Ski-Löwe Linus Straßer schießt in Kitzbühel aufs Stockerl: Das traut ihm Felix Neureuther bei Olympia zu
AZ: Herr Neureuther, am Wochenende waren Sie wieder als ARD-Kommentator bei den Weltcup-Rennen in Kitzbühel, eins aufregender und emotionaler als das andere. Ist das Adrenalin schon wieder raus Ihnen?
FELIX NEUREUTHER: Noch nicht wirklich. Am Samstag die Abfahrt mit dem jungen Giovanni Franzoni als Sieger, dann die Geschichte mit Marco Odermatt, mit den Österreichern, auf die nach den für sie so enttäuschenden Speed-Rennen draufgehauen wurde, am Sonntag aber dieser Sieg von Manuel Feller, nach all dem, was der zuletzt durchgemacht hat – das war schon ganz großes Kino! Und dann natürlich noch der Linus: zurück auf dem Podium! Das war schon ein sehr spezielles Wochenende, definitiv.
Fast so aufwühlend wie zu Ihren aktiven Zeiten?
Wenn man selbst fährt, ist es natürlich schon noch ein bisschen krasser. Aber dieses Gesamt-Event Kitzbühel ist einfach unfassbar. Gefühlt wird hier jedes Jahr eine neue Benchmark in Sachen Event-Organisation gesetzt, was weltweit einmalig ist.
Slalom-Sieger Manuel Feller wird wahrscheinlich in der Nacht kein Auge zugemacht haben …
Völlig zurecht! Seine Frau hat mir ein Bild geschickt, wie die Gams zu Bruch gegangen ist …

Wie bei Neureuther: Auch Fellers Sieger-Gams geht kaputt
Seine auch?
Ja, da gibt es gewisse Parallelen …
Bei Ihrem Premieren-Sieg in Kitzbühel 2010 war der Siegerpokal bei der anschließenden Feier ebenfalls entzwei …
Ich hatte den Fellers zur Hochzeit ja ein Stück von meiner Gams geschenkt, die damals kaputtgegangen ist. Man muss aber dazu sagen: Die Gams ist aber auch relativ zerbrechlich.
Linus Straßer hat vor zwei Jahren die goldene Gams gewonnen und sich nun gewaltig über Platz drei gefreut – der erste Podestplatz nach seinem Materialwechsel. Wie haben Sie ihn in den letzten Wochen und Monaten erlebt?
Er war im Training schon extrem schnell, hat ja nicht das Skifahren verlernt, konnte es bis dahin noch nicht so im Rennen umsetzen. In Kitzbühel ist er den zweiten Durchgang mit dem Messer zwischen den Zähnen gefahren. Es kann so schnell gehen, und plötzlich sind die Hundertstel auf deiner Seite. Die Kurssetzung seines Trainers ist ihm auch entgegengekommen. Er hat riskiert, und es ist ihm aufgegangen – so musst du Slalom fahren, sonst hast du keine Chance. Das hat schon sehr gut ausgesehen.

Heißt: Beim Nachtrennen am Mittwoch in Schladming kann das jetzt so weitergehen, oder?
Vom Kopf her war das extrem wichtig. Wenn du sehr aktiv fährst und wirklich schnell fahren willst, dann kommt auch die Sicherheit irgendwann, und du bist auch an diesem Limit stabil unterwegs. Wie Odermatt jedes einzelne Rennen angeht, wie der sich geärgert hat über Platz zwei! Das Mentale spielt einfach eine riesengroße Rolle. Vom Material her ist der Linus sensationell gut aufgestellt, wie man auch beim Markenkollegen Atle-Lie McGrath gesehen hat. Jetzt weiß er, was zu tun ist, um wirklich schnell sein zu können.
Das traut Neureuther Ski-Löwe Straßer bei Olympia zu
Gerade rechtzeitig vor Olympia, dem Slalom in Bormio, wo im Weltcup stets nur Speed-Rennen stattfinden.
Es wird nicht unbedingt der schwierigste Slalom. Wenn man sich die Spiele der vergangenen Jahre ansieht: Das waren alles keine klassischen Alpin-Hänge, wo sonst Weltcup gefahren wird. In Bormio und Cortina wird es jedenfalls absolut verdiente Olympiasieger geben.
Linus Straßer ist dort nun einiges zuzutrauen, oder?
Das konnte man vor Kitzbühel auch schon. Ich habe das nicht so dramatisch gesehen, wie manch andere. Wer auf dem Podium steht, ist automatisch Medaillenkandidat.
Diskussion um Nominierungskriterien
In der Abfahrt überraschte Luis Vogt mit Platz acht und brachte damit wieder die Diskussion über die Nominierungskriterien für Olympia ins Rollen …
Diese Quotenregelung muss dringend überdacht werden, denn bei einem solchen Großereignis müssen die Besten dabei sein, sonst kann es keinen würdigen Olympiasieger geben.
Simon Jocher würde es sicher freuen, wenn nicht er allein das deutsche Speed-Team bilden müsste. Ansonsten ist Riesenslalom-Spezialist Fabian Gratz auch eine Überraschung zuzutrauen, oder?
Der fährt einen pfeilschnellen Schwung. Natürlich sind wir da nicht in der Favoritenrolle, aber bei Olympischen Spielen ist völlig egal, was in der Vergangenheit war. Die Uhren stehen wieder bei null, und prinzipiell ist alles möglich.
Auf wem die Olympia-Hoffnungen bei den Damen ruhen
Schauen wir noch Richtung Cortina, zu den Damen-Wettbewerben, wo die deutschen Hoffnungen vor allem auf Emma Aicher ruhen.
Vergessen wir die Kira Weidle-Winkelmann nicht! Sie und die Emma funktionieren unheimlich gut als Team, pushen sich gegenseitig, sind füreinander da, die Eine profitiert von der Anderen. Es macht total viel Spaß den beiden zuzuschauen.

Heißt: Olympia wird großartig, oder?
Das hoffe ich doch!
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