Rudi Altig: "Ich bin nicht mehr stolz"

Bei der Straßenrad-WM am Wochenende vermisst Rudi Altig, der 1966 triumphierte, deutsche Stars – und einen Nachfolger. „Es wird nach fast einem halben Jahrhundert langsam Zeit”
| Hartmut Scherzer
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Rudi Altig (r.) mit Erik Zabel.
dpa Rudi Altig (r.) mit Erik Zabel.

Bei der Straßenrad-WM am Wochenende vermisst Rudi Altig, der 1966 triumphierte, deutsche Stars – und einen Nachfolger. „Es wird nach fast einem halben Jahrhundert langsam Zeit.”

Sinzig  Von seinem Haus und Garten im Sinziger „Höhenort” Koisdorf hat Rudi Altig (76) einen weiten Blick: auf den Rhein, das Siebengebirge, den Drachenfels, den Petersberg bei Bonn. An diesem Sonntag würde die Radsport-Ikone gern via Fernseher nach Florenz schauen, ob er bei der Straßenrad-WM nach nunmehr 47 Jahren endlich seinen deutschen Nachfolger findet. Nur: Kein deutscher Sender überträgt. Auch „Eurosport” nicht, obwohl der Spartenkanal sich als „der Radsportsender” rühmt. „Jetzt übertreiben sie’s”, schimpft der Altchampion über den Blackout nach den öffentlich-rechtlichen Boykotts.

Auf den Nimbus, immer noch letzter und zweiter deutscher Straßenweltmeister (nach Heinz Müller 1952) in fast hundert Jahren zu sein, „bin ich in meinem Alter nicht mehr stolz”, sagt Altig. „Stolz wäre ich, wenn der deutsche Radsport endlich meinen Nachfolger hätte. Es wird nach fast einem halben Jahrhundert langsam Zeit.” Didi Thurau und Erik Zabel waren je zweimal Zweiter. „Aber nahe dran ist nicht ganz vorn”, sagt der gebürtiger Mannheimer mit seinem immer noch herauszuhörenden Kurpfälzer Singsang.

Mehr erwartet der viermalige Tour-Etappen- und zweimalige Klassiker-Sieger (Flandern-Rundfahrt, Mailand-San Remo) vom deutschen Sextett auch in Florenz nicht. „Mein großer Favorit ist Fabian Cancellara”, sagt Altig und fügt ironisch hinzu: „Ich rate Degenkolb: Bleib am Hinterrad des Schweizers. Dann wirst du wenigstens Zweiter.” Wen von den – wenn auch dopingbelasteten – Protagonisten der letzten vierzig Jahre hätte er denn das Regenbogentrikot am ehesten gegönnt? Thurau, Ullrich, Zabel? „Rolf Gölz”, antwortet Altig mit einem Augenzwinkern. „Weil ich damals bei der WM 1986 in Colorado Bundestrainer war und den Titel auch ein bisschen als meinen Triumph empfunden hätte.” Der Klassikerspezialist fuhr als 75. durchs Ziel...

Degenkolb (24), Vierter letztes Jahr in Valkenburg, nennt den Kurs in der Toscana mit drei steilen Rampen „knüppelhart”. Für Altig ist die selektive Strecke dennoch kein Grund für Sprinter, zu Hause zu bleiben. Nach seiner These machen die Rennfahrer ein Rennen schwer (oder leicht), und weniger das Streckenprofil. Er findet es „einfach traurig”, dass die beiden erfolgreichsten deutschen Radprofis Marcel Kittel und André Greipel fehlen. „Sie hätten sich zeigen müssen.” Ex-Sprinter Altig war auf dem hügeligen Nürburgring 1966 im Endspurt gegen drei Franzosen und einen Italiener vor seinem Freund Jacques Anquetil Weltmeister geworden.

Doping – das war zu seiner Zeit in den 1960er Jahren noch Kavaliersdelikt. „Wir haben Kopfwehtabletten genommen”, sagt er belustigt. Nach Altigs Verständnis „fängt Doping an, wenn das Blut manipuliert wird”. Wie systematisch seit Mitte der 1990er Jahre. Daher dürfe es keine Freigabe des Dopings geben. „Schon zum Schutz der Jugend.” Er habe immer dazu gestanden, auch mal „Kopfwehtabletten” genommen zu haben: „Aber ich kann jedem offen in die Augen schauen und mir jeden Morgen im Spiegel. Ich bin stolz darauf, was ich gemacht und erreicht habe. Ich bin nicht krank. Mir geht es einfach gut. Meine drei erwachsenen Kinder sind gesund.”

Rudi Altig ist in zweiter Ehe seit 1981 mit der Schweizerin Monique verheiratet. Der mehrmalige Träger des Gelben Trikots ist ein rüstiger Rentner, obwohl ihm 1994 nach einer Krebsdiagnose der Magen vollständig entfernt wurde. „Wenn es sein muss”, steigt der Senior bei Benefizrennen noch aufs Rad. „Aber mehr als fünfzig Kilometer sind nicht drin.”
Die Schränke und Vitrinen in seinem Haus sind gefüllt mit Trikots und Trophäen, Medaillen (dreimal Verfolgungsweltmeister auf der Bahn) und Urkunden (Sportler des Jahres 1966, Bundesverdienstkreuz, Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz).

Nur das bedeutendste Exponat fehlt in der Sammlung, das Regenbogentrikot von 1966. Seit 47 Jahren. „Das habe ich nach der Siegerehrung dem Patron meines italienischen Rennstalls, Pietro Molteni, geschenkt.” Das war bisher nicht bekannt. Rudi Altig trocken: „Es hat mich ja auch keiner danach gefragt.” 

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