Interview

Regina Halmich über Frauenschläger Schwarz: "Armselig"

Der Boxer Tom Schwarz hat seiner Ex-Freundin mit einem Faustschlag den Kiefer gebrochen und kommt mit einer 2.500-Euro-Geldstrafe davon. Box-Queen Regina Halmich spricht hier über das Skandalurteil.
| Matthias Kerber
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"Eine Schande für den Sport", sagt die einstige Box-Queen Regina Halmich über die Tat von Boxer Tom Schwarz (r.), der seiner Ex-Freundin mit einem Faustschlag den Kiefer gebrochen hat.
"Eine Schande für den Sport", sagt die einstige Box-Queen Regina Halmich über die Tat von Boxer Tom Schwarz (r.), der seiner Ex-Freundin mit einem Faustschlag den Kiefer gebrochen hat. © imago images / Oliver Langel

AZ-Interview mit Regina Halmich: Die Karlsruherin war von 1995 bis 2007 Box-Weltmeisterin im Fliegengewicht, dann beendete sie ihre Karriere, sie war unter anderem Schirmherrin der DOSB-Aktion "Gewalt gegen Frauen - nicht mit uns!"

Regina Halmich über Skandalurteil zu Tom Schwarz: "Fassungslos und sprachlos"

AZ: Frau Halmich, der deutsche Schwergewichtsboxer Tom Schwarz ist von einem Gericht bei Magdeburg zu einer Geldstrafe von läppischen 2.500 verurteilt worden, obwohl er seine Ex-Freundin mit einem Faustschlag den Kiefer drei Mal gebrochen hat. Ihre Meinung als frühere Weltmeisterin, die sich in der Macho-Welt Boxen durchgesetzt hat zu Vorfall und Urteil?
REGINA HALMICH: Ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Ich bin fassungslos und sprachlos zugleich - und muss echt fast aufpassen, was ich sage, denn bei dem Thema bin ich sehr emotional. Die Tat ist eine Schande für unseren Sport und das Urteil ist verstörend. Es gibt ja jetzt viele, die sagen, dass wir alle nicht dabei waren und man sich daher kein Urteil anmaßen kann. Doch das kann man! Wenn die Frau nicht gerade mit einem Messer oder eine Pistole bewaffnet war, dann gibt es nichts, was es rechtfertigt, dass ein Boxer mit voller Wucht mit seiner Faust zuschlägt und einer Frau den Kiefer drei Mal bricht. Wobei mir die Diskussion zu kurz greift, wenn man das auf die Frau als Opfer reduziert. Es geht hier grundsätzlich um Gewalt an Schwächeren. Er ist 1,97 Meter groß, weit über 100 Kilo schwer, sie ist 1,62 Meter. Das ist armselig und unentschuldbar. Und wissen Sie, was mich besonders aufregt?

Tom Schwarz, Ex-Juniorenweltmeister im Boxen, vor dem Amtsgerichts Burg.
Tom Schwarz, Ex-Juniorenweltmeister im Boxen, vor dem Amtsgerichts Burg. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

"Tom Schwarz sollte sich dringend psychologische Hilfe holen"

Was?
Mir fehlt jede Form der Reue. Wenn er dann auch noch nach dem Prozess die Siegerfaust zeigt - die Faust, mit der er den Schaden angerichtet hat -, dann ärgert mich das. Er sollte sich dringend psychologische Hilfe holen, es ist ja auch nicht das erste Mal, dass er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist. Er hat sicher einen limitierten Intellekt, aber auch das ist keine Entschuldigung. Ich würde mir auch wünschen, dass wir ihn nie wieder im Boxring sehen, aber selbst wenn ihn der Boxverband BDB jetzt sperren sollte, dann nimmt ihn ein anderer Verband auf - so ist das Geschäft. Da sehe ich jetzt die Promoter in der Pflicht, dass sie Charakter zeigen.

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Das wäre ein gutes Signal in einem Sport, dem es ja an Skandalen nicht mangelt.
Es muss eine klare Botschaft geben, dass Gewalt gegen Schwächere in unserer Gesellschaft nicht toleriert wird. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn jetzt die Box-Größen. . .

Etwa ein Henry Maske, die Klitschkos, Axel Schulz. . .
Genau. Wenn die nach vorne treten würden und diese Message unterstützen. Wenn man bei solchen Themen keinen Konsens findet, keine Front bilden kann, wann dann?

"Dieses Urteil empfinde ich als Verhöhnung der Opfer von Gewalt"

Der Richter erklärte in seiner Urteilsbegründung unter anderem, dass Schwarz seinen Schlag hätte "anders dosieren" müssen, dass Schwarz eben kein "ein Meister der fliegenden Fäuste, nicht des gesprochenen Wortes" ist.
Ich kann kaum glauben, was der Richter gesagt hat. Was ist denn das für eine Botschaft? Gerade jetzt, wo in Zeiten der Corona-Pandemie die Zahlen bei den Vorfällen von häuslicher Gewalt explodieren. Dass der Anwalt noch vorgebracht hat, Schwarz habe sich in einer Notwehrsituation befunden, ist lächerlich. Jetzt, wo er wieder auf freiem Fuß daheim ist, lacht er wahrscheinlich selbst drüber. Ich verstehe dieses Urteil nicht, ich bin von unserer Justiz enttäuscht. Diese Worte, dieses Urteil empfinde ich - und nicht nur ich - als Verhöhnung der Opfer von Gewalt.

Schwarz bekam im Mai für die Beleidigung eines Polizisten im Straßenverkehr eine Geldstrafe von 2.000 Euro aufgebrummt, für den dreifachen Kieferbruch jetzt 2.500 Euro. . .
Das ist nur noch traurig. Man hat das Gefühl, dass alle Steuer- oder Verkehrsdelikte härter bestraft werden, als all die schrecklichen Fälle von Gewalt. Wir haben so viel Gewalt in unserer Gesellschaft - Gewalt gegen Frauen, gegen Kinder, Gewalt gegen Schwächere, sexualisierte Gewalt. Dagegen müssen wir alle die Stimme erheben und etwas tun. Denn die Opfer leiden oft ein Leben lang unter den Übergriffen. Da sind wir alle gefragt, das ist für mich eine gesellschaftliche Verantwortung. Wir alle prägen die Gesellschaft und wir alle müssen sagen - in dieser Gesellschaft ist für Gewalt kein Platz. Keinerlei! Das muss unmissverständlich sein.

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