg finden und einfach sehen, wozu es reicht. Ob ich jetzt der Erste im deutschen Team bin oder nicht, das ist doch wurst. Denn man will ja international um Erfolge springen. Severin bekommt volle Unterstützung vom Team. Und er hat auch viel geleistet, die Jungen konnten sich in seinem Schatten entwickeln. Vielleicht schafft er es jetzt unter ihrem Schutzschild, wieder zu alter Form zu finden.

Sollte sich Bundestrainer Werner Schuster trauen, ihn aus dem Kader zu nehmen, falls er nicht so gut ist wie die anderen?
Der DSV hat zu Beginn sieben Startplätze und deshalb schon einiges an Spielraum. Klar ist aber schon, dass sich Severin eine gewisse Stellung auch verdient hat. Und ich finde, dass man das nach außen auch eine gewisse Zeit lang zu einhundert Prozent vertreten kann. Dann wird man sehen.

Thoma: Wellinger "noch immer der gleiche Mensch"

Einer der Stars ist nun Andreas Wellinger, der Olympiasieger. Ist er so weit, seine Leistungen über eine ganze Saison zu bringen?
Der Junge ist gerade mal 23 und hat schon wahnsinnige Erfolge zu verbuchen. Klar war er nicht immer zu hundert Prozent stabil, gerade nach dem Olympiasieg hat er Federn gelassen. Aber da war der Kopf unglaublich voll mit Eindrücken, die er erstmal verarbeiten musste. Manchmal braucht er auch ein wenig Anlaufzeit in die Saison, aber er ist ein unglaublich frecher Wettkampftyp. Bei ihm bin ich gespannt, wie er mit der Bürde Olympiasieger zurechtkommt. Er ist der gleiche Mensch, aber die Umwelt um ihn herum verändert sich nun nachhaltig. Und das verändert auch einen selbst.

Hat Sie Ihr Erfolg verändert?
Wissen Sie, man wird sogar von seiner eigenen Familie und seinen Freunden dann ganz anders gesehen. Und plötzlich veränderst du dich unbemerkt selbst. Das ist ganz normal. Denn man sollte sich ja auch weiterentwickeln. Das ist ja nichts Schlechtes oder Überhebliches. Aber irgendwann kommt man wieder auf den Boden der Tatsachen zurück - und dann ist es wichtig, dass das Umfeld geerdet ist. Denn das wahre Leben spielt sich woanders ab.

Auch Richard Freitag, der Weltcup-Zweite, ist ein Gewinner der Vorsaison. Kann er diese Leistung bestätigen? 
Ich glaube sogar, dass noch mehr drin ist. Jetzt funktioniert die Symmetrie nach dem Absprung bei ihm viel besser, auch den schnellen Übergang vom Absprung in den Flug beherrscht er sehr gut. Im Herbst hat er mir sehr gut gefallen.

Großer Favorit ist wohl wieder Kamil Stoch. Oder kommt nun der Einbruch?
(lacht) Das glaube ich nicht. Aber ich glaube auch nicht, dass er alles in Grund und Boden springen wird. Da sind etwa fünf, sechs, sieben Athleten, die sich abwechseln könnten. Das ändert sich von Schanze zu Schanze. Skispringen ist schon ein wahnsinnig enger und geiler Sport. Aber Kamil ist ein Perfektionist, gibt niemals nach. Er ist ein Vollprofi und hat mittlerweile eine unglaubliche Erfahrung.

Erfahrung hat vor allem einer Ihrer ehemaligen Rivalen, Noriaki Kasai. Der ist jetzt 46 und springt immer noch.
Wahnsinn, ich glaube, der will springen, bis er 50 ist. In Japan scheinen die Uhren einfach anders zu ticken. Die müssen andere Sehnen und Gelenke haben. Auch die Ernährung wird da eine große Rolle spielen. Und er ist ja auch leistungsmäßig noch echt bei der Sache - vor allem auf den ganz großen Schanzen.

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